Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Was Grundschüler im Lockdown verlernt haben

Einige Kinder haben aufgrund der langen Schulschließungen Depressionen und Schulängste entwickelt, hier hilft nur eine therapeut
Einige Kinder haben aufgrund der langen Schulschließungen Depressionen und Schulängste entwickelt, hier hilft nur eine therapeutische Behandlung.

Sozialarbeit war in Corona-Zeiten gefordert wie nie zuvor. Das weiß Nicole Kruse, Schulsozialarbeiterin an den Mutterstadter Grundschulen, nur zu gut. Die Schulschließungen haben Schäden bei den Kindern angerichtet.

Frau Kruse, das Bundesverfassungsgericht hat die vergangene Bundesnotbremse, salopp ausgedrückt, abgesegnet. Ein Fakt, der einen weiteren Lockdown und damit Schulschließungen wieder möglich erscheinen lässt. Wie geht es Ihnen bei diesem Gedanken?
Ich hoffe so sehr, dass nicht noch einmal die Schulen geschlossen werden. Ich bin überzeugt, wir haben in den Schulen ein sehr gut funktionierendes System, solange wir dort weiter testen dürfen. Die Kinder machen das toll. Wir können damit die Schulen sehr gut offenhalten. Und das ist so wichtig.

Was haben wir denn unseren Kindern eigentlich mit den Lockdowns angetan?
Das ist schwer allgemein zu beantworten. Tatsächlich gab es Kinder, für die war es ganz furchtbar, sie haben emotionale Probleme bekommen. Es gab zum Teil auch schlimme familiäre Entgleisungen. Aber es gab auch Kinder, denen hat ein Lockdown gutgetan, um zu sich selbst zu finden, und die auch besser lernen konnten. Das war jedoch leider nur ein sehr geringer Teil.

Was war das größte Problem, unter denen die Kinder litten?
Mit den Schulschließungen brach mit einem Mal die Tagesstruktur weg. Nicht in jeder Familie konnte den Kindern dieser Halt gegeben werden, aus den verschiedensten Gründen, etwa weil beide Eltern arbeiten mussten oder ein Elternteil alleinerziehend ist. Das ist aber nicht vorwurfsvoll in Richtung Eltern gemeint. Diese Kinder hatten es schwer. Und vor allem die Kinder in Familien, in denen das Jugendamt bereits aktiv war. Das haben wir dann in der Zeit der Schulschließungen auch meist geschafft. Wir haben Kinder in die Schule geholt, unabhängig von den Fällen, einfach weil es wichtig war, dass sie betreut sind und schulische Unterstützung bekommen.

Was waren eigentlich Ihre ersten Gedanken als Pädagogin und auch als Mutter, als Mitte März 2020 die Schulen das erste Mal geschlossen wurden?
Da ich grundsätzlich optimistisch bin, war ich damals fest überzeugt, wir sehen uns alle in 14 Tagen wieder.

Es kam leider anders. Was waren dann Ihre schlimmsten Befürchtungen, als die Schulen noch länger zu blieben?
Ich befürchtete, den Kontakt zu den Kindern zu verlieren. Es wurden ja zum Teil nur Lernpakete in der Schule hinterlegt, die irgendwann von den Eltern abgeholt wurden. Ich hatte wirklich fast einen Nervenzusammenbruch, als ich merkte, die Lehrer schaffen es einfach nicht, zu all ihren Kindern Kontakt zu halten. Wir wussten zeitweise tatsächlich nicht, was manche Kinder zu Hause machen. Der Anfang des ersten Lockdowns war eine Katastrophe.

Und wie haben Sie aus dem Chaos gefunden?
Mit vielen Telefonaten, E-Mails, ganz viel Austausch mit Behörden, Organisationen und anderen Sozialarbeitern. Und mit deutlich mehr Hausbesuchen als sonst. Ich musste mich neu orientieren und die Probleme neu einschätzen, denn ich betreue ja fast 400 Kinder zusammen an zwei Grundschulen. Das war für mich sehr emotional, ich hatte wirklich Angst, dass Kinder auf der Strecke bleiben. Aber beim zweiten Lockdown habe ich dann gewusst, wie es läuft.

