Mutterstadt Einst Strafanstalt, heute ein „Schlösschen“ für Senioren

Alte Aufnahmen vom Gefängnis gibt es nicht. Der Maler Otto Ditscher hat das Arresthaus hier so gezeichnet, wie es sehr wahrschei
Alte Aufnahmen vom Gefängnis gibt es nicht. Der Maler Otto Ditscher hat das Arresthaus hier so gezeichnet, wie es sehr wahrscheinlich ausgesehen hat.

Vor 200 Jahren ist in Mutterstadt ein Haus gebaut worden – nicht sehr glamourös, aber berüchtigt genug, um heute eine Sehenswürdigkeit zu sein. Und eine Rarität.

Wo einst die bösen Buben und Mädchen „eingebuchtet“ wurden, treffen sich heute Senioren. Und sie bleiben freiwillig und gern auch länger – im Gegensatz zu manchem Insassen von anno dazumal. Der heutige Seniorentreff war einst das Gefängnis des Kantons Mutterstadt, auch „Arresthaus“ genannt. „Heute gibt es hier statt Wassersuppe und Schläge Kaffee, Kuchen und viel Zuwendung“, sagt Volker Schläfer und lacht. Mit diesem Vergleich erntet der Senior bei seinen historischen Führungen durch Mutterstadt immer ein paar Schmunzler, erzählt er.

Schläfer engagiert sich seit vielen Jahren aktiv beim ortsansässigen Historischen Verein. Mutterstadts Archive kennt er wie seine Westentasche, so auch die Historie seiner Heimatgemeinde und ihrer alten Gebäude. Gebäude wie jenes in der schmalen Jahnstraße, das den Seniorentreff beherbergt und auf den ersten Blick zwar wuchtig, aber nicht sonderlich auffällig ist.

Von Franzosen besetzt

Warum auch? Schließlich war seine Bestimmung rein praktischer Natur, wie Volker Schläfer weiß. Nach der Französischen Revolution besetzten Napoleons Truppen die Pfalz und die Gemeinde wurde ein französisches Staatsgebiet. Im Zuge dessen ist Mutterstadt zum Kantonshauptort des Departements Donnersberg ernannt worden. Das umfasste 17 Gemeinden, die heute im mittleren Rhein-Pfalz-Kreis liegen, sowie einige Orte, die später Ludwigshafen zugeordnet wurden. Als Kantonshauptort war Mutterstadt auch Sitz des Friedensgerichts. Die hier Verurteilten verbüßten ihre Strafe im Speyerer Tor in Oggersheim. „Doch das war baufällig und musste abgerissen werden“, erzählt Volker Schläfer. So sei 1825, also vor 200 Jahren, beschlossen worden, am Kantonshauptort ein Gefängnis zu bauen.

Der neue Gefängnisbau entstand auf dem 640 Quadratmeter großen Grundstück in der Jahnstraße. Die Baukosten lagen bei 7290 Gulden, das ist in den Archivaufzeichnungen nachzulesen. Also keine kleine Investition. Zum Vergleich: Ein Arbeiter hat in dieser Zeit etwa 15 bis 20 Gulden im Monat verdient. Die Gesamtkosten für das neue Gefängnis wurden auf die 17 Gemeinden aufgeteilt. Mutterstadt als größte Gemeinde musste 1100 Gulden übernehmen.

Charmantes Dorf-Gefängnis

In den zwei Geschossen entstanden auf einer Fläche von 350 Quadratmetern sechs Arrestzellen. Vier oben und zwei unten. Die beiden unteren Zellen befanden sich neben der Aufseherwohnung. Die waren für die etwas „schwereren Jungs“, weiß Volker Schläfer. Sie seien meist nur für ein paar Tage dort untergebracht worden, etwa als Zwischenstation auf dem Weg in ein „richtiges“ Gefängnis. Denn: Das Mutterstadter Kantonsgefängnis war kein Hochsicherheitsgefängnis. Hier wurden kleine Delikte wie Felddiebstahl, Taschendiebstahl, Zechprellerei oder Beleidigungen geahndet. Die meisten Verurteilten saßen hier nur ein paar Wochen ein. „Das Ganze hatte fast dörflichen Charme: Die Angehörigen brachten Essen und führten Schwätzchen durch die Gitter“, erzählt Volker Schläfer. Und da das Gebäude auch ein paar Sicherheitsmängel hatte, „verschwand“ auch schon mal ein Insasse plötzlich in den Knasturlaub.

