Beindersheim
Chaos vor der Schule: Fachleute beobachten Elterntaxis
Früh am Morgen haben sich drei Männer von Ludwigshafen, Limburgerhof und Weinheim auf den Weg nach Beindersheim gemacht und postieren sich dort vor der Grundschule. Volker Schork ist hauptberuflich beim Auto Club Europa (ACE) als Regionalbeauftragter tätig, Jens Brückner und Egon Schädler sind im ACE-Kreisvorstand Vorder- und Südpfalz ehrenamtlich aktiv. Ihr Verein initiiert jedes Jahr eine Aktion zum Thema Mobilität. In diesem Jahr lautet das Motto „Easy Going“, und es geht um die Sicherheit auf Schulwegen.
Die CDU-Fraktion im Beindersheimer Gemeinderat hat über die RHEINPFALZ von dem Angebot des Clubs erfahren, die Wege von Kindern und Jugendlichen zu ihrer Schule zu checken. Fraktionssprecher Mathias Wey hat zugegriffen und ziemlich schnell einen Termin bekommen. Ihm liegt die Sicherheit der Schulkinder am Herzen, weiß er doch um das morgendliche Gewusel und das mittägliche Chaos, wenn sich im Schlittweg Kinder, Lehrer und Eltern tummeln, der Linienbus hält und der übliche Autoverkehr mit unter anderem Paketfahrzeugen stattfindet.
Wey: „Externe Meinung hören“
Es gibt gegenüber dem Schuleingang eine mit Warnpfosten angedeutete Art von Fußgängerüberweg, und wirklich rasen können Autofahrer durch den engen Schlittweg nicht. Aber Wey und seine CDU-Kollegen haben trotzdem seit Längerem ein ungutes Gefühl. „Wir würden gern mal eine externe Meinung hören“, sagt Wey, „bevor Geld für ein Planungsbüro ausgegeben wird oder bauliche Maßnahmen angegangen werden.“ Und in der unteren Straßenverkehrsbehörde bei der Verbandsgemeinde stehe man auf dem Standpunkt, dass sich die Situation seit der letzten Verkehrsschau nicht verändert habe.
Die drei ACE-Mitglieder beziehen auf den beiden Gehwegen auf Höhe der Schule Position. Je weiter der Uhrzeiger auf 8 Uhr zugeht, desto mehr wird auf ihren Checklisten notiert. Zwischendurch kommentieren sie das Geschehen: „Guck mal, da sieht uns eine Autofahrerin und kehrt lieber um.“ Oder: „Da, wo dieser große BMW jetzt hält, versperrt er dem Schulkind beim Überqueren komplett die Sicht.“ Oder: „Der Audi hier hält einfach auf dem Gehweg.“
Schon nach wenigen Minuten wird deutlich: Nicht die vielen Kinder zu Fuß, auf dem Rad oder dem Roller sind das Problem, und auch nicht der Anwohner- oder Lieferverkehr, sondern die Eltern der Kinder. Zumindest diejenigen, die ihren Nachwuchs morgens schnell aus dem Auto springen lassen, bevor es weiter zum Arbeitsplatz geht. Sie haben offenbar keine Zeit oder Lust, im weiteren Abstand zur Schule anzuhalten.
ACE vergibt Note mangelhaft
Dieses Phänomen ist aus anderen Orten bekannt, in denen extra „Haltestellen für Elterntaxis“ eingerichtet werden, die dann aber nicht genutzt werden, weil sie sich nicht direkt vor der Schule befinden. Die Vielzahl so gestrickter Autofahrer innerhalb einer kurzen Zeitspanne und auf engem Verkehrsraum sorgt vielerorts für Fassungslosigkeit. Die Leiterin der rund 220 Schüler starken Beindersheimer Ganztagsschule, Susanne Gärtner, lässt die Verkehrszähler vom ACE wissen: „Der eigentliche Wahnsinn findet hier um 12 Uhr statt.“
Volker Schork teilt der RHEINPFALZ gegen Abend das Ergebnis der Erhebung mit: „Von 27 Elterntaxis waren nur vier fehlerfrei unterwegs.“ Alle anderen hätten im Halteverbot gestanden. Drei Autos seien im engen Schlittweg gewendet worden, sechs seien dort rückwärts gefahren. „Wenigstens haben 86 Prozent der Elterntaxis das Kind auf der Gehwegseite aus dem Auto gelassen“, so Schork.
Auch Infrastruktur wird bewertet
Aus den unterschiedlich schwerwiegenden Vorkommnissen hat Schork einen Mittelwert errechnet, und der ergibt die Note mangelhaft. Acht von 14 Punkten erreicht der Schlittweg in der Kategorie Infrastruktur. Hier wird beispielsweise auf das Tempolimit geschaut oder auf verkehrsberuhigende Bauten und die Beleuchtung oder ob es Schülerlotsen gibt.
Und was passiert nun mit dem Ergebnis? „Wir haben angeboten, damit nach den Sommerferien mit dem Elternbeirat ins Gespräch zu kommen“, sagt der ACE-Regionalbeauftragte. Eventuell ergebe sich daraus ein Prozess zusammen mit Gemeinderat und Verkehrsplanern. Rektorin Gärtner kann sich vorstellen, die Aktion in die Konzeptarbeit der Schule einfließen zu lassen. Gute Erfahrungen hat der Auto Club Europa übrigens mit Umfragen unter Schülern gemacht. „Wenn man die Kinder für das Verkehrsthema motivieren kann, läuft manches besser“, sagt Schork. In Frankfurt etwa hätten die Schüler eine Protestaktion gegen Elterntaxis auf die Beine gestellt.