Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Progroup-Gründer und Abenteurer: Jürgen Heindl wird 70 Jahre alt

1975 war Jürgen Heindl mit einemVW Bus in Indien.
1975 war Jürgen Heindl mit einemVW Bus in Indien.

Aufgewachsen ist Jürgen Heindl auf einem Bauernhof. Dort lernte der Neustadter Dinge, die ihm später dabei halfen, ein Unternehmen mit milliardenschwerem Umsatz aufzubauen. Lehrreich war für Heindl, der an diesem Mittwoch 70 Jahre alt wird, auch eine Verkaufstour als Student in den Mittleren Osten mit kuriosem Ergebnis.

Denkt Jürgen Heindl an seine Kindheit, erinnert er sich an das Gefühl der Freiheit. Der Gründer der Progroup wuchs auf einem Bauernhof im Odenwald auf, wo er seiner Abenteuerlust nachgehen konnte. „Das war nicht immer ungefährlich“, räumt er heute bei einem Gespräch in seinem Anwesen in Neustadt ein. Dabei sollte nicht der Eindruck entstehen, dass Heindl als Junge besonders viel Freizeit gehabt hätte. Auch wenn der Bauernhof nur ein Nebenerwerb war, musste die ganze Großfamilie dort anpacken. Heindl und sein Bruder hatten etwa vor der Schule die Kühe zu melken. Und wenn ein Gewitter drohte, „waren von der Großmutter bis zu den Enkeln alle auf dem Feld, um das Heu reinzuholen.“ Heindl zog daraus die Lehre: „Die Arbeit wird gemacht, wenn sie anfällt.“ In seinem weiteren Leben sollte noch viel Arbeit anfallen.

Doch zunächst lebte er eine Leidenschaft aus, die ihn bis heute begleitet: die Liebe zum Reisen. Als 18-Jähriger fuhr er mit einem 21 Jahre alten Motorrad, das er drei Jahre vorher seinem Nachbarn abgeschwatzt hatte, ans Nordkap. Seine Familie hielt das für gefährlich, nicht zuletzt der Großvater. Als der junge Jürgen seinem Opa entgegenhielt, dass dieser zwei Weltkriege mitgemacht habe, „war das Thema erledigt“. Ganz ohne war die Fahrt, die er alleine unternahm, nicht. Unterwegs musste er etwa die Kupplung reparieren. Für Heindl aber auch eine Lehre: „Man muss Herausforderungen annehmen und sich durchkämpfen.“

Lkw ohne Tüv gekauft

Später unternahm er immer wieder mit Geschäftspartnern ambitionierte Reisen, etwa entlang der Seidenstraße bis nach China – mit gemeinsamen Übernachtungen in einer Jurte. Nach Asien zog es ihn auch nach Beginn seines Studiums. Mit zwei Kommilitonen fuhr er in einem alten VW-Bus nach Indien. Auf dem Rückweg erhielten sie in Afghanistan und im Iran viele Angebote von Leuten, die den Bus kaufen wollten. „Das ging nicht, wir wollten ja wieder heim“, erzählt Heindl. Doch er und seine Studienkollegen witterten ein Geschäft. Im folgenden Jahr kauften sie sich für 1500 D-Mark einen alten Büssing-Lkw. Dass der keinen Tüv mehr hatte, hielt sie nicht davon ab, in den Iran zu fahren. Dort galt mittlerweile allerdings ein Gesetz, das den Import von Wagen verbot, die älter als zwei Jahre waren. „Die wollten keine älteren, gebrauchten Fahrzeuge mehr.“ Daher fuhren sie weiter nach Afghanistan. Doch auch dort die Enttäuschung: Keiner wollte den Wagen kaufen, zumindest nicht für einen akzeptablen Preis. „Büssing kannte dort keiner“, blickt Heindl zurück. Den Wagen auf der Rückfahrt für einen guten Preis loszuschlagen, misslang ebenfalls. Sechs Wochen nach Beginn der Verkaufsfahrt wurden sie den Büssing-Lkw dann doch los: Ein Schrotthändler in Italien kaufte ihn für eine Million Lire: „Das waren damals exakt 1500 Mark“, sagt Heindl lachend. Gewinn hatten sie also nicht gemacht, aber viele Erfahrungen.

