Waldsee / Neuhofen / Otterstadt
Bei Firma Rohr soll Sonne den Arbeitsalltag bestimmen
Robert Gard gehört zu den Menschen, die als Visionär bezeichnet werden können. Er blickt über den Tellerrand, erkennt Probleme, will diese lösen und ist dabei Geschäftsmann durch und durch. Der 56-Jährige ist Prokurist bei der mittelständischen Unternehmensgruppe Rohr, die ihren Sitz in Waldsee hat. Die Firma wird in vierter Generation von Axel Rohr geführt und baut seit 1928 Kies und Sand ab – die am meisten verwendeten Rohstoffe in Deutschland. Der Abbau begann zwischen Waldsee und Neuhofen, wodurch der Wolfgangsee und die Schlicht entstanden. Es folgten weitere Kieswerke bei Otterstadt in der Bannweide – ebenfalls ein durch den Rohstoff-Abbau entstandener See – und in der Erlache im hessischen Bensheim. Zudem gehören zur Unternehmensgruppe Firmen, die mit dem Recycling von Baustoff und Bauschutt betraut sind. Laut Gard hat die Unternehmensgruppe Rohr rund 50 Mitarbeiter und macht im Jahr mehr als 10 Millionen Euro Umsatz.
Im Ausland inspiriert
Kies und Sand sind das Kerngeschäft der Firma Rohr. Es hat Zukunft, weil diese Materialien in der Rheinebene ausreichend vorkommen, nach Wasser der bedeutendste Rohstoff sind und dementsprechend stark nachgefragt werden. Nichtsdestotrotz verfolgt das Unternehmen dank Robert Gard noch weitere Projekte. Alles begann vor sechs Jahren, als dem 56-Jährige „eine Vision nicht mehr aus dem Kopf ging“, wie er sagt: Auf einem Teil der Schlicht nahe dem Wolfgangsee und der dortigen Wochenendhausbebauung sollen zehn schwimmende Häuser entstehen. Gard kennt diese „zukunftsweisende Form der Nutzung von Brachflächen“ aus nördlichen Bundesländern. Nach Veröffentlichung der ersten Pläne gab es aus der Waldseer Kommunalpolitik Kritik, weil die Häuser als „Wasser-Burgen für Reiche“ angesehen wurden. Gard speckte daraufhin bei der Größe einzelner Haustypen ab, zurzeit läuft das Bebauungsplanverfahren. Die Energie soll eine schwimmende PV-Anlage liefern. So der erste Gedanke, der sich inzwischen gewandelt hat.
„Der Strom, den wir für die schwimmenden Häuser brauchen, ist Pillepalle im Vergleich zum Kiesbetrieb, der sehr energieintensiv ist“, sagt Gard und beschreibt damit, wie sich seine anfängliche Idee von der PV-Anlage für die Häuser zur Energieversorgung für das Kieswerk entwickelt hat. Dafür werden derzeit auf der Schlicht die Module für die PV-Anlage installiert. In der ersten Ausbaustufe entsteht ein Modulfloß mit 750 Kilowatt-Peak, ein weiteres mit der gleichen Leistung soll in der zweiten Jahreshälfte 2023 folgen. Das Projekt sei so aufgeteilt worden, weil bei einem Vorhaben mit mehr als 750 Kilowatt-Peak-Leistung eine Ausschreibung der Bundesnetzagentur vorgeschrieben sei. Die Firma Rohr wollte aber lieber regional bleiben und mit den Stadtwerken Speyer zusammenarbeiten, erklärt Gard.
Nach der Fertigstellung wird die schwimmende PV-Anlage dem Prokurist zufolge 1,1 Hektar groß sein und eine elektrische Leistung von 1,5 Megawatt-Peak erzielen. Sie wird auf dem Gewässer schwimmen, im Seeuntergrund verankert und soll etwas mehr als 50 Prozent des Stromverbrauchs des Kieswerks abdecken. Laut Gard kann mit der Anlage genauso viel CO2 eingespart werden wie mit 100 Hektar Wald. Bis sie gebaut werden durfte, brauchten der Geschäftsmann und die Stadtwerke Speyer einen langen Atem. Vor drei Jahren schlossen beide Partner einen Projektvertrag. Anschließend wurden zahlreiche Gespräche geführt, um die Behörden von dem Vorhaben zu überzeugen. Letztlich genehmigte die Kreisverwaltung die Anlage, weil sie Gard zufolge als Erweiterung des bereits erlaubten Kieswerks angesehen wird und sich das Gewässer im Eigentum der Firma Rohr befindet.
Umstellung für Mitarbeiter
Nach Angaben des Prokuristen investiert das Unternehmen in das PV-Projekt mehr als 2 Millionen Euro und bekommt dafür keine finanziellen Zuschüsse. Gard rechnet damit, dass ab dem kommenden Frühjahr mit den Modulen Strom erzeugt wird. Überflüssige Energie soll in das öffentliche Netz fließen. Einen Energiespeicher wird es nicht geben. Laut Gard soll die Produktion im Kieswerk umgestellt werden. Das bedeutet, dass im Sommer mehr Kies und Sand aus dem See geholt wird als im Winter, wenn die Sonne nicht so häufig scheint und die PV-Anlage weniger Energie abwirft. Die im Sommer vermehrt zutage geförderten Rohstoffe werden gelagert. „Im Gegensatz zu Tomaten wird unsere Ware nicht schlecht“, zieht Gard einen beispielhaften Vergleich.
Für den Arbeitsalltag im Kieswerk ist die Umstellung eine Herausforderung, da im Sommer ein 1,5- beziehungsweise Zwei-Schichtbetrieb eingeführt werden muss und im Winter weniger gearbeitet werde. „Jeder Mitarbeiter arbeitet übers Jahr genauso viel wie vorher“, sagt Gard. Es könne aber vorkommen, dass im Sommer in sonnenreichen Wochen mehr Stunden gemacht werden müssen, als es die gesetzlichen Regeln vorsehen. Daher bemüht sich Gard um Gespräche mit der Gewerbeaufsicht und eine Ausnahmegenehmigung. Ihm zufolge ziehen die Mitarbeiter bei den Plänen mit, weil ihnen verdeutlicht wurde, wie viel Geld das Unternehmen bei den steigenden Energiepreisen für Strom erwirtschaften müsste, wenn es die PV-Anlage nicht gebe.
„Es geht darum, unser Klima zu schützen“, fasst Robert Gard zusammen. Zu seinem inneren Antrieb, jahrelang für seine Vision zu kämpfen, sagt er: „Weil ich sie für richtig halte und sich die gesellschaftspolitische Debatte dahin entwickelt hat.“
