Maxdorf
Eine Lebensphilosophie – Die „Blattlaus“ in Maxdorf
Längst hat sich gezeigt, dass Karl-Ernst Wingerter seiner Zeit voraus war. Während seines Studiums der Agrarwissenschaften in Bonn hat ihn besonders das Wahlfach „organischer Landbau“ interessiert. Dort habe es damals den ersten Professor deutschlandweit gegeben, der so etwas unterrichtete. Wingerter war fasziniert und beschloss, das auch in der Pfalz zu probieren. „Man hat mich als grünen Spinner bezeichnet“, erinnert sich der 57-Jährige. Allen Unkenrufen zum Trotz zeigte sich bald: Es wächst was, es sieht nicht schlecht aus – und die Leute kaufen es. Heute ist die „Blattlaus“ der einzige noch existierende landwirtschaftliche Betrieb in Maxdorf. „Das sagt doch alles“, findet Wingerter.
Es sieht wirklich gut aus in seinem Hofladen. Kürbisse wie gemalt und zuckersüße Wassermelonen von Wingerters Acker stapeln sich vor dem Eingang. Drinnen gibt es eine große Vielfalt an Obst und Gemüse, Eier, Molkereiprodukten, Käse, Wurst, frischem Brot und Gebäck sowie Getränken. Dienstag und Freitag ist ein Verkaufswagen der Biometzgerei Micol im Hof.
Vernetzung ist wichtig
Möglich ist dieses große Angebot, weil Wingerter gut vernetzt ist. „Das ist ganz wichtig, ohne geht es nicht“, sagt er, schließlich könne nicht jeder alles anbauen. Er selbst bewirtschaftet 15 Hektar Land. „Verglichen mit den landwirtschaftlichen Betrieben in der Region mit 150 bis 1000 Hektar ist das lächerlich“, sagt er. Er baut Getreide und Kartoffeln und einige Gemüsesorten an, zum Beispiel bunte Salate von Babyleaf über Winterfeldsalat bis Rucola, außerdem Spinat, Mangold, Rote Bete, Lauch, Kürbisse und Melonen. Außerdem hat er 40 Feigenbäume. Den Rest kauft er von befreundeten Bioland-Betrieben aus der Region und vom Naturkost-Großhandel. Außer dem Bioland-Logo, das benutzt werden darf, bekommen Bioland-Erzeuger keine direkte Unterstützung bei der Vermarktung. Der Verband mache aber Lobbyarbeit, und die sei sehr wichtig.
Für Bioland hat er sich vor fast 30 Jahren ganz bewusst entschieden, weil ihm die Philosophie dahinter gefällt: Klare pragmatische Richtlinien für den Anbau – und wie Wingerter sagt, „ein wahnsinniges Qualitätsbewusstsein“. Das bedeute nicht, dass nicht gespritzt werden darf, erklärt er. Gerade im Kartoffelanbau sei das nicht möglich. Doch wenn gespritzt wird, dann mit den für den Biolandbau zugelassenen Mitteln. „Alle anderen Gemüse werden bei mir nicht gespritzt“, sagt Wingerter, der auf Nützlinge setzt. „Das regelt sich dann von selbst.“ Seine größten Feinde sind Feldhasen. 30 bis 40 Langohren hielten sich auf seinen 15 Hektar Land auf. „Die sind schon fast handzahm. Es schmeckt ihnen halt bei uns“, erzählt er. Gegen die Vielfraße helfe nur, den Salat unter Netzen anzubauen.
Zwei Kilometer pro Kunde
Arbeit macht der Biogemüse-Anbau jede Menge, versichert Wingerter, und Helfer seien nur schwer zu bekommen. Durch die Corona-Pandemie habe er noch mehr zu tun gehabt als normal. Lockdown, Homeoffice und Homestudium haben dazu geführt, dass alle zu Hause essen und oft auch bewusst einkaufen und kochen. Nicht nur die Kundschaft in seinem Laden sei dadurch mehr geworden, gerade der Lieferservice sei noch mehr gefragt. Auf Wunsch liefert die „Blattlaus“ bestellte Waren oder Gemüse-Abos nach Hause. Rund 300 Kunden nutzten dieses Angebot, sagt Wingerter.
Mit zwei kleinen E-Lieferwägen beliefert er Kunden in der ganzen Vorderpfalz, von Waldsee bis Bad Dürkheim, von Haßloch bis Neustadt. Rechnet man die gefahrenen Kilometer auf die Kunden um, fährt er gerade mal zwei Kilometer pro Kunde. Ökologischer geht’s kaum, denn Wingerters Hof ist rein rechnerisch CO2-neutral und deckt den Stromeigenbedarf mit Solaranlagen. Schließlich ist der Anbau von Biogemüse nicht nur ein Beruf, sondern eine Lebensphilosophie für die ganze Familie. Besonders freut sich Karl-Ernst Wingerter, dass sich sein Sohn Paul entschlossen hat, nach seiner Ausbildung in den Betrieb einzusteigen. Die Nachfolge ist also gesichert.
