Schulreport RHEINPFALZ Plus Artikel Schülerinnen fordern Reformen: „Man sollte Schule neu denken“

Andere Länder, andere Sitten – das gilt auch für den Unterricht an Schulen. Die Neustadter Schülerinnen Lenara Borttscheller und
Andere Länder, andere Sitten – das gilt auch für den Unterricht an Schulen. Die Neustadter Schülerinnen Lenara Borttscheller und Lina Miszori haben im Ausland ganz eigene Erfahrungen mit Schulsystemen gemacht. d

Mehr Mitspracherecht, neue Lernräume, individuelle Lösungen: Zwei Schülerinnen aus Neustadt erklären, was Schule vermitteln sollte – und was andere Länder besser machen.

Lina und Lenara, ihr wart beide schon im Ausland in der Schule. Welche Unterschiede sind euch im Vergleich zu Deutschland aufgefallen?
Lenara: Die Privatschule, die ich in Brasilien besucht habe, war deutlich offener und grüner gestaltet, und es gab viele außerschulische Aktivitäten direkt auf dem Gelände. Im Unterricht konnten wir freier, selbstständiger und lebenspraktischer arbeiten, als ich es aus Deutschland kannte. Jeder hatte einen Computer – aber ich habe lieber mein Heft genutzt, weil wir heutzutage ja eh schon sehr viel vorm Bildschirm sitzen.

Lina: An einer Highschool in den USA besuchen alle Schüler aus einer Nachbarschaft zusammen die Schule. Da alle Hobbys an die Schule gekoppelt waren, hat sich fast mein ganzes Leben dort abgespielt. Der erste Eindruck war: Alles war digital, vom Unterricht mit Computern bis hin zu VR-Brillen. In Deutschland hat sich in Sachen Digitalisierung zwar auch etwas getan. Trotzdem wird hier auf die Gefahren im Umgang mit digitalen Medien hingewiesen und die Balance aus digitalem und handschriftlichem Arbeiten bewahrt, was ich positiv finde – da muss man mehr selbst denken.

Lina Miszori
Lina Miszori

Wie würdet ihr den Leistungsdruck im Vergleich beschreiben?
Lina: In den USA herrschte ein enormer Leistungsdruck. Die Lehrer haben die Schüler ständig angetrieben, um gute Noten für Stipendien zu bekommen. Die Schule wollte ihren guten Ruf behalten. Im Vergleich dazu finde ich Deutschland entspannter.

Lenara: In Brasilien hatte ich in Fächern, die mir eigentlich schwer fallen, bessere Noten, was vermutlich an der Lernatmosphäre lag, bei der jeder mitkommen sollte. Die Klassengemeinschaft war enger, die Lehrer-Schüler-Beziehung viel persönlicher. Man hat die Lehrer zum Beispiel mit dem Vornamen angesprochen.

Wie fair empfindet ihr das deutsche Bewertungssystem?
Lina: Das deutsche Bewertungssystem ist im Vergleich zu den USA deutlich transparenter. Hier weiß man genauer, was von einem erwartet wird, aber mich stört, dass die Abiturnote in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich bewertet wird. In den USA gab es viele Möglichkeiten, seine Note über Extraleistungen zu verbessern. Insgesamt fände ich gut, wenn der Fokus nicht nur auf Noten liegen würde – die sagen ja nicht alles über Intelligenz aus.

Lenara: Ich finde das deutsche System insgesamt fair, man hat klare Vorgaben. Gleichzeitig sind die Standards je nach Bundesland sehr unterschiedlich, was zu Schwierigkeiten führt, wenn man mal umzieht.

Welche Rolle spielt die Herkunft für Bildungschancen?
Lina: In den USA hängt die Qualität der Schule stark davon ab, wie reich die Nachbarschaft ist. Das System verstärkt bestehende Ungleichheiten und strukturellen Rassismus. In Deutschland sind die Chancen im dreigliedrigen Schulsystem mit freier Schulwahl gerechter verteilt, auch wenn es noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt und es mehr Förderprogramme für bildungsfernere Kinder braucht.

Lenara: In Brasilien ist die Situation noch extremer. Ohne Geld hat man kaum eine Chance auf gute Bildung, da öffentliche Schulen oft schlecht ausgestattet sind. Deutschland bietet im Vergleich viel mehr Aufstiegsmöglichkeiten und ein höheres Schulniveau.

Gibt es Unterschiede im Umgang? Wo habt ihr mehr Gemeinschaftsgefühl erlebt?
Lenara: In Brasilien war die Schule ein Ort der Gemeinschaft, wo die Kinder seit dem Kindergarten zusammen lernen. Es wurde viel Wert auf Respekt und Zusammenhalt gelegt. Mobbing habe ich dort kaum erlebt. In Deutschland bilden sich kleinere Freundesgruppen, und unbekannte Mitschüler wirken distanziert.

