Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Erhöhte Waldbrandgefahr: Wie sich die Feuerwehr auf den Ernstfall vorbereitet

Am Stabenberg oberhalb von Gimmeldingen richten die Feuerwehrleute einen Zwischenpuffer ein, um die Versorgung mit Wasser zu sic
Am Stabenberg oberhalb von Gimmeldingen richten die Feuerwehrleute einen Zwischenpuffer ein, um die Versorgung mit Wasser zu sichern.

Über Wochen kein Tropfen Regen – da steigt die Waldbrandgefahr. Die Neustadter Wehr weiß, wo die empfindlichen Stellen liegen. Eindrücke von der jüngsten Großübung.

Die Looganlage in Neustadt ist ein beliebtes Ausflugsziel im Pfälzerwald. So steht es zu Recht in jedem Reiseführer. Aber an diesem Abend Ende Mai beginnt an der Looganlage ein Höllenritt. Auf den Vordersitzen des betagten SUV: die Feuerwehrleute Lars Walter und Michael Mathäß. Mathäß, seit Jahrzehnten eine der Ikonen der Neustadter Wehr, war 2022 beim verheerenden Waldbrand am Hambacher Schloss dabei. An diesem Abend: das gleiche Katastrophenthema. Waldbrand. Diesmal nur als Übung, glücklicherweise.

Im Einsatz: mehr als 100 Wehrleute aus allen Neustadter Ortsteilen, Polizeikräfte, Technisches Hilfswerk (THW), rund 30 Fahrzeuge. Die technische Einsatzleitung (TEL) koordiniert im Großfahrzeug auf dem Feuerwehrareal in Gimmeldingen. In der Halle dort: Tische voller Laptops. Kommunikation und Elektronik sind sehr wichtig bei der Brandbekämpfung im Jahr 2026. Aber ohne ein paar Dinge, die nur scheinbar banal sind, läuft nichts, das wird sich an diesem Abend einmal mehr zeigen. Zum Beispiel: Wie kommen sehr große Rettungsfahrzeuge über kleine Holperpisten in den Wald hinein, wenn’s dort brennt? Und vor allem: Wie und woher kriege ich genügend Wasser in den Wald?

Bürger über Übung nicht informiert

Inspekteur Stefan Klein, gewohnt ruhig und bisweilen mit ironischen Einsprengseln, instruiert seine Leute: „Wir werden heute nicht wirklich was anzünden.“ Die Lage um 19 Uhr: über 20 Grad, leichter Wind, seit rund vier Wochen kein Regen, „im Wald ist es trocken“. Man wird Abläufe, schriftlich geregelt in Katastrophenschutzplänen, durchspielen, einüben, „manches auch ausprobieren“, sagt Klein. Um 19.03 Uhr wird der Alarm ausgelöst, ab jetzt: Blaulicht, Martinshorn. Löschzüge und andere Fahrzeuge beziehen Bereitstellungsräume.

Bürgerinnen und Bürger sollten vorher nichts wissen von der Übung, im Ernstfall wissen sie ja vorher auch nichts. Das hat Konsequenzen: Schon Kilometer vor dem Wald geht es in Gimmeldingen und Königsbach nicht selten durch engste Gassen, wo manchmal, völlig legal, ein Pkw parkt – und es für einen Lösch-Lkw dann kein Durchkommen gibt. Mehrmals an diesem Abend springt Feuerwehrmann Mathäß aus dem SUV, um Mülltonnen aus dem Weg zu räumen.

Löschfahrzeuge bis zu 14 Tonnen schwer

Ankunft Looganlage, in der Nähe ist ein Hydrant, mehrere Löschfahrzeuge tanken sich mit Wasser voll. 2000 bis 3000 Liter gehen in ein Fahrzeug. Über den sehr intensiven Funkverkehr ist immer wieder die Aufforderung der Einsatzleitung zu hören, nach „offenen Gewässern“ zu suchen, aus denen sich Wasser entnehmen ließe. Der Mußbach, von dem der Neustadter Ortsteil seinen Namen hat, käme da in Betracht. „Die Frage ist bloß, ob der Mußbach bei diesem Wetter genug Wasser führt“, brummelt Lars Walter auf dem Beifahrersitz.

