Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Der Gestapo-Mann von nebenan – Enthüllungen zu Stiftungsgründer Karl Richard Weintz

Doppelte Ehrung für einen Repräsentanten der nationalsozialistischen Unterdrückungs-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik: Karl
Doppelte Ehrung für einen Repräsentanten der nationalsozialistischen Unterdrückungs-, Verfolgungs- und Vernichtungspolitik: Karl Richard Weintz auf der Homepage der von ihm begründeten Geschichtsstiftung (Stand: Freitag, 16. Juni 2023) ...

Die braune Vergangenheit von Karl Richard Weintz, dem 2010 hochbetagt verstorbenen Initiator und Mäzen der „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“, war in Neustadt im Grundsatz immer schon ein offenes Geheimnis. Die schmutzigen Details aber konnte oder wollte man lange nicht wissen. Das ändert jetzt das Buch eines Heidelberger Historikers.

Auf den Namen Karl Richard Weintz stieß Benjamin Müsegades erstmals 2020, als er den Auftrag übernahm, den kurz zuvor in der Reihe „Briefe aus dem Haus der Geschichte“ der Neustadter Stiftung erschienenen Nachdruck mehrerer Quellen zur Pfalzgrafschaft bei Rhein im späten 14. Jahrhundert für die renommierte „Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins“ zu besprechen. Pirmin Spieß, der Vorsitzende der Stiftung, machte damit heute nicht mehr auffindbare Dokumente wieder zugänglich, die Weintz während seiner Studienzeit in München in Vorbereitung einer geplanten Dissertation im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher entdeckt, transkribiert und 1932 an entlegener Stelle, in einer Beilage zum „Heimatblatt des Pfälzischen Kuriers“ nämlich, veröffentlicht hatte.

Mit keiner Silbe erwähnt wurde in dieser von Spieß kommentierten und ergänzten Schrift jedoch, welche unrühmliche Rolle der später so respektable Neustadter Rechtsanwalt und Stiftungsgründer nur kurze Zeit nach dieser Erstpublikation während der Zeit des Nationalsozialismus spielen sollte. Dabei taucht der Name Weintz, wie Müsegades schon in der Rezension kritisch anmerkte, in einschlägigen Publikationen zur NS-Geschichte etwa des Speyerer Historikers Franz Maier durchaus auf: im Zusammenhang mit seiner keineswegs subalternen Tätigkeit für die berüchtigte Geheime Staatspolizei (Gestapo) und im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, der zentralen Behörde im Repressionsapparat der nationalsozialistischen Diktatur und letztlich auch für die Organisation des Holocaust.

Aktivist der Vernichtung

Müsegades, der seit 2021 die Vertretung der Professur für Vergleichende Landesgeschichte in europäischer Perspektive an der Universität Heidelberg innehat, von Haus aus Mediävist ist, nach eigenen Angaben aber gerne auch zeitgeschichtliche Themen anpackt, wurde jedenfalls hellhörig und machte sich an die Recherche. Was dann zunächst „nur“ als Aufsatz geplant war, wuchs sich schlussendlich zu einem hochspannenden Buch aus, das in geradezu exemplarischer und trotz enormen Fußnotenapparats gut lesbarer Weise das Leben eines frühen nationalsozialistischen Aktivisten aufdröselt, „der“, wie es im Buch heißt, „seit 1933 Karriere im nationalsozialistischen Sicherheits- und Unterdrückungsapparat machte, trotz seiner herausgehobenen Positionen in Gestapo und RSHA nach 1945 beruflich wieder Fuß fassen konnte und vor allem durch die von ihm entscheidend mit ins Leben gerufene Stiftung in der pfälzischen Geschichtsforschung aktiv war“.

Müsegades stellt dabei unmissverständlich klar, dass Weintz nicht irgendein unpolitischer Verwaltungsbeamter war, der zufällig ins Nazi-Gefüge geriet, sondern ein Überzeugungstäter mit Blut an den Händen, auch wenn sich leider gerade in diesem Punkt vieles heute nicht mehr konkretisieren lässt. Aber wer sich wie Weintz 1942/43 als Angehöriger einer der berüchtigten RSHA-Einsatzgruppen in der Sowjetunion und 1943/44 in Polen aufhielt, könne nicht unbeteiligt am Völkermord geblieben sein, so der Forscher im Gespräch. „Aktivist der Vernichtung“ ist das Kapitel, das diesen Zeitabschnitt behandelt, denn auch überschrieben.

