Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel 16 neue Stolpersteine verlegt

Für die Familie Löb wurden Steine in der Luitpoldstraße verlegt.
Für die Familie Löb wurden Steine in der Luitpoldstraße verlegt.

Mutterstadts Erinnerungskultur ist in eine neue Runde gegangen. Zum vierten Mal wurden 16 neue Stolpersteine vor ehemaligen Wohnstätten von Opfern des Nazi-Regimes verlegt. Dafür kam der Kölner Künstler Gunter Demnig persönlich vorbei.

„Was hier gemacht wird, ist nicht recht – Juden sind auch Menschen und mit Menschen muss man immer menschlich umgehen.“ Für diese am 10. November 1938 vor Schülern anlässlich des Synagogenbrands ausgesprochenen Worte wurde Pfarrer Johannes Bähr derzeit verhaftet und bekam Hausarrest. Einschüchtern lassen hat er sich dadurch nicht. Für den zehnfachen Vater wurde am Freitag in der Luitpoldstraße 14 der erste Stolperstein vor dem Pfarrhaus eingelassen. Zuvor hatte Bürgermeister Thorsten Leva (SPD) die Aktion Stolpersteine als das größte dezentrale Mahnmal der Welt bezeichnet: „Das sind mehr als bloße Pflastersteine. Sie sind Zeugen der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte, Erinnerungen an unschuldige Leben, die durch Intoleranz und Hass ausgelöscht wurden.“

Aus Mußbach angereist waren die Schwiegertochter Doris Bähr, ihr Mann war ein Sohn von Johannes Bähr, Schwiegersohn Thomas Merten aus Landau, Enkel Christoph Bähr und Tochter Renate Lemmert (1944 geboren) aus Obrigheim. „Das waren meine schönsten zehn Jahre“, erinnert sie sich an die Zeit in Mutterstadt, und dass man ihr immer erzählt habe, sie sei als Baby bei einem Bombenangriff mitsamt dem Kinderwagen in den Keller gefallen. Der Neustadter Eberhard Dittus, Spender des Steins und Beauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz für Gedenkstättenarbeit und der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz hat sich viele Jahre in Veröffentlichungen mit Johannes Bähr beschäftigt. Zu dem Pfarrer und generell zu Mutterstadt habe er ein „besonderes Verhältnis“.

Kuriose Verbindung

So auch der Liedermacher Uli Valnion, der zusammen mit seiner Frau Ute den Stein für Ludwig Reimer (Karl-Marx-Straße 7) gestiftet hat. Er hat sich mit Reimer für ein politisches Opfer entschieden, zu dem er sogar einen persönlichen Bezug habe. Reimer habe im Krieg den Sohn verloren, welcher ursprünglich mit seiner, wie er sie nannte, „Tante Hedwig“ verlobt war, die oft seine Oma besuchte. Hedwig sei wiederum die Mutter von Hartmut Seitz, den Reimer quasi als Adoptivenkel angenommen habe. Seitz und seine Frau waren ebenfalls anwesend. Von dieser Verbindung erfuhr Valnion aber erst tags zuvor von Gemeindearchivarin Dr. Christina Wolf. Sie ist mit Ortschronist Volker Schläfer und Büroleiter Gunther Holzwarth im Stolperstein-Orga-Team und für die Recherche verantwortlich.

Mit Liedern wie „Die Gedanken sind frei“, „Mein Vater wird gesucht“ (Text von Hans Drach, ebenfalls Opfer des Nationalsozialismus), und „Donna Donna“ begleitete Valnion die Stolpersteinverlegung. Weitere Stolpersteine wurden für Helene, Hermann, Johanna, Lilly und Hilda Löb (Luitpoldstraße 22) verlegt, wie auch für Karl und Ida Rockstroh (Speyerer Straße 48). Laut Chronist Schläfer war Idas Beisetzung die letzte auf dem Mutterstadter jüdischen Friedhof. Auch für Franziska und Otto Löb (Speyerer Straße 86) und schließlich für Theodor, Simon und Hedwig Marx sowie für Jakob und Werner Dellheim (Speyerer Straße 36) wurden Steine verlegt. Über Werner Dellheim sei viel bekannt, informierte Schläfer: Er sei nach dem Krieg oft nach Mutterstadt gekommen, wo er im Sinne einer Versöhnungskultur stets herzlich empfangen worden sei.

112.000 Steine europaweit verlegt

Die zirka einen Kubikdezimeter großen Messingtafeln verlegte der Künstler Gunter Demnig (76) mit Schnellbeton und füllte mit Basaltsand die Fugen auf. Die Inschriften verweisen auf Namen, Geburtsjahre und Art der Misshandlung der Opfer. 112.000 Steine hat er bereits europaweit in 32 Staaten verlegt. „Überall dort, wo Wehrmacht, SS und Gestapo ihr Unwesen getrieben haben“, fasste er zusammen. Jüngst habe ihn seine Stolperstein-Reise auf die Kanalinseln geführt. Über all die erlebten Abenteuer könne er ein Buch schreiben. Und die Pflege der Steine? Der hat sich der Mutterstadter Lothar Distler verschrieben, der die 62 Steine und die Stolperschwelle vor der ehemaligen Synagoge regelmäßig erst mit Essig und Salz säubert und mit einer Polierpaste poliert, so dass sie wieder wie neu glänzen.

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