Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Trauriger Rekord bei Verkehrstoten

Im März hatte der Fahrer dieses Wagens beim Abbiegen auf die B39 bei Geinsheim einen Kombi übersehen. Trotz aller Anstrengungen
Im März hatte der Fahrer dieses Wagens beim Abbiegen auf die B39 bei Geinsheim einen Kombi übersehen. Trotz aller Anstrengungen von Rettungskräften verstarb er noch am Unfallort.

Die Verkehrslage wird immer komplexer. Das schlägt sich auch in der diesjährigen Unfallstatistik in und um Neustadt nieder: Es sind deutlich mehr Menschen bei Unfällen gestorben als sonst. Welche Parallelen die Polizei bei den Fällen sieht – und wie man gegensteuern will.

Dass Menschen bei Unfällen im Bereich der Polizeiinspektion Neustadt sterben, kommt in der Regel weniger oft vor. 2021 gab es gar keine, 2022 lediglich einen Unfalltoten. „Wir haben im Schnitt null bis zwei solcher Fälle im Jahr“, sagt die Leiterin der Polizeiinspektion Neustadt, Katja Weickert. Doch in diesem Jahr sticht die Anzahl der tödlichen Verkehrsunfälle heraus: Sieben Menschen kamen 2023 in Neustadt ums Leben. Dass die Fallzahlen in diesem Jahr so hoch sind, lässt sich laut Weickert nur „schwer erklären“, da die einzelnen Unfallbilder „sehr heterogen“ seien. Folgend ein kurzer Überblick.

7. Februar: Eine 89-Jährige wird morgens auf dem Hetzelplatz von einem Spezialfahrzeug eines Entsorgungsbetriebs erfasst, als dieses langsam rangiert.

15. Februar: Ein Audifahrer prallt mittags im Bereich Weißkreuzstraße/Einmündung zur Weinstraße in Diedesfeld gegen zwei geparkte Autos. 9. März: Ein Mann aus dem Landkreis Germersheim übersieht morgens beim Abbiegen von der K6 auf die B39 bei Geinsheim einen Kombi. Es kommt zum Zusammenstoß. 24. März: Ein 87-jähriger Pedelec-Fahrer übersieht ein Auto, als er am Nachmittag versucht, die L516 zwischen Mußbach und Deidesheim in Höhe eines Feldwegs zu queren.19. Juli: Ein 65-jähriger Motorradfahrer gerät auf der K16 zwischen Wachenheim und Lindenberg in den Gegenverkehr und prallt mit einem Auto zusammen.

22. November: Ein 15-Jähriger fährt mit seinem Rad auf der Probstgasse in Haardt in Richtung Gimmeldinger Straße. Dabei übersieht er einen Lkw-Anhänger, der ordnungsgemäß am rechten Fahrbahnrand abgestellt wurde. Er fährt auf den Anhänger auf und stirbt später im Krankenhaus an den Verletzungen. 28. November: Eine 73-Jährige will morgens die Kreuzung Karl-Helfferich-/Konrad-Adenauer-Straße überqueren. Es ist noch dunkel, die nasse Straße spiegelt, und die Ampel ist noch ausgeschaltet. Ein Autofahrer übersieht die Frau, die vom Pkw erfasst wird und im Krankenhaus stirbt.

Signifikante Risikogruppen

Zwei Gemeinsamkeiten kann die Polizei bei allen Fällen ausmachen: Sie sind alle werktags zwischen 7 und 16 Uhr passiert, was auf einen Zusammenhang mit dem Berufsverkehr hinweisen könnte. Und: In die Unfälle verwickelt waren vorrangig Risikogruppen wie Jugendliche, Rad- beziehungsweise Pedelecfahrer – und allen voran Senioren. Letztere waren in fünf von sieben Fällen beteiligt.

Der Polizei fällt Weickert zufolge auf, dass mit steigender Beliebtheit von E-Bikes und Pedelecs unter Senioren auch die Unfallzahlen ansteigen. „Mit einem Pedelec haben Sie eine ganz andere Beschleunigung und auch ein anderes Bremsverhalten als mit einem normalen Fahrrad“, erklärt Weickert. Dies würde oft falsch eingeschätzt und die E-Räder würden zu oft achtlos gefahren. Gleichzeitig nehme der Verkehr auf den Straßen zu und die Reaktionsfähigkeit mit dem Alter ab. „Vielen Älteren fällt es schwer, sich das einzugestehen.“ Die Polizei hat in der Vergangenheit spezielle Schulungen zum Umgang mit E-Bikes und Pedelecs angeboten, mit „mäßiger Resonanz“, wie Weickert einräumt. Dennoch will man das Präventionsangebot im Frühjahr wieder aufnehmen.

Schulweg im Herbst und Winter üben

Denn: „Der beste Ansatz ist Information“, ist Weickert überzeugt. Die Verkehrssicherheitsberater hätten besonders die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen im Blick. Rund 400 Stunden seien investiert worden, um mit Kita-Kindern und Grundschülern über einen sicheren Schulweg, das Überqueren von Kreuzungen und den Fahrradführerschein zu sprechen. Die Warnweste, die Abc-Schützen zur Einschulung bekommen, landen Weickerts Erfahrung nach schnell wieder im Schrank – dabei seien sie gerade in der dunklen Jahreszeit wichtig. „Eltern sollten den Schulweg im Herbst nach der Zeitumstellung noch mal mit ihren Kindern üben.“

Auch Radfahrer und Senioren sollten laut der Polizeichefin mit reflektierender Kleidung ihre Sichtbarkeit erhöhen. „Und Autofahrern sollte bewusst sein, dass sie gerade an Schulwegen ihre Geschwindigkeit anpassen und mit Kindern rechnen müssen, die auf die Straße laufen.“ Im Stadtverkehr dürfe es morgens nicht auf fünf Minuten ankommen, „damit alle heil am Ziel ankommen“, appelliert Weickert.

Beratungen zu Verbesserungen

Insgesamt werde der Verkehr und das Zusammenspiel verschiedener Fahrzeuge immer komplexer. Am Mittwoch hat sich die Polizei mit Stadtverwaltung und städtischer Straßenverkehrsbehörde zusammengesetzt, um über Verbesserungen etwa an den Ampelschaltungen, über Baustellenabsperrungen, Beleuchtung, Markierungen, Verschwenkungen und Beschilderungen zu sprechen.

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