Waldsee
Friseurmeisterin soll 9000 Euro Corona-Hilfen zurückzahlen
Traurig, wütend, verzweifelt. Von allem ein bisschen, vor allem aber ungerecht behandelt. So könnte man das Gefühlschaos vielleicht beschreiben, in dem sich Ulrike Steinborn, Inhaberin von „Uli’s Haarwerk“ in der Ludwigstraße in Waldsee, im Moment befindet. „Ich liebe meinen Beruf und ich liebe meinen Laden“, sagt sie. Mit „Uli’s Haarwerk“ hat sie sich 2019 ihren Lebenstraum erfüllt. 1985 hat Ulrike Steinborn den Friseurberuf erlernt, 1996 die Meisterschule abgeschlossen. „Seitdem habe ich die Schere nie aus der Hand gelegt“, erzählt die 54-Jährige. Nur mit der Selbstständigkeit hat es gedauert. Da waren die beiden Kinder, die sie, obwohl sie 15 Jahre alleinerziehend war, ohne Hilfe vom Staat großgezogen hat. Mit ihrem zweiten Mann konnte sie dann endlich einen eigenen Salon aufmachen. Das war gerade mal ein Jahr vor Beginn der Corona-Pandemie. Damals hatte sie eine festangestellte Friseurin und eine Aushilfe beschäftigt.
Wochenlang geschlossen
Dann kam der 21. März 2020 und Deutschland machte dicht. Sieben Wochen lang blieb das Friseurgeschäft geschlossen. Ulrike Steinborns Steuerberaterin hat Corona-Soforthilfen beantragt, und die seien auch recht zügig überwiesen worden. „Von Kredit war damals nie die Rede gewesen“, blickt die Friseurmeisterin zurück. Es sei verwirrend gewesen, ständig hätten sich die Bedingungen geändert. Sie habe alles über die Steuerberaterin abgewickelt, um nichts falsch zu machen, betont sie. „Ich war stolz darauf, dass ich das erste Jahr so gut gewirtschaftet habe, sodass ich gut über die Runden gekommen bin“, erzählt sie. „Und ich war damals froh, dass ich in Deutschland lebe und wir unterstützt wurden. Das habe ich auch allen gesagt, die gemeckert haben.“ Auch ihre Vermieterin sei ihr entgegengekommen. Der erste Lockdown sei völlig okay gewesen, sagt sie noch heute, denn die Regierung habe ja auch keine Erfahrung mit einer Pandemie gehabt.
Dann kam die nächste Hiobsbotschaft: Vom 16. Dezember 2020 bis 28. Februar 2021 mussten die Friseursalons wieder schließen. „Ich wollte das nicht. Wir wollten arbeiten und hätten uns und unsere Kunden mit Masken geschützt. Aber wir wurden dazu gezwungen“, sagt Ulrike Steinborn. Die Dezemberhilfe, die es dann vom Staat gab, habe sie sofort zurücküberwiesen. Für Januar und Februar gab es dann Überbrückungsgeld und Kurzarbeitergeld für die Angestellte. Sobald sie wieder arbeiten durfte, ging es wieder rund im Salon. Ulrike Steinborn hat das getan, was sie in ihrem Leben schon immer gemacht hat: gearbeitet.
Schulden unausweichlich
Vor einigen Wochen kam nun die Aufforderung, die Corona-Soforthilfe in voller Höhe zurückzuzahlen. Das sei wie ein Schlag in die Magengrube gewesen. Sie habe immer sparsam gewirtschaftet, erzählt Ulrike Steinborn. Doch ohne Schulden zu machen, könne sie diesen Betrag nicht zurückzahlen. „Mir geht es nicht darum, etwas geschenkt zu bekommen. Dass ich etwas zurückzahle, ist okay. Ich habe schon immer geschafft und habe noch nie dem Staat auf der Tasche gelegen“, sagt sie. Doch wenn sie die 9000 Euro zurückzahlt, bleiben ihr, so hat es ihr die Steuerberaterin ausgerechnet, für jede der 17 Wochen, in der der Salon geschlossen bleiben musste, nur 415 Euro. Für alle Fixkosten.
Die 9000 Euro könne sie auch in Raten zurückzahlen, so hat es ihr ihre Steuerberaterin mitgeteilt. Die seien zinslos, wenn sie das beantragt, bevor der endgültige Bescheid zugeschickt werde. Beantragt sie es erst dann, muss sie auch noch Zinsen zahlen. Ulrike Steinborn fühlt sich vom Staat alleingelassen. „Es heißt immer, das Handwerk werde gebraucht. Aber es trifft schon wieder die Kleinen“, sagt sie enttäuscht.
Alleingelassen ja, aber allein steht die Friseurin damit nicht da: Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung soll mehr als jeder fünfte Selbstständige oder Kleinunternehmer die Corona-Hilfen ganz oder teilweise zurückzahlen. Mehr als 5000 Betroffene haben demnach gegen die Rückzahlungsaufforderung geklagt. Was Ulrike Steinborn nun macht, weiß sie noch nicht. Der Schock sitzt noch zu tief.