Pirmasens
Tabuthema Fehlgeburt: Eine Betroffene berichtet, wie sie zur Sternenmama wurde
Mein Name ist Bärbel, ich bin 31 Jahre alt und arbeite als Produktmanagerin. Ich habe mich viele Jahre bei der Landjugend auf Orts-, Landes- und Bundesebene engagiert, und seit meinem Ausscheiden aus dem Bundesvorstand im Jahr 2019 bin ich bei den Landfrauen aktiv. Im selben Jahr habe ich meinen Mann geheiratet, und 2021 ist unser erstes Kind zur Welt gekommen. Es war für mich und auch für uns als Paar immer klar, dass wir gerne mehrere Kinder haben wollen. Ich selbst bin mit einer großen und einer kleinen Schwester aufgewachsen.
Mit dem Jahreswechsel 2022 auf 2023 wuchs Monat für Monat in mir das Gefühl, dass ich jetzt bereit bin für ein zweites Kind. Es hat ein paar Monate gedauert, bis ich schwanger wurde. Leider hatte meine zweite Schwangerschaft kein Happy End: Ich brachte Mitte Dezember 2023 im Pirmasenser Krankenhaus unser Sternenkind zur Welt.
Ich möchte meine Geschichte gerne teilen, weil es mir seit dieser sehr schmerzlichen Erfahrung eine Herzensangelegenheit ist, das Thema Fehlgeburt aus der Tabuzone zu holen: damit Betroffene sich nicht verstecken oder schämen müssen, damit das Thema in unserer Gesellschaft hoffentlich ankommt, damit das Umfeld von Betroffenen sensibilisiert und damit auch mehr Verständnis aufgebaut wird.
Wir hatten außerdem eine gute und einfühlsame Beratung und Unterstützung durch die Stiftung „Dein Sternenkind“ (www.dein-sternenkind.eu/). Vielleicht hilft das Wissen darüber, dass es solche Organisationen gibt, dem einen oder der anderen irgendwann – auch wenn ich niemandem wünsche, diese Erfahrung machen zu müssen.
Weihnachtskarten mit der frohen Botschaft
An meine erste Schwangerschaft 2021 erinnere ich mich sehr gerne zurück. Mir war die ersten zwölf Wochen morgens etwas flau im Magen, und Cornflakes landeten bei jedem Einkauf in meinem Korb. Aber bis auf die Tatsache, dass ich viel Zeit zwischen den Regalen mit Frühstückscerealien im Supermarkt verbrachte, konnte ich meinen wachsenden Bauch sehr genießen. Erst ganz zum Schluss wurde es noch mal etwas lästig mit Karpaltunnelsyndrom und verengten Nebenhöhlen, ansonsten war ich fit wie ein Turnschuh. Meine letzte Fahrradtour machte ich drei Tage vor der Entbindung. Und genau deswegen suchte ich völlig unbesorgt und voller Vorfreude Ende Oktober 2023 meine Frauenärztin auf. Anlass war ein positiver Schwangerschaftstest einige Tage zuvor.
Sie bestätigte mir die Schwangerschaft, und obwohl es noch früh war, konnte man auf dem Ultraschall bereits den Herzschlag erkennen. Auch bei meinem nächsten Termin vier Wochen später war alles in Ordnung. Ich machte mir langsam Gedanken, auf welchem Weg wir die Neuigkeit meiner Familie und engen Freunden mitteilen wollten: mit den Weihnachtskarten, die ich jedes Jahr gestalte und an enge Freunde und meine Familie verschicke oder verteile.
Diesen Karten geht immer ein kleines Familien-Fotoshooting voraus. Dieses Jahr sollte auf der Karte ein Foto zu sehen sein, auf dem meine Tochter eine Tafel in der Hand hält: „Große Schwester Juni 2024“. Ich legte den Termin für das Shooting auf die zwölfte Schwangerschaftswoche. Das war zwar ganz schön knapp, um die Karten rechtzeitig in den Händen zu halten, aber man weiß ja, dass in den ersten drei Monaten das Risiko einer Fehlgeburt am höchsten ist. Die Fotos waren im Kasten, und ich wartete voller Vorfreude darauf.
