Dudenhofen RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Dudenhofener bei den Koalitionsverhandlungen

Gibt Einblicke hinter die Kulissen: Jürgen Creutzmann.
Gibt Einblicke hinter die Kulissen: Jürgen Creutzmann.

Wie läuft es hinter den Kulissen bei Koalitionsverhandlungen ab? Diese Frage kann fast niemand besser als der Dudenhofener Jürgen Creutzmann beantworten, der zum sechsten Mal über das Programm der künftigen rheinland-pfälzischen Landesregierung mitverhandelt hat.

Der 75-Jährige war in den vergangenen Wochen neun Mal im Atrium-Hotel im Mainzer Vorort Finthen. Er gehört als Schatzmeister dem Vorstand des FDP-Landesverbands an und war deshalb Teil der großen Verhandlungsgruppe mit Vertretern der zwei weiteren Regierungsparteien SPD und Grüne. Während die Arbeitsgruppen, die die Themen vorbereiteten, digital tagten, trafen sich die Mitglieder der Verhandlungsgruppe meistens um 13 Uhr – zuvor auf das Coronavirus getestet – und saßen teilweise bis Mitternacht zusammen. „Am Schluss war das Malu Dreyer zu lang und wir haben um 21 Uhr Schluss gemacht“, erzählt Creutzmann, der seine ersten Koalitionsverhandlungen 1987 unter Bernhard Vogel (CDU) miterlebte. Damals musste der Dudenhofener nach den stundenlangen Gesprächen und nächtlichen Heimfahrten, nach denen er erst um halb vier zu Hause eintraf, morgens wieder bei der BASF zur Arbeit antreten – allerdings nach Rücksprache erst gegen 9 Uhr. Heute ist er dagegen Rentner und kann ausschlafen. „Sie wissen danach schon, was Sie gemacht haben“, sagt er über den Verhandlungsmarathon, für den höchste Konzentration notwendig ist. Denn der Teufel steckt im Detail.

Es wurde über die einzelnen Themen diskutiert und verhandelt, es wurden Passagen gestrichen und umformuliert. „Man muss Obacht geben. Denn Nebensätze und Zusätze können alles wieder relativieren“, sagt Creutzmann, der sich nach eigenen Angaben auch mehrmals zu strittigen Punkten zu Wort gemeldet hat – etwa zu Windrädern im Pfälzerwald, gegen die er sich persönlich ausspricht. Dass sie nun an bestimmten Stellen doch möglich sein sollen, sei dem Umstand geschuldet, dass sich die FDP als Koalitionspartner mit dem schlechtesten Wahlergebnis bei diesem Verhandlungspunkt nicht gegen SPD und Grüne durchsetzen konnte, die daran festhalten wollten. „Und wenn wir die Koalition deswegen hätten platzen lassen, wäre uns wieder vorgeworfen worden, dass wir uns aus der Verantwortung stehlen“, sagt Creutzmann und erinnert an die Kritik, nachdem FDP-Chef Christian Lindner 2017 den Rückzug aus den Sondierungsgesprächen zur Jamaika-Koalition auf Bundesebene verkündet hatte.

Aus der Verantwortung will sich Jürgen Creutzmann nicht stehlen. So hat er sich „bemüht“, den nun stehenden rund 180 Seiten umfassenden Entwurf des Regierungsprogramms vollständig zu lesen. Bis dieser zustande kam, war stapelweise Papier für die Verhandlungen notwendig. Creutzmann schätzt mindestens 1000 Seiten mit Positionen und Protokollen. Teilweise habe er die Unterlagen bei sich zu Hause in der Papiertonne entsorgt, erzählt der Dudenhofener, der sich inhaltlich nicht weiter zu den Gesprächen und Streitpunkten äußern möchte, weil diese vertraulich gewesen seien. Und zu seiner Papiertonne fügt der 75-Jährige lachend hinzu: „Sie ist schon geleert. Da werden Sie nichts mehr finden.“

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