Neustadt
Förderverein Gedenkstätte: Zwangsarbeit als neues Thema
Seit Herbst 2021 bilden Kurt Werner und Anja-Maria Bassimir das Vorstandsduo beim Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt. Sie folgten auf Eberhard Dittus, der den Verein 2009 gegründet und über Jahre geprägt hatte. Ihm war auch die Eröffnung der Gedenkstätte im Quartier Hornbach im Jahr 2013 zu verdanken. In der ehemaligen Turenne-Kaserne im Neustadter Osten (heute Quartier Hornbach) eröffneten die Nationalsozialisten im März 1933 ein sogenanntes Schutz- und Arbeitslager, in dem nahezu 500 politische Gegner gefangen gehalten und misshandelt wurden.
Es gehe jetzt darum, die Arbeit des Vereins in die Zukunft zu lenken und dafür zu sorgen, dass die unter Dittus’ Regie geschaffenen Grundlagen erhalten und ausgebaut werden. „Arbeit haben wir da genug“, meint Bassimir augenzwinkernd. Denn hinter der Neustadter Gedenkstätte steckt keine staatliche Institution, sondern ein Verein. Also hängt vieles vom Ehrenamt ab. Das Vorstandsduo ist daher sehr froh über die vielen Helfer im Verein und dass sich auch junge Menschen, die über das Freiwillige Soziale Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst zur Gedenkstätte kamen, sich dort dann dauerhaft einbringen. „Ohne all diese Menschen wäre viel weniger möglich“, bekräftigt Werner. Wichtig sei zudem die breite gesellschaftliche Verankerung – etwa bei der Zusammensetzung von Vorstand und Kuratorium.
Denn die Arbeit zur NS-Zeit und was daraus für die Zukunft folgt, sei zwar politisch, aber eben nicht parteipolitisch. Allerdings stellt Werner klar: „Wir stellen uns sehr wohl klar gegen aufkommende neofaschistoide Tendenzen.“ Für den Förderverein sei daher klar, dass er beim Demokratiefest Ende Mai und beim für Neustadt geplanten Bündnis Demokratie vertreten sei.
Schon 300 Besucher in Gedenkstätte
Der Förderverein sehe seinen Auftrag in drei Bereichen, betont Bassimir. So gehe es natürlich ums Gedenken und die Gedenkstätte im Quartier Hornbach. Dort kümmern sich Mitarbeiter Jan Wiese und Lina Fischer (Bundesfreiwilligendienst) an den Werktagen um Besucher. Sonntags ermöglichen Ehrenamtliche den Gedenkstättenbesuch. Bassimir und Werner beobachten, dass angesichts der politisch unruhigen Zeiten das Bedürfnis nach Information aus erster Hand sehr groß sei. So hätten allein in den ersten zwei Monaten des neuen Jahres 300 Schüler die Gedenkstätte besucht. „Und für die nächsten zwei Monate haben wir Anmeldungen von weiteren Klassen mit insgesamt 250 Schülern“, so Bassimir. Dass zudem auch viele Vereine und kirchliche Gruppen zur Gedenkstätte kommen, ist für das Vorstandsduo ein gutes Zeichen. „Wir sehen die Gedenkarbeit nicht nach hinten gerichtet, sondern uns geht es um die Zukunft und den Erhalt der Demokratie“, sagt Werner.
Die anderen beiden Bereiche in der Arbeit des Fördervereins sind laut Bassimir das Erinnern und das Lernen. Dazu zählt weitere Forschungsarbeit über die NS-Zeit. So soll in den kommenden Monaten eine Broschüre von Roland Paul und Hannes Ziegler mit dem Titel „Das Schicksal der Juden in Neustadt 1933 bis 1945“ publiziert werden. Außerdem soll die Arbeit des Historikers Benjamin Müsegades über die NS-Vergangenheit des Neustadter Stiftungsgründers Karl Richard Weintz aufgegriffen werden. Man müsse mehr über solch „typische Werdegänge“ erfahren und daraus lernen. „Es geht um Transparenz, das Einordnen der Lokalgeschichte.“ Bassimir hält das Neustadter NS-Erbe für sehr wichtig. An ihm könne man viel über die „Anfänge der Terrorherrschaft“ lernen und erkennen, dass es diese eben auch in der Provinz gab. Daher stehe noch viel Arbeit im Archiv der Gedenkstätte und der Strukturierung der dortigen Dokumente an.
Zwangsarbeiter bei Winzern
Zudem soll in einem neuen Forschungsansatz das Thema Zwangsarbeit beleuchtet werden. Bekannt sei, dass es Zwangsarbeiter in der Mußbach Metall sowie auch bei Winzern gab. Darüber wisse man noch nicht viel. „Aber die Aufarbeitung wäre wichtig. Sie ist auch interessant, da mit Zwangsarbeitern ganz unterschiedlich umgegangen wurde. Von zwei Winzern wissen wir, dass Zwangsarbeiter hervorragend behandelt wurden und danach sogar Briefkontakt bestand“, so Werner. Bassimir und er wären daher froh, wenn der Förderverein sogar einen Historiker anstellen könnte. Doch das sei derzeit nicht drin, da die Finanzierung des Vereins nur über Spenden, Mitgliedsbeiträge und einen Zuschuss der Landeszentrale für politische Bildung läuft.
Bassimir hält es für äußerst wichtig, dass die Gedenkstättenarbeit über das „oh, das war schlimm“ hinausgeht und darauf abzielt, „was wir lernen können“. Dazu zählt ein Workshop am 16. März mit Benedikt Breisacher (Uni Bayreuth) , in dem es um die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus geht. Es gebe Muster, an denen man gesellschaftliche Veränderungen erkennen und den Wahrheitsgehalt von Informationen überprüfen könne. „Es geht um solche Strukturen und darum, dagegen im eigenen Alltag aufzustehen“, so Bassimir. Werner spricht daher auch davon, „dass wir zur Zivilcourage ermuntern wollen“.