1859 erhielt Ludwigshafen seine Stadtrechte. Nach und nach seien daraufhin alle staatlichen Behörden aus dem Kreis und aus Mutterstadt nach Ludwigshafen verlegt worden – das Friedensgericht 1861. Das Kantonsgefängnis hatte ausgedient. 1863 erwarb die Gemeinde Mutterstadt das Gebäude in der Jahnstraße, die im Volksmund auch Klappgasse, Hesselgäßchen, Arrestgasse genannt wurde. „Einige Zeit wurden hier noch Vagabunden oder obdachlose Durchreisende untergebracht“, weiß Volker Schläfer. In den kommenden Jahrzehnten wurde das einstige Gefängnis unter anderem als jüdische Schule, Höhere Fortbildungsschule, für Volksschulklassen, als Gemeindewohnung, Arzt- und Operationszimmer während des Zweiten Weltkriegs sowie ab 1947 genutzt. Bis in die 1970er Jahre waren im Obergeschoss die Gemeindekasse und im Untergeschoss die Polizei- und Gendarmerie-Station.

Kulturell denkwürdig

Nach deren Verlegung und mit dem Neubau des Mutterstadter Rathauses hatte nach 1983 der Arbeitersamariterbund (mit Krankentransport) hier sein Domizil. Ende der 1980er-Jahre wurde das Objekt umfassend renoviert und umgebaut, aber nur innen. Dazu wurden unter anderem im Obergeschoss die Wände entfernt, so dass ein großer Veranstaltungssaal Platz hatte. Zudem sorgt ein Fahrstuhl für Barrierefreiheit. Insgesamt ließ sich die Gemeinde den Umbau 1,5 Millionen Mark kosten.

Außen blieb das Gebäude unverändert, denn das ehemalige Gefängnis steht unter Denkmalschutz. Es erinnert mit seiner Architektur an die italienische Frührenaissance des 15. Jahrhunderts, was ihm einen besonderen architektonischen Reiz verleiht. „Aus diesem Grund stuft die Denkmalpflege dieses klassizistische Sandsteingebäude als ältesten erhaltenen Gefängnisbau in Rheinland-Pfalz ein“, informiert Hobby-Historiker Volker Schläfer nicht ohne Stolz. Zudem sei es im Verzeichnis der Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz aufgeführt – als „ehemaliges Kantonsgefängnis, klassizistischer Walmdach-Bau, errichtet 1824/25“.

Gegen Vereinsamung

Eine besondere Bedeutung hat das Haus bis heute für die Mutterstadter – besonders für die Senioren. Nach dem Umbau ist es offiziell der Seniorentreff, inoffiziell wird es von den Mutterstadtern liebevoll „Seniorenschlösschen“ genannt. Und wie es sich für ein richtiges Schlösschen gehört, wird hier gefeiert und gelebt. „Das Haus soll hauptsächlich eine Anlaufstelle für die Senioren in der Gemeinde sein“, sagt Gemeinde-Sozialarbeiterin Christine Franz.

Die Angebote (siehe „Zur Sache“), die es hier für die Senioren gibt – auch in Kooperation mit anderen Organisationen – sind vielfältig. Auf dem Programm stehen unter anderem Gymnastik, Yoga und Präventionsveranstaltungen. Das Café Digital ist hier verankert, das Hilfestellung für alles Digitale anbietet. Es gibt einen Offenen Treff und den Jahnstraßen-Treff für an Demenz Erkrankte, der von der Sozialstation Limburgerhof mithilfe des DRK-Ortsvereins angeboten wird. Und dann wird im großen Saal oben viel gefeiert – sommers wie winters und natürlich zur Fasnacht. „Die Angebote werden sehr gut angenommen, mit steigender Tendenz“, sagt Christine Franz. Immer mehr Senioren seien einsam und suchten solche geselligen Angebote – damit sie sich an ihrem Lebensabend nicht in ihren eigenen vier Wänden gefangen fühlten.

Der Seniorentreff heute: Volker Schläfer zeigt auf die Plakette, die das Gebäude als Kulturdenkmal ausweist.
Der Seniorentreff heute: Volker Schläfer zeigt auf die Plakette, die das Gebäude als Kulturdenkmal ausweist.
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