Neustadt
Wie ein Krimi: Historiker Müsegades stellt sein Buch über Karl Richard Weintz vor
Nein, als „wissenschaftlich auftretenden Inquisitor“, wie die Neustadter „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“ den Heidelberger Historiker Benjamin Müsegades in einer ihrer Stellungnahmen tituliert hatte, erlebte das Publikum diesen am Donnerstag bei seinem Vortrag im Achat-Hotel nicht. Der 41-Jährige ließ vielmehr über weite Strecken schlicht die Dokumente, von denen viele auch per Beamer eingeblendet wurden, für sich sprechen – und die sind ungeheuerlich genug. „Das, was ich fand, las sich wie das Drehbuch eines Kriminalfilms“, schilderte der Geschichtswissenschaftler die Genese seines im Frühjahr veröffentlichten Buchs über den 2010 im biblischen Alter von 101 Jahren verstorbenen Neustadter Rechtsanwalt Karl Richard Weintz, der in der NS-Zeit Karriere in zentralen Behörden des nationalsozialistischen Unterdrückungssystems gemacht hatte und trotzdem nach 1945 wieder Fuß in seiner Heimatstadt fassen und sich nicht zuletzt durch die besagte, von ihm initiierte und maßgeblich geprägte Geschichtsstiftung als respektabler Bürger inszenieren konnte. Dass das Forscherherz hüpft, wenn einem so ein Schatz in den Schoß fällt, kann man gut verstehen.
Ohne Zweifel ein aktiver NS-Täter
In seinem Buch „NS-Täter zwischen Gestapo und pfälzischer Geschichtsforschung“ dröselt Müsegades diese Biografie in allen Details, die sich nach dem aktuell verfügbaren Quellenbestand rekonstruieren lassen, auf (wir berichteten hier). Weil darunter auch etliche von Weintz selbst verfasste Dokumente sind, lässt sich an der Stichhaltigkeit nicht ernsthaft zweifeln. In seinem Vortrag bot der Historiker nun einen konzisen Überblick über seine Ergebnisse und zeichnete das Bild eines Mannes, der bereits als Schüler in den 20er Jahren in Neustadt ins völkisch-nationale Milieu eingetaucht war, sich spätestens während seines Studiums von 1928 an zum antidemokratischen und antisemitischen Überzeugungstäter entwickelte und seine weltanschauliche Gesinnung dann ziemlich bald nach der „Machtergreifung“ 1933 bei der Gestapo in die Praxis umsetzen konnte. Nach 1945 gab er sich unter Vorspiegelung vieler falscher Tatsachen als harmloser Verwaltungsbeamter aus und hatte damit Erfolg.
Den Titel Regierungsrat a. D. zum Beispiel, den er gerne pflegte, hatte er sich nicht, wie behauptet, im Reichsinnenministerium erworben, sondern im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin, der zentralen Schaltstelle des Holocaust. Was genau er als SS-Sturmbannführer und Angehöriger der Einsatzgruppe B des RSHA von 1942 an in Weißrussland und später in Polen getan hat, konnte Müsegades nicht mehr ermitteln. Diese Einsatzgruppen waren jedoch führend an der Ermordung von Juden und anderen „Gegnern“ hinter der Front beteiligt, und Weintz hatte vor seiner Abstellung am 25. April 1942 nachweislich eine Pistole samt Munition ausgehändigt bekommen.
Daran, dass der Neustadter ein aktiver NS-Täter war, ließ Müsegades bei seinem Vortrag keinen Zweifel aufkommen. Dass Weintz nach 1945 nie juristisch belangt wurde, lässt sich aus der Schlussstrichmentalität der westdeutschen Nachkriegszeit erklären, befriedigend ist es natürlich nicht. Eine ganz besondere Note erhält das Ganze allerdings noch durch die 1979 von Weintz initiierte „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“, über die er in der „chronisch unterfinanzierten pfälzischen Forschungslandschaft“ die pfälzische Geschichtsforschung über drei Jahrzehnte maßgeblich mitbestimmt habe, so Müsegades. Gerade an dieser Einordnung entzündete sich nach der Veröffentlichung des Buches im Frühjahr dann aber auch der größte Dissens.
