Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neuer protestantischer Pfarrer Lorenzo Cassola: Kirche soll wieder „glaubwürdig“ werden

Lorenzo Cassola übernimmt die Pfarrei in Neustadt-Haardt.
Lorenzo Cassola übernimmt die Pfarrei in Neustadt-Haardt.

Der protestantische Pfarrer Lorenzo Cassola wechselt von Ludwigshafen nach Neustadt-Haardt und übernimmt Aufgaben der umliegenden Kooperationsregion. Der 36-Jährige will das „Zwischenmenschliche“ in den Fokus seiner Arbeit stellen.

Für Pfarrer Lorenzo Cassola geht es gleich nahtlos weiter. Kaum wird er sich Ende Oktober von seiner Kirchengemeinde in Ludwigshafen-Oggersheim verabschiedet haben, übernimmt er schon am 1. November die Pfarrei in Neustadt-Haardt. Sein zukünftiges Aufgabenfeld ist umfangreich: Zu 50 Prozent wird er für das Weindorf Haardt zur Verfügung stehen. Die andere Hälfte seiner Zeit widmet er unter anderem der Stiftskirchengemeinde, die nach dem Weggang von Oliver Beckmann ohne Pfarrer ist. Er wird in den weiteren umliegenden Pfarreien in enger Kooperation mit seinen Kollegen die anstehenden Aufgaben übernehmen. Cassola spricht von „Teamwork auf absehbare Zeit“. Die Kirche sei im Wandel, ist er überzeugt. Der Trend gehe zu gemeinschaftlich geführten Pfarrämtern. Das kommt ihm entgegen, denn er betont: „Ich bin kein Verfechter von Pfarrämtern.“

Cassolas Schwerpunkt liegt in der Seelsorge, in Besuchsdiensten und in Gesprächen. Er will in Kontakt mit den Menschen kommen. Das „Zwischenmenschliche“ will er in den Fokus stellen. Seine Zukunft sieht Cassola in Neustadt. Er mag die Lebendigkeit der Stadt, die er in Ludwigshafen eher suchen musste, wie er erzählt. Ja, es sei an der Zeit, neue Erfahrungen zu sammeln.

Aufgewachsen in katholischem Elternhaus

Cassola hat italienische Wurzeln. Gebürtig kommt er aus der toskanischen 200.000-Einwohner-Stadt Prato, im Alter von fünf Jahren zog er mit der Familie nach Frankenthal. Cassola wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, das jedoch keinen besonderen Wert auf die Konfession legte. Erst als Jugendlicher beschäftigte er sich näher mit dem Christentum, das er durch seinen protestantischen Religionslehrer und Seelsorger kennenlernte. Beeindruckt von dessen Art, konvertierte Cassola mit 18 Jahren zum Protestantentum.

Nach dem Abitur stand die Entscheidung an, welche Richtung sein Lebensweg nehmen sollte: Kunst oder Theologie? Cassola wählte die Theologie, vergaß aber nie, wie wichtig ihm die Kunst ist. Sein Studium absolvierte er in Heidelberg und Mainz, das Vikariat, also der praktische Teil der Ausbildung des Pfarrberufs, führte ihn nach Japan. Noch heute bestehen wichtige Freundschaften aus dieser Zeit.

Ob die Kunst ihm hilft, mit den Anforderungen seines Berufs umzugehen? „Kunst ist für mich mehr als ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft. Erlebtes aus meiner Pfarrarbeit fließt in meine künstlerische Arbeit hinein“, sagt Cassola. Doch damit würden diese schwierigen Momente nicht einfach verschwinden. Gemachte Erfahrungen lösten sich in der Kunst nicht einfach auf, sagt er. Ihr Wert bleibe bestehen und habe prägenden Einfluss auf den Menschen. Auch auf ihn. Allerdings seien bedrückende Erlebnisse nicht immer an vorderster Stelle präsent. Cassola erzählt, dass er in Öl malt, mit Ton arbeitet, aber auch der Gesang eine große Rolle spiele. Gemeinsam mit seinem Partner, der als Opernsänger im deutschsprachigen Raum arbeite, habe er sogar schon ein Album herausgegeben.

Sorge über große Anzahl der Kirchenaustritte

Woran er in Neustadt arbeiten will? Ihn bewegt die große Anzahl an Kirchenaustritten. Es sei die Herausforderung unserer Zeit, sagt er. „Viele Menschen sagen, dass sie nicht an die Lehren des Christentums glauben können. Funktioniert Christentum ohne Glaube?“, fragt er. Er sieht, dass die alten Gewissheiten schwinden. Nach seiner Erfahrung könnten nur zehn Prozent der Menschen sagen, dass sie glauben. Mindestens 80 Prozent, schätzt er, seien Zweifler. „Sie suchen etwas, einen Halt, eine Überzeugung.“ Sie wüssten nicht, an was sie glauben sollen. Das sei gefährlich, so Cassola, denn sie verfielen in ihrer Haltlosigkeit zu leicht schrägen Ideen. „Die Kirche ist oft zu viel mit ihrer Erscheinungsform beschäftigt und zu wenig mit Inhalten“, kritisiert er. Er will erreichen, dass die Kirche wieder „glaubwürdig“ wird. „Glaube als Hoffnung. Das berührt die Menschen.“

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