Neustadt Zur Sache: Plädoyer für ein Schulpflichtfach Gesundheit

Jürgen Schmidt hat dem rheinland-pfälzischen Ministerium für Gesundheit, dem Bildungsministerium, dem Verband Reale Bildung, dem Verband Erziehung und Bildung sowie dem Landeselternbeirat ein „Plädoyer und eine Begründung für die Einführung des Pflichtfachs Gesundheit“ an den Schulen in Rheinland-Pfalz geschickt. „Ich habe immer mehr gemerkt, wie negativ die ganze Situation ist“, erklärt der ehemalige Lehrer für Sport und Erdkunde seine Aktion. Er beschäftigt sich regelmäßig mit Zahlen und Studien zur Gesundheit sowie zur gesunden Ernährung. „Verbindliche Gesundheitsaufklärung für alle in der Schule bildet eine lebenslange Prophylaxe im körperlichen, geistigen und sozialen Bereich“, schreibt er in seinem Plädoyer. „Ich vertrete den ganzheitlichen Gesundheitsbegriff“, betont der Neustadter und verweist damit nicht nur auf die richtige Ernährung, sondern unter anderem auf regelmäßige Bewegung, Sucht- und Gewaltprävention, Umweltschutz sowie Stressabbau. In den einzelnen Unterrichtsfächern würden überall nur Teilaspekte der Gesundheit behandelt, meint er. In seinem Schreiben listet Jürgen Schmidt alarmierende Zahlen auf: „Allein für ernährungsbedingte Krankheiten könnte eine Einsparung von 70 Millionen Euro pro Jahr mit gesunder Ernährung erfolgen. Eine von der Bundesregierung geförderte Studie von 2015 zeigte auf, dass ungesunde Ernährung im deutschen Gesundheitssystem jährliche Kosten von fast 17 Milliarden Euro verursacht.“ In den vergangenen 20 Jahren sei die körperliche Leistungsfähigkeit der zehn- bis 14-jährigen Kinder um 20 Prozent gesunken. Beim Landeselterntag in Rheinland-Pfalz 2018 habe ein Referent informiert, dass sich nur 20 Prozent der Kinder die empfohlenen 60 Minuten am Tag bewegten. Bei einer Umfrage 2016 hätten sich 77 Prozent der 14- bis 34-Jährigen ein Schulfach Gesundheit gewünscht, schreibt Schmidt. Im Ernährungsreport 2017 stehe, dass 89 Prozent aller Deutschen Ernährung als verbindliches Schulfach wollten. „Das Bundesministerium für Ernährung wollte das Fach Ernährung durchsetzen“, sagt Schmidt. „Aber das ist von der Mehrheit der Landesregierungen abgelehnt worden.“ Der frühere Schulleiter der Konrad-Adenauer-Realschule in Landau hat Antworten erhalten. „Ich hoffe, dass die Diskussion intensiviert wird – auch auf höherer Ebene“, betont er. „Es muss ein Umdenken erfolgen.“ Der Verband Reale Bildung (VRB) hat Schmidt angeboten, in der Bundeszeitschrift seine Überlegungen vorzustellen. „Diese Möglichkeit nehme ich selbstverständlich wahr“, sagt der Neustadter. Die Fachreferentin der Bildungsministerin Stefanie Hubig habe ihm ausführlich geantwortet. Schmidt: „Sie stellt fest, dass sich meine Zielvorstellungen mit den Zielen der Landesregierung decken.“ Nach Meinung der Landesregierung gelinge das jedoch eher über den von ihr eingeschlagenen Weg mit einem „multidisziplinären Ansatz“ als „fächerübergreifendes und fächerverbindendes Querschnittsthema“ gemäß der „Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule“ als mit einem eigenständigen Fach Gesundheit. Schmidt: „Fakt ist, dass Kompetenzen, Lernfelder und Inhalte der Thematik in diversen Rahmenlehrplänen auftauchen – ich habe sie alle durchforstet. Vornehmlich im Sachunterricht der Grundschule sowie in den Gesellschafts- und Naturwissenschaften und Religion/Ethik der Sekundarstufe I.“ Allerdings würden vom Ministerium in der Antwort zwei Aspekte nicht angesprochen: „Erstens die zusätzliche Lehrerbelastung durch dieses Verfahren, zweitens die Gefahr der ,Abschiebung’ und ,Verwässerung’ von Teilen der so enorm wichtigen Thematik, wie ich es in meiner über 40-jährigen Zeit an verschiedenen Schulen in ähnlichen Fällen erleben konnte.“ In persönlichen Gesprächen hätten Lehrer häufig die negative Tatsache erwähnt, aufgrund der ständigen, zusätzlichen Flut von Richtlinien, verbunden mit fächerübergreifenden und fächerverbindenden Ansätzen, immer weniger Zeit für das Vermitteln der fachspezifischen Kompetenzen und Lerninhalte ihres eigenen Faches zu haben. „Deshalb bleibt für mich ein Pflichtfach Gesundheit die realitätsnähere und effektivere Lösung“, betont Jürgen Schmidt.
