Rhein-Pfalz-Kreis
Artenvielfalt im Gemüsegarten: Wie der Pfalzmarkt seltene Tiere schützen will
Der Laie braucht zugegebenermaßen noch ein wenig Vorstellungskraft, um sich auszumalen, dass die noch etwas karge Fläche zwischen Mutterstadt und Schifferstadt bald zu einem blühenden Paradies für viele seltene Tiere wird. „Aber schon in ein paar Wochen sieht es hier ganz anders aus, viel bunter und schöner“, sagt Ronald Burger. Der Wildbienenexperte geht in die Hocke und zeigt auf eine Ansammlung von totem Holz, das sich mitten auf der Wiese stapelt. „In den kleinen Löchern hier nisten seltene Bienenarten“, betont er.
Nur wenige Augenblicke später fliegt tatsächlich eine Gehörnte Mauerbiene um das Totholz herum. Das Insekt, das schon recht früh im Jahr schlüpft, fühlt sich auf der Blühwiese richtig wohl. „Diese Art ist sehr selten, weil ihr der Lebensraum fehlt. Auf dieser extra angelegten Fläche geben wir Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, die Möglichkeit, ihre Population zu halten“, erklärt Burger.
Viel Potenzial für Artenschutz
Die Vorderpfalz sei eigentlich eine gute Gegend für seltene Arten, „weil es in der Rheinebene recht warm ist und die Flächen überwiegend kleinstrukturiert sind. Das Potenzial ist also hoch, dass gefährdete Arten auch hier vorkommen können“, erklärt der Ökologe, der auch ein eigenes Institut zur Artendiversität betreut. Allerdings sei der Trend seit einigen Jahren eindeutig: Immer mehr Tierarten, besonders bei Insekten, verschwinden oder gehen stark zurück, betont der Fachmann. „Allerdings ist das schwierig in Zahlen zu quantifizieren. Denn das variiert regional stark.“
Der Bedarf an Lebensraum ist für viele Tiere aber auch hier da, zumal Kommunen und Hauseigentümer immer mehr Flächen versiegeln und damit die Lebensbedingungen der allermeisten Arten verschlechtern. „Wir wollen mit dem Projekt den Tieren wieder mehr Lebensraum schenken. Und manche Arten sind ja auch speziell auf die Ackerlandschaft angewiesen und angepasst“, betont Burger. Die Feldlerche etwa könne nicht auf der Wiese oder im Wald leben. „Wir wollen vor allem die Arten gezielt fördern, bei denen alles rund um den Acker der Hauptlebensraum ist“, erklärt Burger.
Mittlerweile elf Blühflächen angelegt
Die Blühwiese gegenüber des Pfalzmarkts bei Mutterstadt ist eine von elf Flächen, die die Genossenschaft in den vergangenen fünf Jahren angebaut hat. Mittlerweile blühen die Wiesen auf über neun Hektar. Ziel des Projekts ist es, nicht nur die Artenvielfalt zu fördern, sondern auch immer mehr der rund 90 Landwirte des Pfalzmarkts dazu anzuregen, sich für den Erhalt des Artenreichtums einzusetzen, erklärt die Projektkoordinatorin beim Pfalzmarkt, Judith Beicht.
„Die Initiative kam 2019 aber von den Erzeugern selbst. Wir haben uns dann in die Thematik hineingearbeitet und mit den Landwirten geeignete Flächen gesucht“, berichtet Beicht. Im Gebiet des Pfalzmarkts gebe es nun ganz unterschiedliche Flächen mit ganz verschiedenen Beschaffenheiten und Bodenstrukturen. „Und in den vergangenen Jahren sind dann immer mehr Landwirte dazugekommen, die auch mitmachen wollten. Aber wir möchten natürlich noch mehr Erzeuger für unser Artenschutzprojekt begeistern und hoffen, dass noch mehr Flächen dazu kommen“, betont Beicht.
Immer mehr Erzeuger sehen Mehrwert
Für die Landwirte ist es vielleicht aus unternehmerischer Sicht zunächst ein kleiner Wettbewerbsnachteil, wenn sie eine Fläche nicht mit Gemüse bepflanzen, sondern in eine Blühwiese umwandeln, meint Beicht. „Aber die allermeisten Landwirte sind auch daran interessiert, dass die Flächen in der Pfälzer Naturlandschaft artenreich sind“, sagt sie. Zudem seien viele seltene Tiere auch wichtig für die Böden und die Natur. Deswegen verstehe der Pfalzmarkt seine Blühwiesen auch als gute Nutzflächen, betont die Projektkoordinatorin.
Wissenschaftlich begleitet und auf Erfolg untersucht werden die Blühflächen unter anderem von Ronald Burger, der das Projekt als einzigartig in Deutschland beschreibt. „Denn wir sähen nicht nur auf den Flächen aus und warten, dass es blüht. Wir wollten mehr machen und haben mit zusätzlichen Strukturen in der Blühfläche versucht, den Lebensraum der Tiere weiter zu verbessern“, sagt er. Ein Beispiel dafür sind die Totholzmodule, die sich bestens als Nistplätze für Bienen, Wespen oder Käferarten eignen. Außerdem bleiben auch Holzstängel in den Flächen liegen, damit etwa Tiere wie Wachteln oder Feldhasen Unterschlupf finden.
Umpflügen gegen den Statusverlust
Auch dass die Wiese recht lückig angelegt ist, ergebe Sinn, erklärt der Bienenfachmann. „Denn dann kommt mehr Sonne hinein, was wiederum viele seltene Insektenarten mögen und brauchen.“ Burger und andere Experten kontrollieren jedes Jahr, wie erfolgreich das Projekt ist, indem sie regelmäßig wissenschaftliche Zählungen auf den Blühwiesen vorzunehmen. „Es ist also in mehrerlei Hinsicht ein sehr durchdachtes Konzept hier“, betont Burger.
Alle vier Jahre muss die Blühwiese aber umgebrochen und danach wieder neu angelegt werden. „Wenn ein Bauer seine Fläche fünf Jahre nicht pflügt, ist sie per bürokratischer Definition kein Acker mehr“, erklärt Burger. Das sei schlecht, weil die Erzeuger dann später die Fläche auch nicht mehr für den Gemüseanbau nutzen dürfen. „Und es ist ja nachvollziehbar, dass der Landwirt seinen Acker behalten will“, sagt Burger. Mit den ersten Blühflächen sei man seit diesem Jahr nun also schon in der zweiten Blühperiode.
Erfolge des Projekts
Ronald Burger ist stolz darauf, wie das Projekt in den ersten Jahren angelaufen ist. „Auf den Blühflächen wurden Arten nachgewiesen, die wiedergefunden wurden und eigentlich hier schon als ausgestorben galten“, sagt er. Beispiele: etwa die Haubenlerche, die Große Schiefkopfschrecke oder auch die Grubenhummel. „Das sind für mich absolute Höhepunkte, wenn man eine solche Art einfängt auf einer Fläche, die man selbst mitgestaltet hat. Da geht man wirklich mit einem sehr guten Gefühl nach Hause“, sagt er.
In wenigen Wochen wird Ronald Burger wieder mit einem Kescher bewaffnet auf den elf Blühwiesen des Pfalzmarkts unterwegs sein und auf Insektenjagd gehen. Allerdings nur, um nachzusehen, ob sich vielleicht eine weitere seltene und gefährdete Tierart in die blühenden Flächen heimisch fühlt – und so die Artenvielfalt in der Pfalz aufrecht erhält.