Ein junger „alter Kämpfer“

Der Weg dorthin beginnt 1908 in Neustadt, wo Karl Richard Weintz als Sohn eines um Aufstieg bemühten Justizinspektors in der Sauterstraße geboren wird. Die politische Radikalisierung des Sohnes scheint, wie Müsegades aufzeigt, in der politisch aufgeladenen Atmosphäre der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schon in der Schule begonnen zu haben. Darauf weist seine Funktion als Gruppenführer im völkisch ausgerichteten Deutsch-Wandervogel hin. 1928 veröffentlichte der Gymnasiast im Stadt- und Dorfanzeiger eine ziemlich schwülstige Artikelfolge über die Burg Spangenberg, die die Organisation gerne restaurieren wollte, seine allererste historische Publikation, und wird in diesem Kontext bereits als Nationalsozialist bezeichnet.

Die eigentliche Anbindung an die Partei erfolgte dann aber erst während des Jura-Studiums von 1928 an in München, Kiel und Berlin, wo der Neustadter aus kleinen Verhältnissen den Aufstiegstraum des Vaters endgültig in die Tat umsetzte. In München sitzt er für den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund im AStA, wird einmal nach einer Störaktion von der „Systempolizei“ verhaftet und wohnt, wie er in mehreren Schriftstücken in dieser Zeit gerne betont, eine Weile sogar im gleichen Haus wie Hitler. Mitglied in Partei und SA wird er 1929 noch vor der Weltwirtschaftskrise, die manchem später als Ausrede diente, in Kiel. Für seine Berliner Zeit hebt er in Selbstzeugnissen der 30er Jahre seine Tätigkeit im SA-Sturm im „roten Wedding“ und seine Bekanntschaft mit Horst Wessel, dem Märtyrer der Bewegung, hervor. Naheliegend, dass bei so viel Ablenkung das Studium leidet. So rasselt er beim ersten Versuch 1931 durchs Examen, wofür er prompt das herrschende System verantwortlich macht. Man versteht gut, dass die neue Zeit für ein solches „Nachwuchstalent“ nach der „Machtergreifung“ 1933 einige Möglichkeiten bot.

Völkisch-antisemitisch

In diesem geschichtsträchtigen Jahr 1933 veröffentlicht Weintz kurz nach seiner Rückkehr in die Pfalz auch einen Artikel über die angeblich antisemitische Haltung der Pfälzer Wittelsbacher im Mittelalter in einer Beilage des „Pirmasenser Beobachters“, in dem, wie Müsegades schreibt und sich aus den Zitaten unzweifelhaft bestätigen lässt, „seine völkisch-antisemitischen Ansichten ungefiltert Niederschlag finden“. „Für Karl Richard Weintz war Geschichte keine ideologiefreie Wissenschaft“, so das Fazit, das natürlich gerade im Zusammenhang mit der späteren Stiftungsgründung von einigem Gewicht ist.

Die NS-Karriere in der Pfalz endet dann allerdings bereits, bevor sie richtig beginnen konnte, denn der junge Rechtsreferendar übernimmt sich offensichtlich bei dem Versuch, einen Gaunachrichtendienst aufzubauen, und macht sich dabei den Gauleiter Josef Bürckel zum Feind. Andernorts findet man aber Verwendung für ihn: In München wird er 1935 hauptamtlicher Mitarbeiter des SD, des für die Ermittlung von Gegnern des NS-Regimes zuständigen Geheimdienstes, sowie Mitglied der SS. Nach dem zweiten Staatsexamen findet man ihn 1936 bei der Gestapo in Berlin, der nach der Definition Heinrich Himmlers für die „Gegnerbekämpfung“ zuständigen und wie der SD von Reinhard Heydrich geleiteten Staatspolizei, jenem Mann also, der 1942 bei der Wannseekonferenz präsidierte, die die Vernichtung der europäischen Juden ins Werk setzte.

