Lambsheim
Gleichzeitig Mutter und Erzieherin: „Das ist ein total beschissenes Gefühl“
Das Erste, was Juliana Brauburger macht, wenn sie morgens um 8.15 Uhr ihren Dienst in der Kindertagesstätte Lambiland beginnt, ist der Blick in das Info-Buch der Einrichtung. Dort steht drin, welche ihrer Kolleginnen für den jeweiligen Tag krank gemeldet sind. „Da muss dann geplant werden, wofür brauchen wir heute wie viele Leute“, sagt Brauburger. „Das ist immer Stress im ersten Moment“, erklärt die 35-Jährige, welche Verantwortung auf ihr lastet und ergänzt: „Da ist man froh, wenn das eigene Kind nicht krank ist.“ Seit Juli 2021 ist sie Erzieherin im Lambiland und derzeit die Stellvertretende Leiterin.
Brauburger, die in Hessen ausgebildet wurde und seit 13 Jahren als Erzieherin arbeitet, ist eine von mehreren Frauen im Lambiland, die eigene Kinder haben. Mehr noch als in vielen anderen Berufen, kann das eigene Muttersein hier schnell zum Dilemma werden. Muss Brauburger ihr eigenes Kind aus der Betreuung nehmen, hat das unmittelbar Auswirkungen auf das Betreuungsangebot ihres Arbeitgebers. „Mein Kind ist selbst in einer Kita in Lambsheim untergebracht. Wenn da Notbetreuung ist, dann oft nur bis 14 Uhr. Mein Dienst geht aber bis 14.15 Uhr“, erzählt Brauburger von dem Druck.
Um mit ihrem Sohn nachmittags Zeit verbringen zu können, arbeitet die 35-Jährige bereits in Teilzeit. Kommt es zur Notbetreuung in der Kita ihres Kindes ist sie trotz ihrer verkürzter Arbeitszeiten auf das Entgegenkommen ihres eigenen Arbeitgebers angewiesen. Der akzeptiere das auch, sagt sie. Die bei den Kindern unter drei Jahren (U3) eingesetzte Erzieherin weiß allerdings: „Mein Team muss es dann auffangen.“
Lichtblick bei Personalsituation
Ihr Arbeitgeber kommt ihr nicht nur beim kurzfristigen Verlassen der Arbeitsstätte entgegen: „Mein Sohn ist regelmäßig hier an der Kita, weil es in seiner Kindertagesstätte mehr Schließzeiten über das Jahr gibt“, sagt Brauburger. Weil ihr Mann, der Vollzeit arbeitet, an diesen Tagen nicht einspringen kann, steht schon zu Beginn des Jahres fest, an welchen Tagen im Jahr ihr eigener Sohn ebenfalls mit ins Lambiland kommt. Zu einer Notbetreuung komme es jedoch nicht, sobald eine Erzieherin den Dienst abbrechen muss, um das eigene Kind abzuholen, meint Brauburger.
Zwei Gruppen mit je 15 Kindern und zwei mit je 25 Kindern und vier Plätzen für Einjährige kann die Kita aufnehmen, die sich westlich an das Grundstück der Karl-Wendel-Schule anschließt. Der Personalschlüssel für die 80 Kinder liegt bei 11,77. „Wir schauen immer, dass in jeder Gruppe drei Erzieherinnen sind“, sagt die Stellvertretende Leiterin. Zusätzlich würden Springer und Hilfskräfte eingesetzt.
Das Lambiland war Anfang des Jahres in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, weil der Elternausschuss angesichts langanhaltend reduzierter Betreuungszeiten die Öffentlichkeit gesucht und in einem Schreiben an die Gemeinde den personellen Notstand beklagt hatte. Sowohl Kündigungen als auch Krankheitsausfälle hatten zu der Situation geführt. Auch für die Lambiland-Erzieherinnen keine einfache Zeit. „Wenn hier Personalmangel war, ist man einfach froh, dass der Tag rum ist. Dann muss mein Kind zuhause einfach sehr gut kooperieren, dass es mir dann gut geht“, erzählt Brauburger.
Mitte Mai erscheint die Situation deutlich entspannter als noch im ersten Quartal. Das bestätigt neben Brauburger auch Herbert Knoll (CDU), Ortsbürgermeister von Lambsheim, auf RHEINPFALZ-Anfrage: „Vom Grundsatz her sind alle Stellen besetzt, nur müssen wir klären, wann genau die neuen Mitarbeiter anfangen können.“ Von den fünf neuen Kräften seien seit März einige bereits eingestellt worden. Der Rest soll im Laufe des Sommers folgen. Spätestens im September sollen dann alle neu eingestellen Kräfte ihre Arbeit aufgenommen haben.
