Neustadt
Zahlreiche Gemeinden bald ohne eigenen Pfarrer
Die Neustadter Stiftskirche gehört zu den markantesten Kirchenbauten in der Pfalz. Hier als Pfarrer oder Pfarrerin wirken zu dürfen, müsste doch für viele ein Traum sein, denkt man sich als Laie. Doch seit Oktober, seit dem Wechsel von Oliver Beckmann in die Gefängnisseelsorge, ist die Kirche ohne Pfarrer. Denn auf die erste Ausschreibung hat sich niemand beworben. „Das hat mich erstaunt“, sagt Dekan Andreas Rummel. Das Profil der Stelle für eine City- und Kulturkirche mit Kinder- und Jugendarbeit findet er attraktiv. Zudem habe man die Stelle von Verwaltungsaufgaben befreit. „Aber auch das hat nicht gezündet“, musste Rummel feststellen. Immerhin: Bei der zweiten Ausschreibung hat sich ein Interessent gemeldet, die Stelle könnte also bald wieder besetzt sein.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Der Dekan hatte auch nicht mit massenhaften Bewerbungen für die Stiftskirche gerechnet. Wo sollten sie auch herkommen? Der Personalmangel in der Kirche ist enorm. Dass die Pfarrstelle auf der Haardt mit Lorenzo Cassola nach nur einem Jahr wieder besetzt werden konnte, kann als Glücksfall gelten. In Elmstein waren es mehrere Jahre, was in der Westpfalz auf viele Orte zutrifft, wie Oberkirchenrätin Marianne Wagner berichtet, die in der Landeskirche für das geistliche Personal zuständig ist. Auf die Pfarrstelle in der Speyerer Gedächtniskirche hat es nur eine Bewerbung gegeben, auf Stellen im Kirchenbezirk Landau im vergangenen Jahr nicht eine.
Nur etwa fünf Neuanfänger pro Jahr
Derzeit seien 30 Stellen pfalzweit nicht besetzt, berichtet Wagner. Bis vor zwei Jahren habe man etwa zehn Neuzugänge pro Jahr gehabt, in den nächsten Jahren gehe man von im Durchschnitt fünf pro Jahr aus, schaut die Gimmeldingerin nach vorne. Man kenne ja die Anzahl der Theologiestudierenden, erklärt Rummel, da könne man dann hochrechnen, was an Nachwuchs kommt.
Rummel sagt, in den 1970er Jahren habe es schon einmal einen Personalmangel gegeben. Daraufhin studierten viele junge Menschen Theologie. Es seien so viele gewesen, dass in den 90ern nicht alle übernommen werden konnten. „Das spricht sich natürlich rum.“ Woraufhin das Interesse nachgelassen habe. Wobei seit vielen Jahren wieder grundsätzlich jeder in den Dienst übernommen werde, der das zweite theologische Examen bestanden habe, schiebt er nach.
Hilfe für angehendes Pfarrpersonal
Doch in jüngster Zeit stehen eben auch zunehmend die Probleme der Kirche im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die Anzahl der Mitglieder geht zurück. „Die jungen Leute fragen sich schon: Wäre mein Arbeitsplatz da sicher?“, weiß Marianne Wagner. Deswegen habe man begonnen, Studierende zu begleiten, sie zu beraten und zu coachen, ihnen auch die Dinge vor Augen zu führen, die hoffnungsfroh machten.
Der Mangel an Nachwuchs ist das eine. Die Bereitschaft, die Stelle zu wechseln, ist bei den Pfarrerinnen und Pfarrern in der Pfalz auch nicht sehr hoch. Viele müssten da auf die Familie, auf den Beruf des Partners, der Partnerin Rücksicht nehmen, sagt die Oberkirchenrätin. „Und so ein Umzug ist teuer“, ergänzt der Dekan, der Zuschuss der Kirche decke gerade mal die Hälfte der Kosten.
Viele gehen in den Ruhestand
Die Lage wird sich absehbar noch deutlich verschärfen. Denn auch beim Kirchenpersonal sind die Boomer stark vertreten und gehen nun in den Ruhestand. 25 sind es derzeit pro Jahr in der Landeskirche. Zur Erinnerung: Mit fünf Neuanfängern rechnet die Kirche künftig pro Jahr.
Die Entwicklung trifft auch das Dekanat Neustadt mit voller Wucht. Zwar sind demnächst alle 18 Pfarrstellen besetzt, wenn das in der Stiftskirche klappt. Doch schon 2032 werden von diesen 18 Pfarrpersonen laut Rummel 13 in Pension sein. Rein statistisch müsste Neustadt bis dahin zwei Stellen mit Leuten besetzen können, die ihr Examen bestanden haben. „Und dann kommen vielleicht noch zwei von auswärts nach Neustadt, weil es hier so schön ist“, sagt Rummel. Macht zusammen neun, also die Hälfte des aktuellen Pfarrpersonals.
Das werden auch die Gläubigen unweigerlich spüren. Die Landeskirche wird auf den Personalschwund mit Pfarrteams reagieren, die für größere Einheiten zuständig sind. In Neustadt soll es zwei solcher Teams geben. Mit dem Plan reagiert man indes nicht nur auf den Personalmangel, sondern auch auf Sparzwänge. Bis 2035 müssten 45 Prozent des aktuellen Etats eingespart sein, sagt Wagner.
Andachten ohne Pfarrer
Einigen Gläubigen sei sehr bewusst, dass dieser Wandel bevorstehe, andere meinten hingegen, es könne und müsse alles so bleiben wie bisher, sagt Rummel. Doch es brauche die Bereitschaft, auch mal in andere Kirchen zu gehen als in die „eigene“, um beim Gottesdienst dabei zu sein. Da müsse man aber noch „ein dickes Brett bohren“, räumt er ein.
Wagner hofft, dass es gelingt, mehr Ehrenamtliche für verantwortungsvolle Aufgaben zu gewinnen. „Dass man zusammen eine Andacht feiert – ohne Pfarrer – und dass man dann nicht denkt, das sei weniger wert als ein Gottesdienst.“ Für sie bietet die Entwicklung daher auch eine Chance: „Dadurch kann Lebendigkeit entstehen.“