SPEYERER UMLAND
Doch kein Wechselunterricht: Frust, Tränen und Galgenhumor
„Ich musste erst mal tief Luft holen“, beschreibt Martina Kopf, den Moment, als sie am Donnerstagmorgen an der Berghausener Grundschule die E-Mail des Bildungsministeriums geöffnet hat. Und Andrea Fischer, ihre Leidensgenossin von der Clemens-Beck-Grundschule in Dudenhofen, berichtet gar von einem „kurzen Schrei, der durchs Büro hallte“. Inhalt der E-Mail, die den Blutdruck der beiden Schulleiterinnen nach oben trieb: Die Landesregierung hat entgegen ihrer ursprünglichen Planung beschlossen, am kommenden Montag doch nicht mit dem Wechselunterricht an Grundschulen zu beginnen. Die Entscheidung sei nach dem Auftreten von Mutationen des Coronavirus in Abstimmung mit Experten der Universitätsmedizin Mainz getroffen worden.
Am späteren Vormittag hat sich bei den Pädagoginnen der erste Schock wieder gelegt, doch der Frust ist geblieben: „Alle Planungen sind dahin“, sagt Andrea Fischer. Martina Kopf bestätigt das: Die ganze Organisation im Vorfeld der Schulöffnung sei schwer genug gewesen, nun habe sich alles wieder geändert. „Wir wollten eigentlich am Montag die Zeugnisse austeilen, die müssen nun verschickt werden“, nennt sie ein Beispiel. Auch müsse dem Essenslieferanten wieder abgesagt werden. Notbetreuung muss neu organisiert werden. Und natürlich müssen die Lehrerkollegen wieder kurzfristig Online-Unterricht organisieren, wo eigentlich Präsenzunterricht geplant war.
Vorbehalte bei Eltern
In der Beurteilung der Entscheidung des Bildungsministeriums ist Kopf zwiegespalten: „Der Grundgedanke, in den Wechselunterricht einzusteigen, war gut. Für die Kinder hätte ich es begrüßt“, sagt sie. Andererseits hat sie ein gewisses Verständnis: „Wenn die Lage nun eine andere ist, muss man sich eben anpassen.“ Andrea Fischer findet es grundsätzlich ebenfalls gut, dass der Gesundheitsschutz aller nun Vorrang bekomme. „Auch wenn es Stress und Arbeit für uns bedeutet hat.“
Unter den Eltern der Dudenhofener Grundschulkinder waren die Vorbehalte gegen die Rückkehr zum Präsenzunterricht offenbar verbreiteter als in Berghausen: Rund 60 der gut 250 Schüler sind laut Fischer nicht für den Wechselunterricht angemeldet gewesen. Eine Präsenzpflicht hatte die Landesregierung von vorneherein ausgeschlossen. „Es sind schon Ängste bei den Eltern da“, hat Fischer beobachtet. Sie führt dies auch auf gemischte Signale aus der Politik zurück. Auch hätten manche Kinder Risikopatienten in der Familie. In Berghausen wäre laut Kopf hingegen nur eins von rund 140 Kindern zu Hause geblieben, wenn es wieder Wechselunterricht in der Schule gegeben hätte.
Nach der Nachricht vom Donnerstag, dass es nun doch nichts wird mit der Öffnung der Grundschulen, gingen auf dem Rechner von Andrea Fischer direkt etliche Reaktionen von Eltern ein: „Mein Postfach ist voll“, berichtet die Dudenhofener Schulleiterin am Vormittag. Wütende Reaktionen seien nicht dabei gewesen, vielmehr hätten viele Mitleid mit den Lehrern und Verständnis für deren Situation geäußert. „Es war ganz herzlich. Eine Mutter hat ein Bild mitgeschickt, das ihr Kind gemalt hat“, freut sich Fischer. Sie rechnet durchaus damit, dass einige Eltern mehr als bisher nun Notbetreuung in Anspruch nehmen, weil sie schon auf eine zeitweise Schulöffnung eingestellt waren. Für viele Kinder im Land ist die Nachricht, dass sie ab Montag nun doch nicht ihre Freunde und Lehrer wiedersehen dürfen, hart: Eltern berichten in Klassen-Whatsapp-Gruppen von weinenenden Kindern, nachdem sie dem Nachwuchs erklärt haben, dass die Schulen weiter geschlossen bleiben.
Immerhin: Mit dem Fernunterricht hatten sich die Schulen in den vergangenen Wochen ganz gut arrangiert. „Für manche Kollegen war es natürlich schwieriger als für andere“, schränkt Martina Kopf ein. Nicht jeder Kollege sei gleich technikaffin. Zumindest sei das Problem der Hardwareausstattung für die Kinder gelöst. „Jedes Kind, das kein Gerät zur Verfügung hatte, konnte ein IPad bei uns ausleihen“, sagt sie. In Dudenhofen wartet man hingegen noch auf von der Regierung angekündigte Tablets. Doch laut Fischer haben über andere Kanäle Geräte zum Ausleihen organisiert werden können. Allerdings fehle es auch noch an Infrastruktur wie ausreichend schnellem Internet in der Schule.
Schere öffnet sich
Auf die Dauer kann Fernunterricht das Lernen vor Ort freilich nicht ersetzen. „Die Schere geht schon auseinander“, sagt Kopf. Gerade für Erst- und Zweitklässler sei die Situation schwierig, weil sie noch nicht so gut selbstständig lernen könnten. Kämen dann noch enge Wohnverhältnisse, viele Geschwister oder sprachliche Probleme bei den Eltern hinzu, vergrößere sich das Problem. Es seien auch schon Kinder eine Klasse zurückgegangen infolge der Schulschließungen.
Am Ende bleibt den Lehrern nur, sich mit der Situation zu arrangieren. „Flexibilität ist mein neues Lieblingswort geworden“, sagt Andrea Fischer. Wichtig sei auch, den Humor nicht zu verlieren, auch wenn es Galgenhumor sei. „Mein Schwiegervater aus Baden-Württemberg meinte: ,Do brauchscht Nerve wie Nudle.’ Ich brauche momentan aber eher Nerven wie Lasagneplatten“, sagt sie und lacht.