Rhein-Pfalz-Kreis
Am Tag nach der Landtagswahl: Wunden lecken, Daumen hoch
Die SPD hat die Wahl gewonnen. Auch im Wahlkreis 38 greift sie die meisten Stimmen ab. Zumindest Zweitstimmen. Bei der Erststimme, also der Stimme für den Kandidaten vor Ort, haben wohl auch rote Wähler auf ganz schwarz gesetzt oder besser gesagt: auf Johannes Zehfuß. Der Böhl-Iggelheimer Landwirt holt zum dritten Mal hintereinander das Direktmandat (34,5 Prozent) und setzt sich erneut gegen die SPD durch. Zu seinem „Revier“ zählen neben Böhl-Iggelheim auch Mutterstadt und Limburgerhof sowie die Verbandsgemeinden Maxdorf, Dannstadt-Schauernheim und Rheinauen. Trotz seines Erfolgs sagt Zehfuß aber: „Die dritte Periode in der Opposition, das ist nicht schön.“
Auch am Tag nach der Wahl hört sich der 62-Jährige noch nicht wie ein Sieger an. Er kann sich über seinen Erfolg nur bedingt freuen, zu schlecht habe die CDU im Land abgeschnitten. „Ich fühle mich müde und zerschlagen“, sagt er. „Die Hängepartie mit den schleppend einlaufenden Ergebnissen hat mich zusätzlich zermürbt.“ Aber dann muss Zehfuß doch lachen, als es im Hintergrund ordentlich scheppert. „Wundern Sie sich nicht, das ist mein Enkel“, sagt er. „Er räumt gerade in der Küche auf. Vor allem was Krach macht, macht Spaß.“
Opposition sinnvoll nutzen
Seine Familie und die Arbeit in der Landwirtschaft, das sind die beiden Komponenten, die dem Böhler Geborgenheit und Kraft geben. „Eine Fahrt auf dem Traktor. Ein Feld pflügen. Das hat meditative Wirkung auf mich“, sagt er. „Oder Kartoffeldämme hochziehen, das ist ja eher die Arbeit, die gerade ansteht und die hochzufrieden machen kann.“ Es wird sich auf dem heimatlichen Hof eine Arbeit finden, die Johannes Zehfuß erdet, ehe er am Mittwoch das erste Mal nach der Wahl nach Mainz fährt. Fraktionssitzung. Mit Abstand und Maske im Plenarsaal. „Wunden lecken ist angesagt, gegenseitig trösten“, sagt Zehfuß. „An so einem Wahlabend werden Weichen gestellt. Da werden auch Lebenspläne über den Haufen geworfen, etwa weil man aus dem Parlament geflogen ist. Da muss man sich die Zeit geben, um das zu verarbeiten. Und dann kann man nach vorne schauen und überlegen, was man besser machen und wie man die Zeit in der Opposition sinnvoll nutzen kann.“ Zehfuß setzt auf einen respektvollen Umgang – nicht nur innerhalb der CDU, auch nach außen hin. Er möchte es deshalb nicht versäumen, der SPD zu gratulieren. „Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist das Zugpferd ihrer Partei. Mit einem solchen Pfund kann man eine solche Wahl gewinnen.“
Landkreis dunkel gefärbt
Zehfuß ist einer der wenigen „Sieger“ der CDU, die die Landtagswahl 2021 hervorgebracht hat. Wobei, im Rhein-Pfalz-Kreis ist er da nicht einmal alleine. In allen drei Wahlkreisen, die vom Rhein-Pfalz-Kreis abgedeckt werden, haben CDU-Männer das Direktmandat errungen. Michael Wagner setzte sich im Wahlkreis 39, zu dem neben Speyer auch Schifferstadt und die Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen gehören, mit 27,6 Prozent gegen SPD-Kontrahent Walter Feiniler (26,2 Prozent) durch. Und im Wahlkreis 35, der neben Frankenthal mit Bobenheim-Roxheim und der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim den nördlichen Teil des Rhein-Pfalz-Kreises abbildet, holt sich Christian Baldauf mit 39,7 Prozent das direkte Ticket nach Mainz gegen Martin Haller (29,5 Prozent). Zumindest ein kleiner, wenn auch schwacher Trost für den gescheiterten Spitzenkandidaten der CDU und Herausforderer von Malu Dreyer.
