DUDENHOFEN RHEINPFALZ Plus Artikel Als Kind nach dem Krieg in die Schweiz: Aus Hilfe wird Freundschaft

Straßenzug in Koppigen im Kanton Bern: Zwei Mal durfte Karin Pfannebecker nach dem Krieg die Schweizer Gastfreundschaft genießen
Straßenzug in Koppigen im Kanton Bern: Zwei Mal durfte Karin Pfannebecker nach dem Krieg die Schweizer Gastfreundschaft genießen.

Inmitten der großen weltgeschichtlichen Umbrüche Mitte des 20. Jahrhunderts ist es eine Randnotiz. Allerdings eine, die für Mitmenschlichkeit und Versöhnung steht: Schweizer Familien haben in der Nachkriegszeit notleidende deutsche Kinder für einige Monate bei sich aufgenommen. Karin Pfannebecker aus Dudenhofen war eines davon. Und ist heute noch mit ihrer früheren Gastfamilie befreundet.

Als Karin Pfannebecker in die Schule kam, lag Deutschland in Trümmern. Viele Menschen hatten kaum genug zu essen. So auch die Familie von Pfannebecker damals in Oggersheim. „Eine Schuluntersuchung ergab, dass ich unterernährt war“, erzählt die heute 82-Jährige. So kam es, dass sie für ein Vierteljahr in die Schweiz geschickt werden sollte, um dort bei einer Bauersfamilie wieder zu Kräften zu kommen. „Es ging mit dem Zug nach Basel. Dort waren viele Leute, die auch ein Kind aus Deutschland erwarteten. Wir hatten alle Schilder um den Hals hängen mit unserem Namen und dem Ort, wo wir hinkommen“, erinnert sich die Dudenhofenerin. Im Fall von Karin Pfannebecker war es das Örtchen Koppigen im Kanton Bern. Dort angekommen, durfte das Mädchen aus Deutschland zum Essen am Tisch der Familie Probst Platz nehmen. „Ich musste mich neben den Bauern setzen, dafür musste die 14-jährige Tochter einen Platz weiterrücken“, erinnert sich die 82-Jährige. Bis das Mädchen aus der Pfalz merkte, dass sie bei der Schweizer Familie nichts zu befürchten hatte, vergingen einige Tage. „Vor lauter Angst konnte ich nichts essen und heulte drei Tage lang“, erzählt Pfannebecker. Vor allem die unterschiedlichen Dialekte waren am Anfang eine Herausforderung: „Ich verstand kein Schwizerdütsch und sie mein Pfälzisch nicht.“

Schulhefte statt Holztafel

Ein Erholungsurlaub nach heutigen Maßstäben war die Zeit in der Schweiz für Karin Pfannebecker zunächst tatsächlich nicht: Am vierten Tag ging es für das Mädchen aufs Feld Kartoffeln legen. „Mir taten alle Knochen weh“, weiß sie noch. Doch ein anderes Kind fragte sie, ob sie nicht lieber die Schule besuchen wolle, und prompt wurde die Deutsche dort angemeldet. „Mein Schulpult enthielt Bücher, Hefte, Blei- und Farbstifte. Alles war jetzt meins – ein Traum“, erzählt Pfannebecker begeistert. Im Nachkriegsdeutschland hatte sie nur eine Holztafel gehabt, die für die Hausaufgaben zu klein war. „Ich habe den Rand der RHEINPFALZ abgeschnitten, der damals noch breiter war, und den Rest draufgeschrieben“, berichtet sie.

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Karin Pfannebecker lebte sich immer besser im fremden Land bei ihrer Gastfamilie ein. An Weihnachten bekam sie einen Schal und Handschuhe geschenkt. Und an Fasnacht durfte sie mit drei anderen Mädchen von Haus zu Haus ziehen, wo sie – nachdem sie etwas gesungen hatte – Geld in eine Kasse bekam. Als das Vierteljahr in der Schweiz vorbei war, nähte die Bauersfamilie ihr 30 Franken in den Mantelsaum ein, da an der Grenze streng kontrolliert wurde.

In Heidelberg sollte Karin Pfannebeckers Mutter sie abholen. Doch sie ging zunächst einfach an ihrer Tochter vorbei. „Also will sie mich nicht mehr zurückhaben, dachte ich“, erzählt die Dudenhofenerin. Doch tatsächlich hatte die Mutter ihr Mädchen schlichtweg nicht mehr erkannt. „Die gute Milch und das gute Essen hatten mich so verändert.“ Auch der Schweizer Dialekt hatte zum Leidwesen von Karin Pfannebeckers Mutter ihre Spuren hinterlassen.

Zweiter Aufenthalt folgt

Die Schweizer Familie hatte die kleine Karin so ins Herz geschlossen, dass der Bauer sie bald darauf noch ein zweites Mal bei sich aufnahm – und das in einer Zeit, in der die Deutschen in Europa nicht wohl gelitten waren. „Einmal hat mich eine Melkersfrau als Nazi beschimpft“, kann sich auch Pfannebecker noch an eine Situation erinnern, die ihr in der Schweiz widerfuhr. Doch die Familie Probst duldete so etwas nicht. „Der Bauer hat sich die Frau zur Brust genommen“, weiß sie noch.

Was Karin Pfannebeckers Geschichte so besonders macht: Die Verbindung zu der Familie in der Schweiz besteht bis heute. „Mit 18 Jahren habe ich eine Radtour durch die Schweiz gemacht“, erinnert sie sich. „Da bin ich auch zu der Familie hingefahren. Das war eine Riesenfreude.“ Die Besuche wiederholten sich später, so in den 1960er-Jahren auf dem Weg in den Italien-Urlaub. Und auch Gegenbesuche der Kinder und Enkel des Schweizer Bauern in der Pfalz hat es gegeben – so zum 80. Geburtstag von Karin Pfannebecker vor gut zwei Jahren: „Da kamen fünf Schweizer und feierten mit“, erzählt sie.

Jetzt hofft die Dudenhofenerin auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie, damit sie sich mit ihren Schweizer Freunden endlich wieder treffen kann.

Aufgepäppelt: Der Aufenthalt bei der Schweizer Bauersfamilie tat Karin Pfannebecker gut.
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Fast 75 Jahre später: Karin Pfannebecker pflegt immer noch Kontakte in die Schweiz.
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