Schaltstelle des Holocaust

Was genau Weintz in Berlin und bei seinen vielen weiteren Stationen gemacht hat, konnte Müsegades mal besser, mal schlechter rekonstruieren. Naturgemäß bestand bei den betreffenden Organisationen bei Kriegsende wenig Interesse daran, belastendes Material zu hinterlassen. In Darmstadt ist er 1937 als stellvertretender Leiter der Staatspolizeistelle nachweislich an der Ausbürgerung meist jüdischer Exilanten beteiligt, wobei, so Müsegades, immer wieder „sein Hass gegen Juden und politische Gegner fassbar“ werde. Nach dem Anschluss 1938 ist er in Wien im „Judenreferat“ tätig und als eine von drei Personen mit der Überwachung des inhaftierten ehemaligen österreichischen Kanzlers Kurt Schuschnigg betraut, der ihn nach dem Krieg als „Fanatiker, nicht ohne menschliche Haltung“ charakterisiert. Letztere lässt Weintz, zurückgekehrt nach München, aber bei der Verfolgung des monarchistischen Harnier-Widerstandskreises deutlich vermissen, denn hier fordert er in seinem Bericht für alle die Todesstrafe. Tatsächlich hingerichtet wird einer, aber viele erhalten lange Zuchthausstrafen.

Nach einem Einsatz in der gerade frisch besetzten Tschechoslowakei, über den kaum etwas bekannt ist, landet der Neustadter schließlich im Frühjahr 1940 im Reichssicherheitshauptamt in Berlin, „einer der Schaltstellen der nationalsozialistischen Vernichtungs-, Unterdrückungs- und Ausbeutungspolitik“, wie Müsegades hervorhebt. Er war hier wohl zunächst der Abteilung „Passwesen“ zugeordnet, was sich harmlos anhört, es bei dieser „spezifisch nationalsozialistischen Behörde neuen Typs“ aber nicht sein kann. Wie sehr Weintz in den Völkermord involviert war, zeigt ein Schreiben vom September 1940, als er die Bitte des päpstlichen Nuntius, einer zum Katholizismus übergetretenen Jüdin aus dem besetzten Krakau die Ausreise zu erlauben, ablehnt „in Anbetracht der zweifellos kommenden Endlösung der Judenfrage“. „Sichtbar wird, dass Weintz zu diesem Zeitpunkt Wissen um die verschiedenen Planungen zur ,Endlösung’ hatte und über die sich nach wie vor im Fluss befindlichen Überlegungen in dieser Sache informiert war“, schreibt Müsegades hierzu.

Hang zur Querulanz

Nach dem Kriegsende, das er als Angehöriger der Gestapo und der SS im „Automatic Arrest“ der Amerikaner erlebte, hat Karl Richard Weintz fast sofort damit begonnen, an einer Legende zu stricken, die ihn einem günstigeren Licht erscheinen lassen sollte. Bei der Entnazifizierung gibt er für die Zeit von 1936 bis 1945 als Tätigkeitsbereich „allgemeine innere Verwaltung“ an, ein Hohn, wenn man zum Beispiel in Rechnung stellt, dass er sich als Angehöriger der Einsatzgruppe B 1942/43 in Belarus aufhielt, zu einem Zeitpunkt, als diese nach eigenen Angaben dort mehr als 50.000 Menschen tötete. Dass er nicht an einem Galgen in Polen endete, einem späteren Einsatzgebiet, wo es kaum weniger blutig zuging, verdankte er wohl nur dem Umstand, dass er nie in allerhöchste Positionen aufstieg und dass er sich 1944 krankheitsbedingt in die Pfalz zurückziehen konnte.

Darüber, warum Weintz trotz hervorragender Beurteilungen seiner Vorgesetzten („ein in jeder Hinsicht vertrauenswürdiger Parteigenosse“, „befähigt zur Berufung an höhere Dienststellen“) die NS-Karriereleiter nicht noch höher gestiegen ist, macht sich Müsegades in seinem Buch einige Gedanken. Sein Hang zur Querulanz, der sich in zahlreichen Dokumenten ausdrückt – auch nach 1945 – könnte eine Rolle gespielt haben. Er war, um es volkstümlich auszudrücken, wohl ein „Streithansel“. So ist es nur konsequent, dass er sich einige Zeit nach dem Ende des „tausendjährigen Reichs“ als Rechtsanwalt in seiner Geburtsstadt Neustadt niederließ und hier ein nicht unerhebliches Vermögen erwirtschaftete und ererbte.