Kein Zugang zum Nachlass in der Heinestraße
Dass die Stiftung in der „Causa Weintz“ nicht gerade glücklich agiert hat, zeigte sich bei dem Vortrag an vielen Stellen. Nach eigenen Angaben hatte sie schon 2013 selbst eine Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Gründungsfigur gestartet. Dies hat allerdings bis heute zu keiner Veröffentlichung geführt. Spätestens seit einem 2017 erschienenen Aufsatz von Franz Maier, Oberarchivrat am Landesarchiv Speyer und im übrigen selbst Vorstandsmitglied der Stiftung, war in Grundzügen bekannt, dass Weintz keineswegs der harmlose Verwaltungsbeamte war, als der er sich nach dem Krieg inszenierte. Das Buch von Müsegades wurde dann – so der Eindruck, der sich am Donnerstag auf Grundlage vieler Zitate einstellte – eher als Störung empfunden. Nur schwer nachzuvollziehen ist zum Beispiel der Umstand, dass Müsegades kein Zugang zum Weintz-Nachlass gewährt wird. Der lagert in der Heinestraße 3, nur knapp 100 Meter Luftlinie vom Achat-Hotel entfernt, und ist nach Angaben der Stiftung noch ungeordnet. Das ist aber eigentlich kein Argument, einem Historiker-Kollegen nicht wenigstens einmal Zutritt zu gewähren. Wie Müsegades am Rande mitteilte, durfte auch Franz Maier den Bestand bislang nicht einsehen – und der wäre als Landesarchivar ja unzweifelhaft prädestiniert.
Einladung an die Stiftung besteht weiter
Symptomatisch ist sicher auch, dass niemand von der Stiftung es für nötig befunden hatte, am Donnerstag zu der öffentlichen Buchvorstellung zu erscheinen. Nur Stefan Schaupp als Beiratsmitglied war da, allerdings nur privat und mit dem Hinweis, dass der Beirat schon seit Jahren nicht mehr getagt habe. Dafür waren für einen Fachvortrag erstaunlich viele andere Besucher gekommen – rund 50, viel mehr hätten auch nicht reingepasst. Einige davon stellten im Nachgang auch Fragen oder gaben eigene Einschätzungen ab. Kontroversen taten sich dabei keine auf. Es überwog das Entsetzen, dass man in dieser Sache in Neustadt so lange weggeschaut hat.
Auch die Frage, ob Weintz’ NS-Ideologie zu seinen Lebzeiten die Arbeit der Stiftung beeinflusst haben könnte, wurde erörtert. „Viele Veröffentlichungen, die bei der Stiftung erschienen sind, sind über alle Zweifel erhaben“, antwortete Müsegades auf diese Frage. Allerdings habe Weintz, auch wenn er weitgehend im Hintergrund agierte, in der Stiftung immer das letzte Wort gehabt. „Weintz führte die Stiftung in weitgehend monokratischer Art“, zitierte er eine interne Aussage. Und aus den zunächst gesperrten Dokumenten der Stiftung im Landesarchiv Speyer, die er erst nach Erscheinen des Buches einsehen konnte, werde ersichtlich, dass Weintz immer wieder damit gedroht habe, die Stiftung nicht als Erbe seines Vermögens einzusetzen, wie es schließlich doch geschehen ist. Er erzeugte also finanziellen Druck.
Organisiert hatte die Veranstaltung im Achat-Hotel die Neustadter Gedenkstätte für NS-Opfer. Deren Vorsitzender Kurt Werner sieht sich als Mittler in diesem Streitfall und betonte, dass die Einladung an die Stiftung zu einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung mit Müsegades unter dem Dach der Gedenkstätte weiter gelte. Bislang sei auf diese vonseiten der Stiftung nicht reagiert worden. „Wenn der Wille besteht, die Aufarbeitung weiterzuführen, dann sind wir dabei“, sagte Werner.
Lesezeichen
Benjamin Müsegades: NS-Täter zwischen Gestapo und pfälzischer Geschichtsforschung. Karl Richard Weintz (1908–2010). Verlag Regionalkultur, fester Einband, 144 Seiten, 19,90 Euro.