Lambrecht / Deidesheim
Nach der Versteigerung: Wie der Pfälzer Geißbock beim 1. FC Köln landete
Am Dienstag nach Pfingsten, wenn Lambrecht seinen Tribut nach Deidesheim bringt, gehört dem Geißbock die Bühne. Geschmückt wird er durch die Stadt geführt, bestaunt, fotografiert, geprüft. Er ist Namensgeber, Maskottchen und seit vergangenem Jahr Teil einer Tradition, die die Unesco in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen hat.
Dann schlägt die Stunde der Versteigerung. Um Punkt 18 Uhr fällt der Hammer. Der Applaus gehört noch einmal dem Tier, aber sein öffentlicher Auftritt ist vorbei. Der Geißbock hat neue Besitzer. Während die Tradition ursprünglich auf Weiderechte zurückgeht, wird der Geißbock in jüngerer Zeit häufig von Unternehmen zu Werbezwecken ersteigert. Doch was passiert danach mit einem Tier, das eben noch Mittelpunkt eines alten Spektakels war?
Meist führt sein Weg zurück zu Oliver Wittmer. Seit rund 15 Jahren stellt der Deidesheimer Hobby-Landwirt die Tributböcke für die Versteigerung. Und oft bleiben sie auch danach erst einmal bei ihm. Nicht jeder, der einen Geißbock ersteigert, hat schließlich Stall, Weide und Erfahrung, sagt Wittmer. Also stehen die ehemaligen Hauptdarsteller wieder zwischen den anderen Tieren, fressen, meckern, halten Grünflächen kurz. Aktuell versorgt der Züchter drei ehemalige Tributböcke, von den Besitzern gebe es „etwas Futtergeld“. Die beiden Unternehmerinnen, die im vergangenen Jahr den Zuschlag erhielten, seien fast jede Woche da, um ihren Michael IV. zu besuchen, berichtet Wittmer.Und auch die diesjährigen Meistbietenden, das Familienunternehmen Otto Dambach aus Maxdorf, hat bereits angekündigt Werbe-Aufnahmen mit ihrem Timm-Niklas zu machen.
Pfälzer Böcke erobern die Sportwelt
Dass ein Deidesheimer Tributbock nach der Versteigerung noch einmal Karriere macht, ist keine neue Erscheinung, berichtet der pensionierte Lehrer Berthold Schnabel. Als Teil des Expertenteams für die Bewerbung zum Unesco-Kulturerbe hat sich der Deidesheimer durch Archive und historische Akten gearbeitet und so manche Anekdote über den Verbleib des Geißbocks gefunden. In den 60er-Jahren etwa zog es einige von ihnen in die Sportwelt, weniger zu Werbezwecken als in der Hoffnung, sie könnten Vereinen das benötigte Glück bringen.
Der berühmteste dieser Böcke hieß Oskar. 1963 ersteigerte ihn der österreichische Textilwarenhändler Rudolf Koller für 1370 D-Mark und bot den schwarz-weißen Prachtbock anschließend dem damaligen deutschen Meister 1. FC Köln als Geschenk an. Die Idee lag nahe: Der Verein hatte mit Hennes bereits ein tierisches Maskottchen, der Geißbock gehörte längst zur Kölner Vereinsmythologie. Vereinspräsident Franz Kremer nahm das Angebot wohlwollend an und stellte Oskar eine Stallung mit Auslauf neben dem Clubhaus „Zum Geißbock“ in Aussicht. Im September des gleichen Jahres reiste eine Delegation rund um den ehemaligen Nationalspieler Helmut Benthaus an, um Oskar abzuholen. Mit Wein aus Deidesheimer Lagen und dem Tier im Gepäck ging es weiter Richtung Domstadt.
Zum Nachfolger von Hennes I. wurde Oskar dennoch nicht. Als das Kölner Maskottchen 1966 starb, sprachen offenbar praktische Gründe gegen den Pfälzer. Oskar war keine handliche Zwergziege, sondern ein großes Tier mit stattlichen Hörnern. Für den Stadionbetrieb zu gefährlich, so die Befürchtung der Verantwortlichen. Die Nachfolge trat daher wieder eine Zwergziege an, und Oskar hütete weiter das Clubhaus des Kölner Vereins.
