Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Fehlgeburten: Am Pirmasenser Krankenhaus liegen Leben und Tod nah beieinander

Manchmal bleibt nicht mehr als ein Ultraschallbild. Statistiken zufolge erleidet etwa jede sechste schwangere Frau eine Fehlgebu
Manchmal bleibt nicht mehr als ein Ultraschallbild. Statistiken zufolge erleidet etwa jede sechste schwangere Frau eine Fehlgeburt.

Es ist nach wie vor ein großes Tabuthema, mit dem Frauen und Familien häufig alleine bleiben (wollen): Längst nicht jede Schwangerschaft endet glücklich. Wie gehen Betroffene und Personal im Pirmasenser Krankenhaus mit Fehlgeburten um?

Der Diagnose Fehlgeburt folgt beim Frauenarzt häufig eine Überweisung ins Krankenhaus. Nach Aussage von Dieter Mink, Chefarzt der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe, werden im Städtischen Krankenhaus jährlich um die 80 Frauen mit Fehlgeburten behandelt. Dem gegenüber stehen etwas mehr als 800 Geburten im Jahr in Pirmasens – ein Verhältnis, mit dem man im Durchschnitt liege.

Medizinisch gesehen ist die Behandlung einer Fehlgeburt meist ein vergleichsweise kleiner Eingriff, der rund fünf Minuten dauert, unter Vollnarkose. Doch für das Seelenleben der betroffenen Frauen und Paare wiegt eine Fehlgeburt ungleich schwerer. Weil es auf die quälende Frage nach dem Warum keine Antwort gibt, weil mit dem ungeborenen Leben eine große Hoffnung stirbt, weil Schuldgefühle aufkommen. Die Frauen und Paare reagierten auf die Diagnose Fehlgeburt ganz unterschiedlich, berichtet die Pfarrerin und evangelische Klinikseelsorgerin Diana Lipps, die für das Krankenhaus auch die jährliche Sternenkinder-Gedenkfeier mitbetreut. Verdiene ich denn kein Kind? Wäre ich keine gute Mutter? Bestraft mich das Schicksal für etwas? Das sind laut Lipps Gedanken, mit denen die Betroffenen hadern. Oft bleiben sie damit alleine. Hilfe finden Frauen und Familien bei Selbsthilfegruppen wie „Leere Wiege“ und auch der Sternenkinder-Gedenkfeier auf dem Waldfriedhof, auf die das Krankenhaus die Betroffenen hinweist.

Chefarzt ist für Neuregelung des Mutterschutzes

Frauen, die wegen einer Fehlgeburt im Krankenhaus behandelt werden, können in der Regel schnell wieder nach Hause, wo sie das traurige Ereignis besser verarbeiten als in der Klinik. Es lasse sich nicht vermeiden, dass die Frauen auf Station Müttern mit Babys oder Babybauch begegnen, „aber das ist draußen, wenn sie durch die Fußgängerzone gehen, ja auch nicht anders“, sagt Mink.

Der Mediziner unterstützt übrigens den geplanten Gesetzentwurf für eine Neuregelung des Mutterschutzes. Denn bislang steht Mutterschutz nur Frauen ab der 24. Schwangerschaftswoche zu. Wer früher eine Fehlgeburt erleidet, kann danach höchstens versuchen, sich krankschreiben zu lassen. Geplant ist nun eine gestaffelte Lösung, ein anteiliger Mutterschutz.

Jeder darf in seinem Tempo Abschied nehmen

Statistisch gesehen ereignen sich die meisten Fehlgeburten in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft. Doch passiere es auch in einem späteren Stadium, dass Kinder spontan im Mutterleib sterben, berichtet Mink von Todesfällen in der 22., aber auch in der 38. Woche, was jedoch sehr, sehr selten vorkomme. Die Ursache bleibe häufig unklar. „Das ist vergleichbar mit dem plötzlichen Kindstod“, sagt Mink. Die Ursache dieser plötzlichen Todesfälle im Babyalter ist ebenfalls noch nicht gänzlich aufgeklärt.

Je nach Stadium der Schwangerschaft und Größe des Kindes wird eine sogenannte stille Geburt eingeleitet. Gabriele Kuntz, Chefin des Pirmasenser Hebammenhauses, schildert im Gespräch mit der RHEINPFALZ bewegende Szenen. Von den im Kreißsaal totgeborenen Kindern werden Maße sowie Hand- und Fußabdrücke für eine Karte genommen, wie sie Eltern mit gesundem Nachwuchs bekommen: Auch Fotos würden für diese Karten gemacht. „Die Eltern können sich die Karte dann anschauen, wenn sie soweit sind“, sagt Kuntz. „Alles läuft so, wie sie es brauchen.“ Manche Eltern wollten ihr totes Kind zunächst gar nicht sehen, nach wenigen Stunden dann aber doch. Jede Mutter, jedes Elternpaar bekomme so viel Zeit zum Abschied, wie sie braucht oder brauchen.

Liebevoll in ein Körbchen gebettet

Kuntz berichtet von einer glücklosen Schwangerschaft, die unerwartet in der 38. Woche endete. Die Mutter sei eine Woche lang jeden Tag in die Klinik gekommen, um sich von ihrem toten Baby zu verabschieden. Immer für etwa eine Stunde. Für Kuntz und ihr Hebammenteam keine Frage: So etwas muss möglich sein, denn Trauer braucht Zeit und Raum. „Jeder trauert, wie er trauert. Wir geben da nichts vor.“

Die Babys, die meist viel kleiner sind als Neugeborene, würden mit eigens von Pirmasenser Frauen für diesen Anlass gestrickten Kleidern bekleidet und liebevoll beispielsweise in ein kleines Körbchen mit Kissen und Decke gebettet – allesamt Utensilien, welche die Familie später mit nach Hause nehmen darf. Unbestritten hinterlassen solche Ereignisse auch beim Klinikpersonal Spuren. „Aber sie gehören dazu. Leben und Tod gehören zusammen“, schildert Kuntz, was jede Hebamme in der Ausbildung lerne.

Manche meiden Klinik, andere kommen gern zurück

Ob die Schwangerschaft früh oder spät glücklos endet, macht für die Trauer der Betroffenen nicht zwangsläufig einen Unterschied. Jeder muss seinen Weg finden, mit der Fehlgeburt umzugehen. Für manche Frauen und Paare führt dieser Weg weg vom Pirmasenser Krankenhaus. „Manche kommen nicht mehr wieder, weil sie in der nächsten Schwangerschaft nicht mehr in denselben Raum wollen“, nennt Kuntz ein Beispiel. Oft verbänden Betroffene unbewusst die Fehlgeburt mit bestimmten Personen – jenem Arzt, dieser Hebamme −, denen sie dann nicht mehr begegnen wollten. Andere wiederum kämen in der nächsten Schwangerschaft erneut nach Pirmasens. „Das freut uns, denn auch für uns ist das dann wieder eine runde Sache, wie ein Ausgleich“, umschreiben Kuntz und Mink es, wenn auf eine glücklose eine Schwangerschaft mit Happy End folgt.

Abtreibungen, bei denen eine Frau bis zur zwölften Woche entscheidet, die Schwangerschaft zu beenden, würden am Pirmasenser Krankenhaus nicht vorgenommen, berichtet Chefarzt Mink auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Das geschehe bei niedergelassenen Frauenärzten.

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