„Das ist ein total beschissenes Gefühl“
Dennoch kann es bei Krankheitswellen jederzeit wieder zu Engpässen kommen. „Das ist ein total beschissenes Gefühl entscheiden zu müssen, dass hier auch viele Kinder und Familien dranhängen, meine eigenen Kinder aber für mich an erster Stelle sind“, sagt Vanessa Popovic, Erzieherin und Brauburgers Arbeitskollegin im U3-Bereich. Die 33-Jährige hat Zwillinge, die fünfeinhalb Jahre alt sind, und ebenfalls in einer anderen Kita in Lambsheim betreut werden.
Ihre Zwillinge seien öfter krank, erklärt Popovic, die seit 2015 Erzieherin ist und seit 2019 im Lambiland arbeitet. „Erst kürzlich war es so, dass ich meine Kinder gerade in der Kita abgegeben hatte, dann war ich zwei Stunden auf Arbeit. Ausgerechnet in der Übergangssituation, in der die Kinder zum Essen gehen, was immer sehr stressig ist, hat die Kita meiner Kinder angerufen“, erzählt Popovic, die ebenfalls in Teilzeit arbeitet. Ihre Tochter hatte sich erbrochen. „Dann breche ich hier sofort die Zelte ab“, sagt sie, wissend, dass sie ihre Kolleginnen in einer Stresssituation allein lassen muss. Trotzdem könne sie dann guten Gewissens gehen, weil die Leitung hinter ihr stehe.
Auswirkungen auf den laufenden Kita-Betrieb haben krankheitsbedingte Ausfälle Popovic zufolge vor allem bei der Eingewöhnung im U3-Bereich. In Abständen von drei bis vier Wochen werden dort regelmäßig neue Kinder eingewöhnt. „Ein Kind, dass im September kommen sollte, war dann vielleicht im Januar immer noch nicht da“, nennt sie beispielhaft das Problem, wenn Eingewöhnungen verschoben werden müssen. Problematisch sei, dass Eltern immer wieder Kinder zur Betreuung bringen, die eigentlich krank seien.
„Ich habe Verständnis für diese Eltern, denn es ist schwer, das Kind oft krank zuhause zu haben. Wenn wir uns anstecken, werden wir aber auch krank und dann fallen wir auch aus“, appelliert sie an die Familien, die Kinder nur dann in die Kita zubringen, wenn es deren Zustand wirklich zulasse. Grundsätzlich treffe man bei den Eltern aber auf Verständnis für die Betreuungssituation. „Das ist schon ein Miteinander hier“, sagt Popovic, die zuvor auch in Ludwigshafen als Erzieherin gearbeitet hat und die Arbeit auf dem Dorf als „deutlich besser“ empfindet. „Viele sind am Limit gewesen, trotzdem vergisst man das Menschliche nicht.“
Allein-Erzieherin
Schwierig ist die Situation auch für Rebecca Mattil, 33-jährige Erzieherin in Teilzeit im Ü3-Bereich der Kita Lambiland. Mattil ist alleinerziehende Mutter einer sechsjährigen Tochter und eines achtjährigen Sohnes. „Mein Stundenumfang in der Kita ist so festgelegt, dass es mit der Betreuung meiner Kinder zusammen passt und ich für sie da sein kann“, berichtet sie. Um 7.20 Uhr verlässt sie ihr Haus und bringt ihre Tochter in die Frankenthaler Kita, in der Mattil früher selbst gearbeitet hatte.
Währenddessen geht ihr Sohn zur Schule, auch in Frankenthal. „Mein Dienst in der Kita und die Schule von meinem Sohn enden um 14 Uhr“, erzählt sie. Sie fahre dann direkt nachhause, um mit ihm mittag zu essen und Hausaufgaben zu erledigen. „Im Anschluss hole ich direkt meine Tochter von der Kita ab.“ Ist eines ihrer beiden Kinder krank oder falle deren Betreuung aus, habe sie selten jemanden in ihrem privaten Umfeld, der einspringen könne. Als sie noch in Frankenthal Erzieherin war, bekam ihre Tochter einen Platz in genau derselben Einrichtung. „Sie waren dann so kulant, mir dort nach meiner Elternzeit auch direkt einen Betreuungsplatz anzubieten“, erinnert sich Mattil.
Ohne die Flexibilität ihres Arbeitgebers, für die sie dankbar sei, geht es auch in Lambsheim nicht. Im Notfall muss auch Mattil eines ihrer Kinder mit zur Arbeit bringen. „Mein Sohn hat den Kindern dann vorgelesen“, erinnert sie sich. „Davon haben dann alle profitiert.“