Unabhängig vom Wahlkreis haben 27.125 der 80.927 Menschen im Rhein-Pfalz-Kreis, die am Sonntag zur Wahl gegangen sind, ihre Erststimme an die CDU gegeben. Das entspricht 34,1 Prozent. Die SPD kommt auf 28.7 Prozent, in absoluten Zahlen sind das 22.899 Stimmen. Ziemlich genau umgekehrt ist das Ergebnis bei den Zweitstimmen, die letztlich über die Mehrheitsverhältnisse im Mainzer Landtag entscheiden. Hier folgt der Rhein-Pfalz-Kreis dem Landestrend. Die CDU kommt auf 28,1 Prozent (22.512 Stimmen), die SPD auf 34,4 Prozent (27.583 Stimmen). Haben die Sozialdemokraten also ein Problem mit ihren Direktkandidaten, die sie ins Rennen schicken?
„Der Landkreis kann auf jeden Fall Rot wählen“, sagt Bianca Staßen, die gegen Johannes Zehfuß angetreten war und unterlag, „aber die Wahlkreise sind doch eher dunkel gefärbt.“ Das zeige sich auch darin, dass viele Gemeinden einen CDU-Bürgermeister hätten. In ihrer Heimat Otterstadt hat Staßen gepunktet, ebenso in Neuhofen und Altrip. Mutterstadt konnte sie knapp für sich entscheiden. Deutlich Federn lassen musste sie in der Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim und natürlich in Böhl-Iggelheim. „Johannes Zehfuß ist einfach ein Lokalmatador, gegen den es schwer ist zu bestehen“, sagt Staßen, die ihr Amt als Erste Kreisbeigeordnete nicht abgegeben hätte, wäre sie in den Landtag eingezogen.
Sie sei mit sich Reinen und zufrieden mit ihrem Ergebnis von 30,4 Prozent, das mit einem normalen Wahlkampf ohne Corona, mit Podiumsdiskussionen und mehr Bürgerkontakt womöglich noch besser ausgefallen wäre. Rund 1800 Stimmen fehlen Staßen letztlich auf Zehfuß. „Er ist beliebt und bekannt, ich schätze ihn“, sagt sie über den CDU-Vertreter, „und er hat zehn Jahre Vorsprung im Landtag.“
Zu den Geschlagenen dieser Landtagswahl zählt auch die AfD. Als bislang drittstärkste Kraft im Land musste die Partei teils deutliche Einbußen hinnehmen. Das gilt auch für Klaus Räuchle, Direktkandidat im Wahlkreis 38. Er bekommt fünf Prozentpunkte weniger und fällt mit 11,1 Prozent im Ranking auf Rang 4 hinter Elias Weinacht (Grüne, 11,7 Prozent) zurück. „Damit kann man natürlich nicht zufrieden sein“, sagt Räuchle, der drei Gründe für das schwache Abschneiden verantwortlich macht. Er geht davon aus, dass die Freien Wähler der AfD Stimmen weggenommen haben. Zudem sei der Wahlkampf nicht gut organisiert gewesen, viele Themen hätten nicht seine persönliche Zustimmung gefunden. Vor allem aber fühlt Räuchle sich und seine Partei ungerecht behandelt, etwa durch Medien oder den Verfassungsschutz. „Wer behauptet, dass die AfD verfassungsfeindlich oder ähnliches sei, der könnte auch behaupten, dass Mahatma Gandhi ein Gewalttäter war“, schreibt er in einer Stellungnahme.
„Standhaft“
Zum Wahlwochenende war auf dem Instagram-Profil von Johannes Zehfuß ein Foto von Wahlplakaten zu sehen, die vom Sturm umgeweht wurden, mit Ausnahme von seinem. Manchmal komme etwas Gegenwind auf, stand unter dem Bild – „doch Zehfuß bleibt standhaft.“ Auch wenn am Tag nach der Wahl erst einmal Wunden lecken angesagt ist, postet der Landwirt am Montag nur eines: „Danke“ in Großbuchstaben. Dazu reckt er den Daumen nach oben.