Limburgerhof
Aus der Zeit des „Fräuleins“ und der Nierentische
Dezember 1954, die Zeit der Nierentische, Tütenlampen und Petticoats. Und der Fräuleins: Damals lehnte der Bundestag es ab, unverheirateten Frauen die Anrede „Frau“ für den Umgang mit Behörden zuzugestehen. Das dürfte die Limburgerhofer weniger umgetrieben haben. Elektrisierender war sicher die Ankündigung vom 17. Februar 1953 in der RHEINPFALZ: „Limburgerhof erhält in Kürze modernen Theatersaal – Planung läuft bereits auf vollen Touren.“
Am 4. Dezember 1954 war es dann soweit: Der erste Film flimmerte über die Leinwand: „Sauerbruch – das war mein Leben“. Die Wahl des Films war allerdings eher aus Verlegenheit erfolgt, denn die bevorzugte „Feuerzangenbowle“ war wegen des Konkurrenzdrucks unter den Kinos nicht zur Eröffnung zu bekommen. Zu jener Zeit gab es zahlreiche Kinos wie das Raschig-Filmtheater, das Park-Theater Mutterstadt, die Scala Oppau, die Lichtspiele Dannstadt oder das Rex-Kino Schifferstadt.
Technisch in neue Jahrtausend katapultiert
All diese Kinos gibt es nicht mehr – bis auf das Rex und eben das Capitol. Das erfuhr 2015 nach jahrelanger Schließung eine wundersame Rettung durch das Engagement von Susanne Deickert und Dieter Janneck: Sie kauften das Filmhaus und katapultierten es technisch aus dem Jahr 1954 ins neue Jahrtausend – mit enormer Eigeninitiative, viel Herzblut und der Unterstützung von der Limburgerhofer Bürgerschaft.
Sein 50er-Jahre-Gesicht durfte das Lichtspielhaus jedoch behalten, und so ist ein Besuch im Capitol auch immer eine Zeitreise. Weithin sichtbar lockt neongrün leuchtend der charakteristische Schriftzug; an der Hausfassade fällt die Wandmalerei des Kaiserslauterer Schriftenmalermeisters und Künstlers Addi Schaurer ins Auge. All das atmet den damaligen Zeitgeist. Das Gebäude ist ein Wahrzeichen von Limburgerhof und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Über den roten Teppich geht es über original Solberger Parkett hinein in eine andere Welt. Es gibt keine Computerkasse, sondern altmodische Rollenkarten, und bezahlen kann man nur mit Bargeld.
Keine nervende Kinowerbung
Was man nicht sieht, ist der enorme Verwaltungsaufwand, der dahintersteckt, wenn man so „original“ wie möglich sein will. „Wir müssen zum Beispiel handschriftlich jede verkaufte Rollenkarte dokumentieren“, erläutert Janneck. Das Familiäre ist es vor allem auch, was Stammkunden selbst aus dem Odenwald oder Heilbronn immer wieder ins Capitol zieht: die persönliche Begrüßung durch Janneck, seine charmante Ankündigung des Films, die Gespräche danach.
Auch die Inneneinrichtung und der Kinosaal mit rund 280 Sitzplätzen verströmen den Charme der Nierentisch-Ära. Vor Filmbeginn gibt es keine nervende Kinowerbung, sondern Filmtrailer – selbstverständlich von Susanne Deickert selbst erstellt – die über das kommende Programm informieren. Das sind bei Weitem nicht nur ausgewählte aktuelle Filme, sondern auch Sonderveranstaltungen mit Benefizcharakter, Kinderkino, Mädelsabende, Filme im Original mit Untertiteln oder Live-Übertragungen von Konzerten.
Das Capitol ist aus dem Kulturleben der Vorderpfalz nicht mehr wegzudenken; auch die Corona-Krise hat das Kino mit Bravour gemeistert und schreibt wieder gute Zahlen. Eines macht Deickert und Janneck jedoch Sorgen: „So langsam wollen wir uns aus dem Betrieb, der vor und hinter dem Vorhang immense Arbeit verursacht, zurückziehen. Gerade haben wir die Schulkinowoche hinter uns. Es macht uns immer eine Riesenfreude, Kinder im Kino zu haben und zur Vermittlung von Filmkompetenz beizutragen. Aber kräftemäßig hat es uns schon an unsere Grenzen gebracht, und mit den Jahren wird es nicht leichter“, berichtet Susanne Deickert. „Bereits seit einem Jahr suchen wir intensiv nach einem Nachfolger, doch bis jetzt hat sich niemand gefunden.“ Angesprochen sind also Kinobegeisterte, die eine neue Aufgabe suchen und auch gerne eigene Akzente setzen. Hilfestellung durch Deickert und Janneck wird es geben, versprochen. Und auch auf die vielen Ehrenamtlichen, denen das Kino genauso am Herzen liegt, wird man zählen können.
Zur Sache: Das Capitol-Kino
1954: Eröffnung des Capitol Lichtspielhauses durch das Ehepaar Wolf als Betreiber und Eigentümer.
2010: Gerhard Wolf stirbt, das Kino wird verpachtet. Die Erbin bietet das Kino zum Verkauf an, da die Renovierungskosten für eine zeitgemäße Ausstattung, noch dazu unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes, ausufern würden.
2014: Kauf durch Susanne Deickert und Dieter Janneck, die dem Pächter kündigen. Das Capitol muss schließen, da die Renovierungskosten weitaus höher sind als zunächst veranschlagt.
2015: Renovierung in Etappen und Wiederaufnahme des Betriebs als Kulturhaus. Neben Filmen gibt es nun auch Live-Übertragungen von Konzerten, Opern und Ballett und eine spezielle Reihe für Kunstliebhaber. Zeitweise gibt es einen Förderverein, der das Programm um Autorenlesungen und Kabarett-Aufführungen erweitert. Die Mühe lohnt sich – bereits für das halbe Jahr 2015 erhält das Capitol einen Kinoprogrammpreis in der Kategorie „herausragendes, kulturelles Filmprogramm“ des Landes Rheinland-Pfalz. Seither ist das Capitol jedes Jahr unter den Preisträgern.