In mir das trügerische Gefühl: Es wird alles gut
Auf der Fahrt zu einer dienstlichen Veranstaltung fühlte sich irgendetwas komisch an. Ich vergaß den Gedanken aber wieder, und erst als ich in der Kaffeepause zur Toilette ging, entdeckte ich das Blut. „So ist das also, wenn man eine Fehlgeburt hat“, dachte ich in diesem Moment. Ich rief bei meiner Frauenärztin an. Ich wollte mich vergewissern, dass ich nicht überreagiere. Vorweg: Meine Frauenärztin und ihr Team sind einfach nur großartig.
Ich brach den Termin ab und fuhr den eineinhalbstündigen Weg zur Praxis. Ich betete, dass das jetzt nicht das war, wonach es aussah. Warum auch immer, ich hatte ganz tief im Inneren ein Gefühl, das mir vermittelte: „Keine Panik, es wird alles gut!“
Die Minuten im Wartezimmer sowie die Zeit, in der ich der Ärztin erklärte, was passiert war, und sie mich untersuchte, kamen mir trotzdem wie eine Ewigkeit vor. Mein Gefühl hatte sich jedoch nicht als falsch herausgestellt – vorerst. In dem Moment, als die erlösenden Worte fielen, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen: „Der Herzschlag ist feststellbar, mit dem Baby ist alles in Ordnung“, sagte die Ärztin. Allerdings konnte die Ursache der Blutung nicht festgestellt werden.
Vorsorglich schrieb mich die Ärztin krank und verordnete mir strenge Bettruhe und Schonung. Sie bot mir sogar an, zur Überwachung stationär ein paar Tage im Krankenhaus zu bleiben. Das lehnte ich ab, denn ich fühlte mich in meinem Gefühl, dass alles in Ordnung ist, bestätigt. Dass Bettruhe und Schonung mit einer Zweijährigen nicht ganz so leicht umzusetzen sein würden, war mir schon klar, aber die wichtigste Erkenntnis des Tages war: Ich musste mir keine Sorgen machen.
Diese Gewissheit hielt jedoch nur drei Tage an. Ich war auf dem Weg zur Toilette, als plötzlich ein Schwall Flüssigkeit abging und meine Hose benetzte. Ich wusste in dem Moment genau: Meine Fruchtblase war geplatzt. Ein Vorgang, der die Geburt einläutet und auch nur im Rahmen der Geburt passieren sollte. Das war eindeutig zu früh. Dieses Mal sagte mir mein Gefühl: Das ist kein gutes Zeichen.
Hölle: Auf derselben Station wie nach der Entbindung
Mein Mann fuhr mich in die Notaufnahme. Ich erzählte der Ärztin dort, was vorgefallen war. Sie schaute mich fragend an und erklärte mir, dass ein vorzeitiger Blasensprung sehr unwahrscheinlich sei, das komme sehr selten vor. Sie untersuchte mich und gab mir dann recht: Es war kein Fruchtwasser mehr da.
Nach der Untersuchung sagte sie, ich könne meine (komplett durchnässten) Sachen wieder anziehen. Ich wurde stationär aufgenommen. Am nächsten Morgen wurde mir nach einer weiteren Untersuchung mitgeteilt, dass ich beim Verlassen des Krankenhauses nicht mehr schwanger sein würde. Man werde zwei Tage abwarten, ob der Körper das Kind auf natürlichem Wege abgibt. Spätestens am dritten Tag jedoch werde man die Geburt einleiten.
Ich lag also zwei Tage da – auf der gleichen Station, auf der ich damals kurz nach der Entbindung mit meiner Tochter bis zur Entlassung lag, nur ein paar Zimmer weiter. Ich wurde jeden Tag zum Chefarzt zum Ultraschall gebeten, vorbei am Wartebereich, in dem nur Frauen mit kugelrunden Bäuchen saßen. Das war meine kleine, persönliche Hölle.