Marktlücke erkannt

Studiert hat Heindl zunächst Elektrotechnik mit Schwerpunkt Softwareentwicklung, dann schloss er ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an. Er sei durch Zufall in der Papierindustrie gelandet, sagt er. Früh bekam er dort verantwortungsvolle Aufgaben. Er machte ein Werk, das auf der Kippe stand, zum profitabelsten des Unternehmens, da war er noch keine 30 Jahre alt. Doch hatte er andere Vorstellungen von der Wellpapp-Produktion als die Vorstandskollegen. Und er erkannte eine Marktlücke: Kleine und mittelständische Verpackungshersteller ohne eigene Wellpappproduktion waren auf die großen Anbieter angewiesen, die meist auch Wettbewerber waren. Heindl wollte sich auf die Produktion von Wellpappe spezialisieren, also nicht gleichzeitig auch Konkurrent seiner Kunden sein.

Im Dezember 1991 gründete er dann seine Firma unter dem Namen Prowell GmbH (später Progroup AG), das erste Werk entstand im südpfälzischen Offenbach im Jahr darauf. Dazu holte er drei stille Gesellschafter, die 49 Prozent des Unternehmens erhielten: „Mein Wissen ist höher zu gewichten als das einzubringende Kapital“, erklärt Heindl die Verteilung. Heute hält die Familie an der Unternehmensholding etwa 91 Prozent. Es war der Beginn einer enormen Erfolgsgeschichte. Progroup betreibt in sechs Ländern Produktionsstandorte (Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, England, Italien). Dazu zählen aktuell drei Papierfabriken, 13 Wellpappformatwerke, ein Logistikunternehmen und ein Waste-to-Energy-Kraftwerk. In Sandersdorf-Brehna bei Leipzig entsteht derzeit das zweite Kraftwerk. Mit etwa 1720 Beschäftigten hat das Unternehmen im Jahr 2023 einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Künftig in Neustadt tätig

Heindl ist ein Unternehmer, der freundlich auftritt, der aber auch deutlich macht, dass er immer eine klare Linie vertreten hat: „Wenn das Konzept stimmt, muss man sich gnadenlos treu bleiben.“ Dass er das Unternehmen in gewissem Sinne patriarchal geführt hat, war für ihn logisch: „Als Gründer ist man in einer besonderen Rolle, man steht ja auch voll im Risiko.“

Zum Jahresbeginn 2023 gab Heindl den Vorstandsvorsitz an seinen Sohn Maximilian ab. Damit sei die postpatriarchale Zeit angebrochen, sagt der Vater. Da brauche es eine neues System, ein Management-Team.

Der Sitz des Unternehmens ist in Landau, doch in Neustadt wohnen die Heindls nicht nur seit mehr als 20 Jahren. Hier wird Jürgen Heindl künftig tätig sein. Unter der Ägide seiner Frau Herta wird die Villa in der Maximilanstraße 43 umgebaut. Dort wird künftig die JH Holding sitzen, die als Denkfabrik für die Branche konzipiert ist und von Heindl gemeinsam mit seinem jüngeren Sohn Vinzenz geführt wird.

Ruhestand keine Option

Nun hat der Progroup-Gründer zwar ein Alter erreicht, in dem die meisten Menschen schon in Rente sind, doch für den 70-Jährigen war das keine Option. In der JH Holding will er seine Kenntnisse weitergeben. Und doch lässt er es ruhiger angehen als früher. „Ich hatte jahrzehntelang 16- bis 18-Stunden-Tage, das mache ich heute nicht mehr.“

Dass er ein Mann voller Ideen ist, zeigt auch eine Episode vor der Progroup-Gründung. Auf einer Reise entwickelte er einen Rucksack, in den ein Zelt und eine Hängematte mit Moskitonetz integriert sind. Auf den Markt kam dieser allerdings nie. Hertas Schwangerschaft kam dazwischen. Sie war es nämlich, die an Prototypen tüftelte. Das sei ihre Aufgabe gewesen. „Die Visionen“, sagt sie und zeigt liebevoll den ihren neben ihr sitzenden Mann, „die entstehen hier.“

War bis Ende 2022 Chef der Progroup: Jürgen Heindl.
War bis Ende 2022 Chef der Progroup: Jürgen Heindl.
Jürgen Heindl mit dem Motorrad, mit dem er zum Nordkap fuhr.
Jürgen Heindl mit dem Motorrad, mit dem er zum Nordkap fuhr.
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