Es war auch eine enorme Belastung für die Eltern, vor allem die Mütter. Haben Sie viele Hilferufe auch von dieser Seite erreicht?
Ich bin viel rumgefahren zu den Familien. Und fast alle Eltern waren dafür sehr, sehr dankbar. Ich habe aber auch immer schnell klar gemacht, dass mein Besuch nicht bedeutet, dass sie versagen könnten oder würden. Ich bin ja auch Mutter von schulpflichtigen Kindern, bei mir lief’s ja auch nicht rund. Die Familien waren 24 Stunden zusammen, damit sind nicht alle zurechtgekommen, vor allem wenn Rückzugsorte gefehlt haben. Man muss bedenken, dass in Mutterstadt Familien in kleinen Wohnungen mitunter ohne Balkon leben. Bei diesen Kindern haben wir auch dafür gesorgt, dass sie in die Schule kommen können. Aber auch in anderen Familien sind Probleme entstanden oder haben sich potenziert. Leider sind auch psychische Erkrankungen wie Depressionen ausgebrochen, bei Kindern, aber auch bei den Eltern, die hatten zum Beispiel Existenzängste.

Wurde der Stress zu Hause auf die Schulen projiziert?
Zum Teil schon, es gab Eltern, die klipp und klar gesagt haben, ihr Lehrer werdet dafür bezahlt, ich unterrichte mein Kind nicht. Da war Feingefühl gefragt, ich habe dann versucht zu vermitteln. Aber ich bin überzeugt, dass diese Vorwürfe einfach dem Stress geschuldet waren.

Besonders die ersten Schuljahre sind ja elementar und bedürfen besonderer pädagogischer Fürsorge, sowohl bei der Vermittlung des Lernstoffs, aber vor allem auch, um sich an den Schulalltag zu gewöhnen. Welche Auswirkungen hatten die Schulschließungen darauf?
Es gab Defizite beim Erwerb von Schrift und Sprache, nicht alle Eltern hatten einfach die Zeit, das ihren Kindern beizubringen. Aber auch das Erlernen der sozialen Kompetenzen hat bei den Kindern gelitten. Auffallend ist zum Beispiel, dass einige der damaligen Erstklässler zum Teil immer noch nicht in der Klassengemeinschaft angekommen sind. Wir haben da viele Individualisten, die einfach Probleme haben, sich in der Gemeinschaft zurechtzufinden. Und: Wir haben ja immer noch keinen normalen Schulalltag. Die Klassen werden immer noch separiert, viel gemeinschaftliche Aktivitäten sind ausgefallen oder finden auch jetzt nicht statt. Eine Folge ist zum Beispiel, dass die Kinder schneller in Konflikte geraten und Problem beim Lösen dieser haben. Ihre Empathie hat darunter etwas gelitten.

Empathie drückt man ja auch mit Nähe aus. Nun müssen die Kinder seit zwei Jahren fast durchweg immer auf Distanz gehen. Da ist das auch nicht verwunderlich, oder?
Ja, das ist wirklich nicht gut. Die Kinder haben das schon so verinnerlicht, dass sie Nähe als falsch empfinden. Neulich habe ich ein Mädchen in den Arm genommen, weil es traurig war. Ihre Mitschülerin hat uns dann ermahnt: Das dürft ihr nicht! Ich habe ihr dann erklärt, dass es in solchen Fällen aber ganz wichtig ist, sich in den Arm zu nehmen. Nach den Sommerferien war das Distanzhalten mal kurz aufgehoben. In meinen Projekten haben das die Kinder so sehr genossen, wieder nah beisammen sein zu dürfen. Ich hoffe so sehr, dass das bald wieder möglich ist. Ich befürchte, dass das auch uns als Gesellschaft verändern könnte. Denn im Moment sind solche Gesten kaum möglich.

