Lambrecht / Deidesheim
Geißbocktradition als Immaterielles Kulturerbe: Wieso es erst beim dritten Anlauf geklappt hat
Es war die letzte Chance. „Noch einmal hätten wir uns nicht beworben. Dieses Mal musste es klappen“, sagt Berthold Schnabel über die Bewerbung um die Anerkennung der Geißbocktradition als Immaterielles Kulturerbe. Der 81-jährige Deidesheimer und pensionierte Lehrer war Teil eines vierköpfigen Expertenteams aus Deidesheim und Lambrecht, das die Bewerbung auf den Weg gebracht hat.
Mit ihm arbeiteten der kürzlich verstorbene Herausgeber der Talpost, Volker Edel, sowie Hans-Joachim Hinrichs, Vorsitzender des Lambrechter Verkehrsvereins an dem Vorhaben. Auf Deidesheimer Seite unterstützte Heinz Schmitt, promovierter Volkskundler und ehemaliger leitender Direktor im Kulturbereich der Stadt Karlsruhe. Auch Schmitt ist bereits Anfang des Jahres verstorben.
Trotz Absagen: Städte halten an Bewerbung fest
Den ersten Anlauf starteten die Schauspielgruppen aus Deidesheim und Lambrecht im Jahr 2017 – vertreten durch das Stadtgericht auf der einen und die Theatergruppe des Verkehrsvereins auf der anderen Seite. Doch der Antrag blieb ohne Erfolg. Es war nicht der letzte Rückschlag für das Vorhaben.
Zwei Mal erteilte die zuständige Kommission eine Absage. Zwei Mal wurde verbessert, angepasst und überarbeitet. „Wir dachten uns, jetzt haben wir schon angefangen, da geben wir nicht einfach auf. Einmal ist keinmal. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal“, erinnert sich Schnabel. Trotz Absagen habe die Kommission ihnen immer Mut gemacht und durchschimmern lassen, dass sie Potenzial sieht.
Bewerbung scheitert an Formalien
Im März dieses Jahres wurde der unermüdliche Einsatz der beiden Städte schließlich belohnt. Die Geißbocktradition wurde offiziell in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Für Schnabel ein Moment, den er so schnell nicht vergessen wird. „Ich war sehr erleichtert und glücklich“, sagt er.
Dass es erst im dritten Anlauf geklappt hat, hatte verschiedene Gründe. Mal waren es formale Stolpersteine – etwa das Überschreiten der streng begrenzten Zeichenzahl im Bewerbungsformular. Ein anderes Mal lag es schlicht an den falschen Unterschriften: Die damaligen Bürgermeister von Lambrecht und Deidesheim hatten den Antrag unterzeichnet. Laut Unesco-Richtlinien dürfen jedoch ausschließlich zivilgesellschaftliche Träger einen Antrag einreichen.
Kritische Auseinandersetzung mit NS-Zeit
Also musste ein Verein her. Auf Lambrechter Seite übernahm Hans-Joachim Hinrichs, Vorsitzender des Verkehrsvereins, die Verantwortung. Er ist seit vielen Jahren eine treibende Kraft hinter den Geißbockfestspielen und maßgeblich an der Planung und Durchführung beteiligt. In Deidesheim unterzeichnete Berthold Schnabel als Vorsitzender der Heimatfreunde. „Wir waren quasi die Zugpferde der Bewerbung. Die Zügel lagen weiter in den Händen der Stadt“, sagt der 81-Jährige.
Doch es hakte nicht nur an Formfragen. Auch inhaltlich sah die Kommission Verbesserungsbedarf – vor allem in der fehlenden „kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus“. Diesen Part übernahm Schnabel ab der zweiten Bewerbungsrunde. Die Empfehlung der Kommission, einen unabhängigen Wissenschaftler hinzuzuziehen, verwarf die Gruppe. „Das kostet nur Geld. Ich wusste ja, wo das alles steht – das können wir besser selbst machen“, sagt er und lacht. Der Erfolg gibt ihnen recht.
Etliche Stunden Recherchearbeit
Vor allem im Landesarchiv in Speyer wurde der Deidesheimer fündig. Wie viele Stunden er dort in Dokumenten geblättert, gelesen und recherchiert hat, kann er nicht sagen. Es waren etliche. Gegen die Bezeichnung als Stadthistoriker wehrt sich Schnabel, der regelmäßig Aufsätze und Bücher zur regionalen Geschichte veröffentlicht. „Ein lieber Kollege hat mal gesagt, ich sei eine Archiv-Maus“, erzählt er schmunzelnd. „Da hat er eigentlich recht, habe ich dann gesagt.“
Was der pensionierte Lehrer bei seiner Arbeit zutage förderte, war mehr als nur eine historische Rekonstruktion. In den Archiven stieß er auf etliche Abweichungen von der heutigen Geißbocktradition – und auf so manche Anekdote.
