Waldsee / Frankenthal
Armbrust-Prozess: Wie die Mordkommission „Grube“ ermittelte
Nachdem beim letzten Termin der angeklagte Fliesenleger, der von Rechtsanwalt Hans Böhme aus Heidelberg verteidigt wird, sich so ausgiebig zur Sache – und zu seiner Person – geäußert hatte, dass der Vorsitzende Richter den ebenfalls zu diesem Termin geladenen Zeugen vorsichtshalber abbestellt hatte, wurde am Dienstag dieser Zeuge, der Hauptermittler vom Polizeipräsidium in Ludwigshafen, befragt. Bei dem Kriminalhauptkommissar liefen alle Fäden zusammen.
Dabei ging es an diesem Verhandlungstag erst einmal um die äußeren Umstände der Tat, wie sie sich an diesem Februarmorgen im Gewerbegebiet von Waldsee und den folgenden Tagen den Ermittlern präsentierten. Für weitere Einzelheiten und tiefergehende Details aus dem Umfeld des Angeklagten und des 64-jährigen Mordopfers, das kurz als „Schaffer vor dem Herren“ beschrieben wurde, hat das Gericht genügend Raum zu einem späteren Zeitpunkt des Verfahrens vorgesehen.
Erste Minuten am Tatort
Zunächst sagte als erste Zeugin eine Polizistin der Polizeiinspektion Schifferstadt aus, die mit ihrem Kollegen und einem Praktikanten als eine der ersten am Tatort war. Es war ein Notruf eingegangen von einem Mitarbeiter der Werkstatt und der Ex-Lebensgefährtin des Opfers, die über der Werkstatt wohnte. Zwei polnische Mitarbeiter hatten den Inhaber in der Grube in der Werkhalle gefunden. Als die Polizeistreife kam, so berichtete die Polizistin, waren ein Krankenwagen, der Notarzt und die Feuerwehr, die das Gelände abgesperrt hatte, bereits vor Ort. Über der Grube habe teilweise ein weißes Auto gestanden, der Tote habe in der Grube gelegen, eine Decke über sich, der Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen, die Umstände seien „irgendwie komisch“ gewesen, sagte die Polizeibeamtin. Die Schussverletzung habe sie unter der Decke zunächst gar nicht gesehen, aber die Plastiktüte über dem Kopf. Sie hätten daher den Kriminaldauerdienst benachrichtigt.
Der Hauptermittler als nächster Zeuge beschrieb ausführlich, wie er und seine Kollegen aus der einberufenen Mordkommission „Grube“ weiter vorgegangen waren und wie er den Armbrustbolzen entdeckt hatte, der quer im Oberkörper des Opfers steckte. Die zweite Schussverletzung am Hinterkopf sei erst bei der Obduktion in der Mainzer Rechtsmedizin aufgefallen. Anschließend habe die Polizei den Leichnam noch einmal beschlagnahmt und Spezialisten in Heidelberg zur Obduktion und Blutflecken-Analyse übergeben.
Sonderermittler im Einsatz
Die Ermittler konnten währenddessen das Armbrustmodell identifizieren. Eine Armbrust als Tatwaffe sei ihm im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz bisher noch nicht untergekommen, erzählte der Kriminalhauptkommissar. Er tauschte sich daraufhin mit Kollegen aus Passau aus, wo 2019 mehrere Menschen mit einer Armbrust erschossen worden waren und von erweitertem Suizid die Rede war.
Das Armbrustmodell im Waldseer Fall war erst vor eineinhalb Jahren auf dem Markt erschienen. Nachdem die Ermittler den Internethändler um Auskunft gebeten hatten, lieferte er ihnen 25 Käufer. Der jüngste Kauf war am 5. Januar, und das Modell wurde nach Bad Dürkheim geliefert. Daraufhin kamen die Ermittler auf den Angeklagten, der damals keinen festen Wohnsitz hatte, und schließlich wenige Tage nach der Tat in Edenkoben festgenommen werden konnte. Die Armbrust und eine Softair-Pistole wurden „im letzten Eck“ eines auffallend dunklen Raums in der Werkstatthalle gefunden.
Zeitweise war ein Team von 25 Ermittlern mit dem Fall beschäftigt – darunter Sonderermittler für Wirtschaftskriminalität und IT-Fachleute. Sie hätten sowohl das soziale Umfeld, als auch die Geschäftsverbindungen nach möglichen weiteren Spuren und Motiven durchleuchtet und eine 6000 Seiten umfassende Akte zusammengestellt. Am Ende sei alles auf den Angeklagten hinausgelaufen, sagte der Hauptermittler. Als Motiv wird ein Streit über ein Autogeschäft vermutet.
Trotzdem blieben am Dienstag ein paar Fragen vor Gericht offen: Die Jacke, die der Angeklagte am Tattag getragen haben soll und die auf Überwachungsvideos zu sehen war, sei in Wirklichkeit im Führerhaus eines Lkw des Angeklagten in Hinterweidenthal gewesen – wo sie immer noch vermutet wird. Und wo ist das Kajak des Angeklagten, mit dem er mit der Armbrust in den Rheinauen auf Jagd gehen wollte? Beides will die Polizei nun ermitteln.