Ich bin einige Zeit, bevor ich in dieser Situation war, durch die sozialen Medien auf die Stiftung „Dein Sternenkind“ aufmerksam geworden. Ich konnte mich daran erinnern, dass es sich um ein Netzwerk aus ehrenamtlichen Koordinatoren und Fotografen handelt, die das erste und das letzte Bild von totgeborenen Kindern und Kindern machen, die kurz nach der Geburt versterben. Und als ich mich mit meiner Situation abgefunden hatte, wusste ich: Ich möchte auch gern ein Foto von unserem Kind haben. Ich bat meinem Mann, dort anzurufen. Ich war nicht in der Lage, über das uns Bevorstehende zu sprechen.
Mein Mann sprach fast eine Stunde mit einer Koordinatorin, die alle Fragen beantwortete, die ich mich gar nicht getraut hätte laut zu stellen. Meine größte Sorge war: Unser Kind kommt in den Müll. Mein Mann wurde über die Möglichkeit der anonymen Sammelbestattung von Sternenkindern aufgeklärt und teilte nach dem Telefonat alle Informationen mit mir, darunter auch hilfreiche Tipps, was uns nach der Geburt helfen könnte, mit der Trauer umzugehen.
Von Anfang an war klar: Ich werde niemanden anlügen
Eine weitere sehr tröstliche Erfahrung in dieser Zeit war der Kontakt zu einer langjährigen Freundin, die weit entfernt wohnt. Der Kontakt beschränkt sich deshalb in erster Linie auf Whatsapp(-Sprach)-Nachrichten. Wir hatten nun aber schon ein paar Monate nichts mehr voneinander gehört. Einfach so fragte sie mich, wie es mir geht.
Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, mit offenen Karten zu spielen und niemanden anzulügen. Gleichzeitig wollte ich niemanden überrumpeln und überfordern. Das war ein kleiner Spagat zwischen der ehrlichen Antwort auf die Frage, wie es mir geht („Nicht so gut, ich hatte gerade eine eingeleitete Fehlgeburt im Krankenhaus“), und der Angst, jemanden damit zu überrollen. Ich wollte einerseits ehrlich sein, aber mein Gegenüber weder triggern noch in eine unangenehme Situation bringen. Meine Sorge war wohl auch, dass Leute, die gar nichts dazu sagen können, sich von mir distanzieren.
Diese Freundin und ich haben uns schon durch ein paar Tiefs in unserem Leben getragen und darum schrieb ich ihr, was los ist. Sie schrieb mir daraufhin jeden Tag bis zur Entlassung und darüber hinaus. Sie fand für die Situation tröstende und aufbauende Worte. Dafür habe ich bis heute so viel Respekt und Anerkennung. Ich wüsste nicht, ob mir das als Freundin gelungen wäre.
Einer Arbeitskollegin, die mir per Whatsapp noch verspätete Glückwünsche zur Schwangerschaft schickte, erzählte ich auch von meiner Situation. Sie schickte mir später eine Karte mit so einfühlsamen Worten und ein Armband mit einer Vergissmeinnicht-Blüte.
Die Welt stand still, noch nie hatte ich so viel geweint
Meine Mama, die mich nach der Entlassung fest in den Arm nahm und sagte,„Ich hätte dir das so gerne abgenommen“, und mein Papa, der einfach nur schrieb, „Wir leiden mit dir“, reihen sich bei den Menschen ein, die mir während dieser Zeit und danach so viel Trost gespendet haben. Dafür bin ich sehr dankbar und hätte vorher nicht gedacht, wie viele Wärme ein einfacher Satz wie „Ich denke ganz fest an dich!“ spenden kann.
Besuch wollte ich während meines insgesamt fünftägigen Krankenhausaufenthalts, außer von meinem Mann und unserer Tochter, keinen empfangen. Das haben auch alle respektiert. Für mich stand die Welt still, ich habe noch nie so viel geweint. Für meinen Mann, der fast jede Sekunde an meiner Seite stand, war es sehr hart, nichts tun zu können, um irgendetwas an dieser Situation zu ändern.