Geschichte und Geschichten zum Geißbock
Schon beim vermeintlichen Entstehungsdatum beginnt die Legendenbildung: „Die Jahreszahl 1404 kursiert seit über hundert Jahren, doch sie findet sich in keiner Quelle zur Geißbockversteigerung“, erklärt der Experte. Die erste gesicherte Nennung stamme aus dem Jahr 1534. Spätere Dokumente erwähnten lediglich, dass der Brauch „seit unverdenklichen Zeiten“ bestehe.
Möglich sei, dass im frühen 14. Jahrhundert – im Zusammenhang mit dem Bau der Klosterkirche – Nonnen Wald an Deidesheim verkauft hätten, mit der Bedingung, dort Rindvieh weiden zu lassen. Ziegen hingegen seien damals ausdrücklich ausgeschlossen worden. „Streng genommen hätte Lambrecht also einen Ochsen, ein Kalb oder eine Kuh liefern müssen. Doch das war finanziell kaum machbar, besonders im 19. Jahrhundert“, erklärt der 81-Jährige.
Umdeutung der Tradition während der NS-Zeit
Auch andere Teile der Tradition sind jünger als oft vermutet. So stamme die Idee, dass das jüngste Ehepaar den Bock führt, aus der NS-Zeit. Ursprünglich habe der jüngste Bürger Lambrechts diese Aufgabe übernommen. Ab dem späten 19. Jahrhundert war es der Lambrechter Ziegenhirte. Erst 1934 sei dieser von einem jungen Ehepaar begleitet worden – eine Neuerung im Sinne der nationalsozialistischen Familienideologie.
„Zwischen 1933 und 1945 fehlte es nicht an Versuchen, die Geißbocktradition für die herrschende Ideologie nutzbar zu machen“, schreibt Schnabel im Bewerbungsdossier. Der Geißbock sollte in der Vorstellung der Nationalsozialisten zur symbolischen Integrationsfigur erhoben werden, hinter der sich die Bürgerschaft versammelt. Trotz der politischen Färbung erlaubte selbst die amerikanische Besatzung nach 1945 die Fortsetzung des Brauchs. „Die Franzosen legten sogar großen Wert darauf, dass die Versteigerung feierlich begangen wird“, erzählt Schnabel.
Auch Skandale gehören zur Geschichte des Brauches. So etwa im Jahr 1851, als ein „untauglicher Bock verspätet in Deidesheim ankam – nicht geführt, sondern in einer Schubkarre“. Noch dazu mit einem „stark angetrunkenen“ Überbringer. Die Deidesheimer seien damals so empört gewesen, dass sie den Brauch ganz abschaffen wollten. Der Streit landete schließlich vor dem Appellationsgericht in Zweibrücken. Das Urteil: Die Waldweiderechte bleiben bestehen und die Bocklieferung muss weitergehen. „Ich nehme an, die haben sich totgelacht“, sagt Schnabel scherzhaft.
Tierwohl blieb lange Zeit ungeachtet
Es sei nicht das einzige Mal gewesen, dass die Fortführung der Tradition auf der Kippe stand: Mal seien es die Lambrechter, mal die Deidesheimer gewesen, die das Abkommen abschaffen wollten. Doch am Ende, sagt Schnabel, hätten die Deidesheimer die Tradition gerettet. „Und die Nazis“, ergänzt er leise.
Während heute genau darauf geachtet wird, dass der Geißbock nicht unter dem Spektakel leidet, spielte das Tierwohl lange Zeit eine nachrangige Rolle. Früher sei der Geißbock durch die Kneipen geführt worden, wo er Kautabak und Bier bekam. „Man wusste manchmal nicht, wer betrunkener war – der Bock oder der Bockführer“, erzählt Schnabel. Das habe auch zur Folge gehabt, dass so mancher Geißbock den Tag der Versteigerung nicht überlebt hätte. Erst ein empörter Brief des Mannheimer Tierschutzvereins an den Lambrechter Bürgermeister in den 1930er-Jahren habe der Tortur ein Ende gesetzt.
Buch zur Geißbocktradition in Planung
Wenn der 81-Jährige beginnt, von seiner Recherche zu berichten, sprudeln die Anekdoten aus ihm heraus. Auch nach der Auszeichnung der Unesco wird ihn das Thema weiter beschäftigen. Sein Wissen will er unter dem Titel „Geschichte und Geschichten zum Geißbock“ zu einem Buch verarbeiten. Die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe soll ein eigenes Kapitel bekommen.
Finanziell profitieren die beiden Städte von dem Titel nicht. Die Aufnahme in das Verzeichnis ist in erster Linie eine symbolische Auszeichnung, die das Engagement der beiden Städte würdigt und nach außen sichtbar macht. Die offizielle Überreichung des Siegels steht noch aus.
Info
Eine Übersicht über das Rahmenprogramm zur diesjährigen Geißbockversteigerung finden Sie hier. Fotografische Eindrücke aus 100 Jahren Geißbocktradition haben wir in einer Bildergalerie gesammelt.