Ein anderer Deidesheimer Bock schaffte den Sprung zum Maskottchen. 1967 wurde Roland für 590 D-Mark „nur zum Spaß“ von einer Gruppe ehemaliger Absolventen aus Speyer ersteigert, die in Deidesheim Klassentreffen feierte. Sie schenkten ihn dem damaligen deutschen Vizehandballmeister TSG Hochdorf. Dort kam Roland schon beim nächsten Spiel als Glücksbringer zum Einsatz.
Zwei Jahre später zog es den Tributbock Fridolin in den Fußball. Die Bayern-Versicherung aus München ersteigerte ihn für 1170 D-Mark und gab ihn an den SV Alsenborn weiter, jenen pfälzischen Dorfverein, der damals vom Aufstieg in die Bundesliga träumte. Fridolin sollte nachhelfen. Der Traum blieb trotzdem unerfüllt: Alsenborn verpasste den Aufstieg zweimal.
Zwischen Tradition und Tierwohl
Egal ob der Geißbock nach der Versteigerung in der Pfalz bleibt, für Werbeaufnahmen posiert oder als Glücksbringer in die Sportwelt weitergereicht wird: Wer ihn heute ersteigert, übernimmt Verantwortung und verpflichtet sich dem Wohl des Tieres. Das war nicht immer so. „Das Tierwohl spielte in früherer Zeit kaum eine Rolle“, berichtet Berthold Schnabel und zitiert historische Dokumente und Zeitungsartikel. Um die Jahrhundertwende wurde der Geißbock vor seinem großen Auftritt keineswegs geschont. Im Gegenteil: Er wurde in Lambrecht und Deidesheim durch Wirtschaften geführt, „wo er Bier trank und Tabak erhielt“, sagt Schnabel. Wenn er nicht selbst als Gast in den Wirtshäusern auftauchte, wurde er nicht selten von Wirten ersteigert und anschließend als Preis bei Kegelspielen ausgespielt – teils sogar mehrfach. Dann aber regte sich Widerstand unter Tierschützern, die den Umgang mit dem Geißbock öffentlich anprangerten.
Eine Zäsur gab es 1939. Damals richtete der Tierschutzverein Mannheim ein aufgebrachtes Schreiben an den damaligen Lambrechter Bürgermeister Karl Dietzel. Darin verurteilte der Verein die „Qualen“, die dem Geißbock zugefügt würden, als „verwerflich“, verwies darauf, dass „derartige Quälereien nach dem Reichstierschutzgesetz“ strafbar seien, und forderte, die Misshandlungen wenigstens auf ein Mindestmaß zu beschränken. Dietzel reagierte prompt. Er wies an, die Bockhalter zu verständigen: Nach dem Spiel habe der Geißbock zu verschwinden. „Von Wirtschaft zu Wirtschaft gibt es nicht mehr!“, wird er in historischen Quellen zitiert. Es war kein Bruch mit dem Brauch, aber ein deutlicher Einschnitt in seinen Umgangsformen.
Später wurden aus solchen Einwänden verbindliche Regeln. 2014 verschärfte Deidesheim die Versteigerungsbedingungen: Gebote dürfen seitdem nur abgegeben werden, wenn der Bieter gewährleisten kann, dass das Tier nach dem Zuschlag artgerecht behandelt wird. Seit 2023 müssen die Steigerer zusätzlich eine schriftliche Erklärung unterzeichnen, in der sie sich zur artgerechten Haltung und zur Einhaltung des Tierschutzgesetzes verpflichten.
Info
Für ein Buch sucht Berthold Schnabel derzeit weitere Geschichten und Anekdoten rund um die Geißbocktradition zwischen Lambrecht und Deidesheim. Wer Material mit Quellenbelegen hat, kann sich bei ihm melden: Telefon 06326 1482.