Nachdem am vierten Tag eingeleitet wurde, brachte ich unser Sternchen zur Welt. Es ging alles sehr viel schneller und war auch nicht mit solch extremen Schmerzen verbunden, wie man es von einer Geburt kennt. Fotografin Verena kam am nächsten Tag ins Krankenhaus. Wir verabschiedeten uns, während die Fotos gemacht wurden, in einer sehr liebevollen und friedlichen Atmosphäre von unserem Sternenkind.
Die Fotografin war großartig. Es tut so gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die den Eltern, die solch einen Verlust ertragen müssen, zur Seite stehen, ihren Schmerz ernst nehmen, Mitgefühl spenden und mit den Fotos wertvolle Erinnerungen schaffen.
Die Sammelbestattung der Sternenkinder auf dem Waldfriedhof findet nur einmal im Jahr statt. Wir müssen noch viele Monate auf diesen Tag warten. Deshalb riet uns die Koordinatorin am Telefon, unabhängig vom Friedhof einen Ort zum Trauern zu schaffen. Wir haben uns dafür entschieden, ein kleines Kästchen aus Holz mit dem Datum versehen zu lassen. Darin bewahren wir die Fotos und alle anderen Erinnerung auf, die wir mit der Schwangerschaft verbinden, etwa Ultraschallbilder und den Schwangerschaftstest.
Alles kreist um die eine Frage: Warum?
Als ich vier Tage nach der stillen Geburt zur Nachsorge bei meiner Frauenärztin war, wollte ich eigentlich so schnell wie möglich wieder arbeiten gehen. Sie riet mir dringend davon ab, mich zwanghaft ablenken zu wollen, und schrieb mich noch bis ins neue Jahr hinein krank. Sie meinte, dass ich durch die Hormonumstellung im Nachgang wahrscheinlich noch einige Male von der Trauer über dem Verlust überwältigt werden würde. Für meine psychische Verfassung und mentale Stabilität sei es langfristig heilsamer zu lernen, damit umzugehen, anstatt diese Gefühle zu unterdrücken. Sie hätte mich auch noch länger krankgeschrieben, wenn ich das gewollt hätte.
Ich weiß nicht, ob jede Frauenärztin so fürsorglich handelt. Um hier generell Betroffene nicht in eine Bittsteller-Position zu manövrieren, spreche ich mich grundsätzlich für einen anteiligen gesetzlichen Mutterschutz nach der Fehlgeburt aus, der dann durch individuelle Krankschreibung verlängert werden kann. Für Familien, die so etwas erlebt haben, steht die Welt still. Zumindest hat es für uns eine kleine Weile gedauert, bis wir uns und wieder mit der Welt weiterdrehen konnten und den ersten Schock verdaut hatten.
Vor allem in den ersten Wochen kreiste alles nur um die Frage des Warum. Auch wenn mir die Ärzte mit auf den Weg gaben, mir keine Schuld zu geben und keine Zeit zu verschwenden, auf diese Frage eine Antwort zu suchen, die mir niemand mit Gewissheit geben kann.
Schlimm: „Für irgendwas war’s bestimmt gut“
Was mir persönlich keine Hilfe war: Ratschläge, die ich zum Glück nur sehr selten gehört habe, die ich dennoch kenne. Ich weiß, dass sie alle gut gemeint sind und darüber hinwegtäuschen, dass man zu dem Thema nichts beitragen kann. Etwa: „Ach, Sie können doch noch so viele gesunde Kinder zu Welt bringen.“ Danke, das hilft mir in diesem Moment nicht. Denn momentan stelle ich mir die Frage, ob ich nach dieser traumatischen Erfahrung überhaupt je wieder unbeschwert schwanger sein kann und will. Oder: „Für irgendetwas war das bestimmt gut.“
Was uns sehr geholfen hat: Ich bin dankbar dafür, dass in meinem Bekanntenkreis vorher bereits andere Frauen ihre Erfahrungen zum Thema Fehlgeburt mit mir geteilt haben. Das lag teilweise schon mehrere Jahre zurück, trotzdem konnte ich mich daran erinnern. Ich wusste: Ich bin nicht alleine und nicht die erste Frau, die eine Fehlgeburt hat. Genau aus diesem Grund haben wir uns auch dazu entschieden, sehr offen mit diesem Thema umzugehen.