Neuerfindung nach 1945

Dieser zweite Teil der Weintz-Biografie nimmt sich naturgemäß weit weniger spektakulär aus als der erste, interessiert Müsegades aber nicht weniger – wegen der typischen Verdrängungsmechanismen, dem Aspekt der Elitenkontinuität, nicht zuletzt aber aufgrund der Rolle, die Weintz mit seiner 1979 gegründeten Stiftung für die pfälzische Landesgeschichte einnahm und -nimmt. Diese hat Müsegades natürlich in der Sache kontaktiert, ohne auf große Unterstützung, aber auch nicht auf Ablehnung gestoßen zu sein, wie er im Gespräch berichtet. Unwissend in Bezug auf die NS-Vergangenheit des Gründers war man dort keineswegs, wollte aber vermutlich lieber nicht zu tief schürfen. „Möge die Stiftung die Muße und den Mut finden, die vita (!) ihres Gründers aufzuhellen“, schrieb der Vorsitzende, der Neustadter Rechtshistoriker Pirmin Spieß, 2010 in seinem Nachruf auf Weintz, zu dem er ein sehr enges Verhältnis pflegte. Diese Aufgabe hat ihr jetzt Benjamin Müsegades abgenommen.

Wie Weintz selbst über sein Handeln während der NS-Zeit dachte, konnte Müsegades angesichts fehlender oder unzugänglicher Zeugnisse nicht ermitteln. Mit der radikalen Umdeutung seiner Vita nach 1945, die der Historiker in seinem Buch eindrucksvoll dokumentiert, war er jedenfalls zu Lebzeiten sehr erfolgreich, auch wenn er 1961 nach dem Hinweis eines Mußbachers an die just eingerichtete Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg doch noch einmal auf den Radar der Strafverfolgungsbehörden kam. Auch am Kammergericht Berlin ermittelte man gegen ihn als Angehörigen des RSHA, doch verlief letztlich alles im Sande.

Die entscheidende Rolle bei der bürgerlichen Neuerfindung spielte dabei die Landesgeschichtsforschung. Als Weintz 2010 in seinem Haus in der Heinestraße, dem heutigen „Haus der Geschichte“, starb, wurde er fast nur noch als Mäzen der historischen Forschung in der Pfalz wahrgenommen. Auch in der RHEINPFALZ erschien damals ein Nachruf, der heute sicher nicht mehr so abgedruckt würde. Und im gleichen Jahr wurde an Weintz’ Geburtshaus in der Sauterstraße eine Ehrenplakette angebracht. „Geehrt wird seitdem im öffentlichen Raum in Neustadt ein NS-Täter, ,alter Kämpfer’ der NSDAP, ein Antisemit und Antidemokrat, SS-Sturmbannführer, Beteiligter an der Verfolgung, Entrechtung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden sowie weiterer Opfer des Nationalsozialismus“, lautet Benjamin Müsegades’ Fazit.

Lesezeichen

Benjamin Müsegades: NS-Täter zwischen Gestapo und pfälzischer Geschichtsforschung. Karl Richard Weintz (1908–2010). Verlag Regionalkultur, fester Einband, 144 Seiten, 19,90 Euro.

Kommentar: Ein Täter!

Zu lange hat die Neustadter „Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung“ weggesehen, was die tiefbraune Vergangenheit ihres Gründers anbelangte. Dabei war Karl Richard Weintz, wie der Historiker Benjamin Müsegades in seinem Buch glasklar belegt, kein Mitläufer, kein bloßes Rädchen im Gefüge, sondern ein Überzeugungstäter mit Blut an den Händen, der wohl nur durch Glück und Chuzpe zu seinen langen Lebzeiten nie juristisch belangt wurde. Daraus eine „weiße Weste“ abzuleiten, ist angesichts der Quellenlage aber unmöglich. „Karl Richard Weintz war ... ein Täter des Nationalsozialismus und des Holocaust“, lautet Müsegades’ Fazit. Die ehrenamtlich geführte Stiftung muss sich deshalb jetzt zu einer Distanzierung durchringen, will sie nicht auf Dauer beschädigt aus der Sache hervorgehen. Wegducken geht nicht mehr! Und auch die Ehrenplakette an Weintz’ Elternhaus in der Sauterstraße muss weg!

... sowie auf der Gedenkplakette an seinem Geburtshaus in der Sauterstraße in Neustadt. Der Begriff Regierungsrat ist dabei eine
... sowie auf der Gedenkplakette an seinem Geburtshaus in der Sauterstraße in Neustadt. Der Begriff Regierungsrat ist dabei eine äußerst beschönigende Bezeichnung für das, was Weintz in der NS-Zeit unter anderem im Reichssicherheitshauptamt in Berlin getan hat.
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