Können Sie die „Corona-Schäden“ allein mit der Schulsozialarbeit beheben?
Im Moment betreiben wohl alle Sozialarbeiter in den Schulen mehr Schadensbegrenzung, als dass sie die Schäden beheben können. Denn wir haben ja immer noch keine normalen Bedingungen. Die richtige Arbeit kann eigentlich erst beginnen, wenn wir nicht mehr auf Distanz achten müssen. Seit den vergangenen zwei Jahren habe ich schon jetzt viel mehr Einzelfallberatungen mit Schülern, Eltern und Lehrern. Aber da muss auch jetzt schon mehr geschehen. Darum plane ich zum Beispiel, Projekte zur Förderung der Gemeinschaft von extern mit ins Boot zu holen. Dafür werden zum Glück auch Gelder vom Kreis zur Verfügung gestellt. Die besonderen Fälle müssen Hilfe von anderer Stelle bekommen. Es ist leider auch so, dass dem Jugendamt 2021 doppelte so viele Fälle gemeldet wurden als 2020.

Was sind die besonders schlimmen Fälle?
Zum Beispiel Depressionen bei Kindern oder eine ausgeprägte Schulangst, also Kinder, die es nicht mehr in die Schule schaffen. Das kann ich als Schulsozialarbeiterin aber nicht mehr auffangen. Hier müssen Therapeuten aufgesucht werden. Aber die Schulsozialarbeit ist der erste, niederschwellige Schritt für die Eltern, sich Hilfe zu holen und sie auch zu bekommen. Und das wird auch genutzt. Zur Sozialarbeiterin haben die Eltern schon von Grund auf einen anderen Zugang als zu den Lehrern und Lehrerinnen.

Schulsozialarbeit wurde schon vor Corona wertgeschätzt, Corona hat aber die Notwendigkeit noch einmal sehr verdeutlicht. Seit 2016 sind Sie Schulsozialarbeiterin an den Mutterstadter Grundschulen, Sie haben aber keinen eigenen Raum, denn in den Grundschulen herrscht derzeit Raumnot. Hemmt das Ihre Arbeit?
In gewisser Weise schon. Es ist wichtig, dass Lehrer und Schüler wissen, wo sie mich antreffen. Die Kinder können dann einfach bei mir vorbeikommen und reden. Derzeit ziehe ich durch die Schulen, die Lehrer müssen mich per Telefon suchen, wenn sie mich brauchen. Das ist nicht optimal. Aber ich bin mir sehr sicher, dass ich schon bald Räume in den Schulen bekomme, spätestens nach der Erweiterung der Pestalozzischule.

Zur Person: Nicole Kruse

Nicole Kruse (Jahrgang 1979) ist ausgebildete Erzieherin und arbeitet nach eigenen Angaben seit 24 Jahren mit Kindern und Jugendlichen zusammen. In ihrer Arbeit richtete sie bald ihr Hauptaugenmerk auf die Schulkinder, vor allem auf die, die nicht den täglichen Anforderungen der Schule standhalten konnten. Schon bald bildete sie sich in diesem Bereich fort, unter anderem auch als Lerntrainerin nach „Klipp und Klar“. Von 2004 bis 2007 leitete sie die Ganztagsschule an der Kurpfalzschule in Dannstadt im Hauptschulbereich. Nach der Elternzeit kehrte sie an die Schule als Schulsozialarbeiterin zurück. Seit 2010 hat sie sich mit einem Lernstudio in ihrem Heimatort Hochdorf-Assenheim selbstständig gemacht. Seit 2016 ist Nicole Kruse zudem als Schulsozialarbeiterin für die beiden Mutterstadter Grundschulen.

 Nicole Kruse
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