Für die Weihnachtskarten haben wir aufgrund der Umstände ein anderes Foto gewählt. Wir haben zudem einen Text geschrieben, den wir bei jenen Menschen, die aus unserer Sicht davon erfahren sollten, der Grußkarte beigefügt haben: „Ursprünglich wollten wir Euch auf dieser Karte mitteilen, dass wir im Juni zum zweiten Mal Eltern werden, die entsprechenden Fotos waren bereits im Kasten. Leider waren uns nur 13 sorglose Schwangerschaftswochen vergönnt. Fünf Tage Krankenhausaufenthalt und das schmerzliche Warten waren eine sehr harte Zeit für uns. Aber auch diese Nachrichten gehören zum Leben dazu. Wir möchten als Freunde nicht nur die schönen Momente mit Euch teilen. Wir richten den Blick nach vorne auf ein 2024 mit hoffentlich vielen glücklichen und unbeschwerten Momenten!“
Trauer um jemanden, den man nie kennengelernt hat
In den ersten Wochen danach habe ich auf die Frage, wie es mir geht, beispielsweise sowohl der Nachbarin als auch der Frau, die im Fitnessstudio den gleichen Kurs besucht, mit „Nicht so gut, ich hatte eine eingeleitete Fehlgeburt“ geantwortet. Es hätte sich nicht richtig angefühlt zu sagen, es sei alles in Ordnung. Es hätte sich falsch angefühlt zu lügen, als ob ich mit einem Lächeln und der Antwort: „Alles gut und bei dir?“ diese Schwangerschaft und mein Kind verleumden würde.
Einige Freundinnen haben sich von sich aus mit mir verabredet und gefragt: Möchtest du erzählen, wie es dir geht? Willst du sagen, was passiert ist? Die Antwort auf die Frage, wie es mir geht, ist dabei am schwersten zu beantworten. Weil ich es selbst schwer greifen kann, dass einem manchmal ein Gefühl der Trauer überkommt − Trauer um einen Menschen, den man niemals kennengelernt hat.
Mir tat es jedes Mal gut, im geschützten Rahmen im Gespräch zu zweit zu erzählen. Das hat beim Verarbeiten geholfen. Ich wusste dadurch, dass sich Menschen dafür interessieren und dass unser Kind nicht vergessen wird. Ich habe durch diese Menschen, die einfach gefragt haben und mich erzählen ließen, auch gelernt, wie ich zukünftig mit anderen Menschen umgehen möchte: Auch ich will gerne ein offenes Ohr für ihre Geschichten anbieten. Das habe ich mich in der Vergangenheit nie getraut, weil ich niemandem zu nahe treten wollte. Doch jetzt habe ich gemerkt, wie gut es mir getan hat.
Der größte und hellste Stern am Himmel
Kurz vor Weihnachten habe ich einer Erzieherin aus der Kita meiner Tochter erzählt, was passiert ist. Auch das hat sich für mich richtig angefühlt. Ich wusste, dass sie meine Tochter nicht von sich aus darauf ansprechen würde. Ich wusste aber auch, dass es in der Kita ein Kind gibt, dessen Mama ebenfalls noch mal schwanger war und eine stille Geburt hatte.
Meine Tochter kam irgendwann nach Hause und fragte, wo das Baby ist. Ich gab ihr ihre Babypuppe, doch sie sagte: „Nein, das Baby in deinem Bauch.“ Und dann fragte sie mich: „Ist das weggeflogen?“
Wir gingen ans Fenster, und ich habe ihr gesagt, dass das Baby weggeflogen ist, dass es nun auf dem größten und hellsten Stern sitzt und auf uns aufpasst. Im Nachgang habe ich erfahren, dass die Kinder auf der Schaukel darüber gesprochen hatten. Ich habe mir vorher so viele Gedanken gemacht, ob und wie ich das meiner Tochter erklären sollte. Und seit dem Tag schauen wir manchmal abends zusammen nach dem größten und hellsten Stern.
Dieser Text erschien zuerst im Internet auf der Seite kloenstedt.de in der Rubrik „Dorfgeflüster“.