Lina: In den USA gab es einen durch Schulshirts, Hymnen, Sportteams und Aktionswochen geförderten Gemeinschaftsgeist. Schule ist Identität, was aber auch zu Abgrenzung und Rivalität führt. Zwischen Schülern unterschiedlicher Schulen gibt es kaum Freundschaften. In Deutschland fände ich so einen „School Spirit“ übertrieben, weil hier habe ich auch ein Leben neben der Schule.

Habt ihr das Gefühl, dass eure Meinung im Unterricht zählt?
Lenara: Ich würde sagen, es hängt stark vom Lehrer oder der Lehrerin ab. Manche sind offen für Diskussionen und lassen uns unsere Meinung zum Unterricht einbringen, andere hingegen halten sich strikt an ihren Plan. Ich würde mir allerdings bei übergeordneten Themen, wie Nachmittagsunterricht und Fächerwahl, generell im deutschen Bildungssystem mehr Mitspracherecht wünschen.

Lina: Zwar gibt es zahlreiche Vorgaben durch die Lehrpläne, jedoch haben wir trotzdem viele Möglichkeiten unsere Meinung im Unterricht einzubringen. Allerdings erlebt das auch jeder Schüler und jede Schülerin subjektiv anders, da die Möglichkeit zur Partizipationen stark von der Lehrerpersönlichkeit abhängt.

Welche Kompetenzen kommen im deutschen System zu kurz?
Lina: Fachlich fühle ich mich gut vorbereitet, aber im Bereich der praktischen Lebenskompetenzen gibt es kaum Angebote. Dinge wie Steuererklärungen, Versicherungen oder mentale Gesundheit kommen viel zu kurz. In den USA ist die Bandbreite über Fächer und Clubs viel größer.

Lenara: Das stimmt. Es wird viel Wert auf Theorie gelegt, aber Kompetenzen wie Entscheidungsfindung, Zeitmanagement oder praktische Lösungen für den Alltag werden kaum behandelt. Da ist definitiv noch Luft nach oben.

Lenara Borttscheller
Lenara Borttscheller

Was sollten Erwachsene verstehen, wenn Sie über Probleme im Schulsystem diskutieren?
Lenara: Unser Schulsystem ist historisch gewachsen. Ich würde mir wünschen, dass man Schule mal komplett neu denkt und hinterfragt, wie sinnvoll bestehende Strukturen sind. Brauchen wir noch feste Klassen oder geschlossene Klassenräume? Man sollte andere Wege ausprobieren und individuellere Lösungen für Schüler anstreben. Fair bedeutet ja nicht, dass alles für alle gleich ist. Ich würde mir wünschen, dass wir Schüler mehr in den Prozess einbezogen werden.

Lina: Ich finde es wichtig, nicht nur auf das System als Ganzes zu schauen, sondern auf den einzelnen Menschen und die einzelne Schule, um den konkreten Bedarf zu erkennen. In Neustadt haben wir sicherlich andere Probleme als in Ludwigshafen. Dann sollte man in den Dialog gehen, was nicht gut läuft, aber auch anerkennen, was gut läuft. Veränderungen dürfen am Ende nicht an fehlenden Fördertöpfen scheitern. Ich denke da auch an die Entlastung der Lehrkräfte durch mehr Schulsozialarbeit.

Wo würdet ihr eure eigenen Kinder später lieber zur Schule schicken?
Lina: Also ich würde meine Kinder definitiv in Deutschland zur Schule schicken, trotz aller Kritik am System. Und gleichzeitig hoffe ich natürlich, dass meine Kinder die Möglichkeit haben, auch Austausche zu machen, weil das die Perspektiven weitet und wichtig ist, um andere Kulturen zu verstehen. Und andererseits möchte ich sie ermutigen, dass sie ihren eigenen Weg finden, und der muss nicht gerade sein.

Lenara: Ich würde meine Kinder wahrscheinlich in Deutschland zur Schule schicken, weil die Grundlagen hier gut sind. Zwar fand ich gerade für Grundschüler den Zusammenhalt in Brasilien besser, aber hier gibt das System ab der weiterführenden Schule mehr Halt.

Zur Person

Lenara Borttscheller und Lina Miszori (beide 19) besuchen die zwölfte Klasse des Leibniz-Gymnasiums in Neustadt. Lenara war in der Mittelstufe zweieinhalb Jahre in einem Internat in Baden-Württemberg und danach für ein Jahr am Colégio Humboldt in São Paulo, Brasilien. Am Leibniz besucht sie die Leistungskurse Deutsch, Kunst und Biologie. Lina hat die Leistungskurse Englisch, Deutsch und Sozialkunde gewählt. Sie war ab Sommer 2023 als Stipendiatin des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms des Deutschen Bundestags ein Jahr in Virginia Beach im Bundesstaat Virginia an der US-Ostküste.

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