Neustadt 75-jähriger Tischtennisspieler trotzt den Genen

Jürgen Schmidt spielt nicht nur Tischtennis. Er läuft, fährt Rad und ist im Fitnessstudio aktiv.
Jürgen Schmidt spielt nicht nur Tischtennis. Er läuft, fährt Rad und ist im Fitnessstudio aktiv.

«Neustadt.» Jürgen Schmidt spielt seit seinem zehnten Lebensjahr Tischtennis. Inzwischen steht er seit 65 Jahren an der Platte. Und noch immer ist der nun 75-Jährige im Team des TTV Neustadt ein wichtiger Punktesammler.

Der TTV ist zwar gerade erst von der 1. in die 2. Pfalzliga abgestiegen. Doch Schmidt hatte zuletzt eine „nur knapp negative Bilanz“ von 3:4. „Keiner im Team hat eine positive Bilanz“, betont der 75-Jährige, der in der zweiten Saisonhälfte eingesprungen ist, nachdem gleich drei Spieler den TTV verlassen hatten. Seine Gegner an der Tischtennisplatte seien „im Alter von Söhnen und Enkeln“, stellt der Neustadter schmunzelnd fest. Aber seine jungen Kontrahenten nähmen ihn ernst. Wegen seiner Spielweise. „Ich gehöre zur immer seltener werdenden Art der Defensivspieler. Ich warte auf Fehler der Gegner“, verrät der aus Karlsruhe stammende Sportler. „Ich habe sicher Ausdauer und Geduld.“ Seine Gegner müssten schon überlegen, ob zum Beispiel ein Slice, ein Unterschnitt, in seinem Schlag sei. Früher hat er sogar in der Regionalliga gespielt, als diese Liga noch die höchste deutsche Klasse war, als es noch keine Bundesliga gegeben hatte.

Intervallfasten hilft, fit zu bleiben

Dass der 75-Jährige locker mit der deutlich jüngeren Konkurrenz mithalten kann, ist sicher auch auf seinen Lebensstil zurückzuführen. Der frühere Schulleiter in Landau und in Maxdorf ist von der Epigenetik überzeugt. „Der Grundsatz dieser Wissenschaft besagt, dass Gene zu einem großen Teil beeinflussbar sind“, erklärt Schmidt. „Das bedeutet, dass nicht die Gene unser Leben bestimmen, sondern dass wir mit unserer Lebensweise einen Großteil unserer Gene beeinflussen können.“ So lebe er in dem System Anti-Aging, gegen das Altern, was Ernährung, Bewegung, Seelisches und Geistiges anbelange. „Zu Hause essen wir nur Bioprodukte“, erläutert der Sportler. „Wir achten darauf, dass das Frühstück stimmt.“ Es gebe nur wenige Weißmehlprodukte, aber gute Öle wie Lein- und Olivenöl, und alles in Bioqualität. Mittags esse er so gut wie gar nichts mehr, „und abends ganz früh“. Denn Jürgen Schmidt ist begeistert vom Intervallfasten. „Der Zeitraum zwischen dem Abendessen und dem Frühstück sollte mindestens 14 Stunden betragen“, berichtet der Neustadter. Wenn er am Vormittag viel trainiert habe, esse er auch mittags mehr. Gelegentlich nascht er auch. „Aber nur Schokolade mit mindestens 70 Prozent Kakao.“ Oder er knabbert Nüsse.

Seine Frau ist fast immer dabei

Apropos Training: Dreimal pro Woche ist er im Fitnessstudio aktiv, einmal beim Tischtennis-Training „für die Beweglichkeit und die Geschicklichkeit“. „Alles andere mache ich draußen“, erzählt er und meint damit Radfahren und Laufen. Insgesamt ist er an sechs Tagen pro Woche beim Sport, dann gibt es einen Ruhetag. „Wichtig ist, wenn man älter wird, dass man vielseitig trainiert“, weiß er aus Erfahrung. Und im Training müsse auch mal der Kreislauf richtig belastet werden. Soll heißen: Schmidt geht auch mal an seine Belastungsgrenze, zum Beispiel beim hochintensiven Intervalltraining, eine Art Zirkeltraining. Seine Frau sei beim Sport immer dabei, außer beim Tischtennis. Auf Tischtennis-Turniere für Senioren verzichtet Jürgen Schmidt, denn „die sind immer samstags und sonntags“, und da sei er mit seiner noch berufstätigen Frau unterwegs.

Mit Theorie beschäftigt

Um sich geistig ebenfalls fit zu halten, beschäftigt sich der Neustadter in allen Dingen auch mit der Theorie. Vor zehn Jahren habe er angefangen, sich ein Dossier über Bewegung und Ernährung anzulegen. „Inzwischen habe ich über 1000 Stichpunkte gesammelt“, erzählt er. In diesem Zusammenhang sei er auch auf Epigenetik gestoßen. Mit der Wirkung von sekundären Pflanzenstoffen beschäftigt er sich ebenfalls. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung sind diese Stoffe Bestandteil unserer Nahrung. Sie gäben den pflanzlichen Lebensmitteln ihre Farbe. Sie dienten Pflanzen als Abwehr gegen Fressfeinde oder mikrobielle Angriffe und wirkten für das Wachstum. Sport ist auch im sozialen Bereich für Jürgen Schmidt wichtig: „Zum Beispiel, dass man gute Gespräche mit den Sportkameraden führt.“

Dem Tischtennis treu bleiben

Früher ist er auch von 5000 Metern bis zum Marathon alle Strecken gelaufen. Manchmal, wenn Leute ihn im Training sähen, fragten sie ihn – ob seines Alters – warum er sich den Sport denn antue. „Mir macht Bewegung einfach Spaß“, erzählt der jung gebliebene Oldie und lacht dabei. Dem Tischtennisspiel will er treu bleiben. „Das ist ein Lifetime-Sport, den kann man bis ins hohe Alter betreiben“, betont er und ermuntert andere Senioren, die sich bisher noch nicht bewegt haben, Sport zu treiben: „Es gibt Studien über 60- bis 80-Jährigen, die mit Krafttraining begonnen haben. Innerhalb von sechs Wochen hatten die einen Kraftzuwachs von über 50 Prozent.“

Für immer jung bleiben "geht sicher nicht"

Denn Muskelwachstum sei nicht vom Alter abhängig. Und das Gleiche gelte fürs Hirn, fügt der Neustadter schmunzelnd hinzu. „Für immer jung zu bleiben, geht sicher nicht. Aber mit einer solchen Lebensweise wird die negative Phase am Ende des Lebens deutlich verkürzt – da gibt’s jede Menge Studien dazu“, ist Jürgen Schmidt von seinem Lebensstil überzeugt.

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