Ansonsten sind er und Mathäß seelenruhig und guter Dinge, obwohl auf den nächsten vier, fünf Kilometern, ab Wooganlage in den Wald hinein, die harte Tour kommt. Es geht über Waldwege, die dem ungeübten Mitfahrer ein sehr kerniges Achterbahn-Gefühl vermitteln. Tempo: 30 Kilometer pro Stunde. Aber es rüttelt und knallt wie 80. „Eigentlich geht es ja ganz gut“, behaupten Fahrer und Beifahrer. Na dann. Die eingesetzten Löschfahrzeuge sind bis zu 14 Tonnen schwer. Da ist was unterwegs.

Einrichten von Schlauchstrecken sehr aufwendig

Die Diskussion darüber, wie die Waldwege beschaffen sein müssen, damit die Feuerwehr durchkommt, wurde in der Neustadter Lokalpolitik in den vergangenen Jahren durchaus heftig geführt. Es gab Stimmen, der Wald solle einfach wachsen, wie er will. Das scheint vom Tisch. Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Klein sagt zu Beginn der Übung auch diesen Satz: „Die Wege sind ertüchtigt worden.“ Soll vermutlich heißen: Etwas anderes akzeptiert die Feuerwehr auch nicht.

Nach und nach bewältigen die Löschfahrzeuge die Waldpiste und erreichen ihr Ziel, den Einsatzort, ein abgesperrtes Waldgebiet, das laut Übungsregie brennt. Die Fahrzeuge entleeren ihre Löschwasservorräte in ein Bassin, das 5000 Liter fasst. Dann fahren sie leer zurück, tanken wieder Wasser nach, am Hydranten oder an offenem Gewässer. Pendelfahrten, ein Kreislauf. Weil zwei Lkw auf dem Waldweg nicht aneinander vorbeikämen, muss Einbahnverkehr stattfinden. Dafür sind unterwegs Markierungen notwendig und Helfer, die einweisen. „Es ist sehr wichtig, mit dem Wasser möglichst dicht an den Brand heranzukommen“, erläutert Patrick Seebacher vom Feuerwehr-Medienteam. „Man kann auch Schlauchstrecken von drei oder vier Kilometern bauen, wenn’s nicht anders geht.“ Das koste aber Zeit und sei aufwendig, weil dann Zwischenpumpen installiert werden müssen.

Im Notfall Hilfe von Landwirten

Vom Bassin am definierten „Brandherd“ aus befördern Pumpen das Löschwasser in ein verzweigtes Schlauchsystem, Schläuche unterschiedlicher Dicke, orange und gelb gekennzeichnet, liegen auf dem Waldboden neben Hacken und anderen Werkzeugen, die gebraucht werden, wenn zur Eindämmung eines Brandherds Gräben ausgehoben werden müssen. Tausend Liter pro Minute kann das Bassin liefern. Und letztlich stehen dann ganz vorne Feuerwehrleute an der Front.

Als es nach 21 Uhr allmählich dunkler wird im Wald, tauchen auf der Piste, die zum „Brandherd“ führt, zuerst geländegängige Motorräder auf, die einem mittelgroßen Traktor den Weg weisen. Der hat auf seinem Anhänger ein 12.000-Liter-Güllefass. Dahinter ein Polizeiwagen. Dahinter ein sehr großer Traktor. Der hat auf seinem Anhänger ein 18.000-Liter-Güllefass. Eine urige Szenerie im Scheinwerferlicht. Wenn die Güllefässer im Brandbekämpfungseinsatz sind, sind sie mit Wasser gefüllt. Und 30.000 Liter auf einen Schlag, das hilft dann schon. „Wir haben schon seit längerer Zeit Verträge mit Landwirten geschlossen, die uns auf diese Art im Notfall helfen können“, erläutern Ralf Stuhlberg, stellvertretender Brand- und Katastrophenschutzinspekteur, und Thomas Nett, technischer Einsatzleiter. Dieses Thema habe man im Übrigen schon vor 2022, dem Brand am Hambacher Schloss, in trockene Tücher gebracht.

Die Waldbrandgefahr wird auch in Neustadt nicht geringer, das wissen Feuerwehr und Naturschutzexperten seit mehreren Jahren; die nachweisbar größere Hitzeentwicklung sei purer Stress für die Bäume und mache sie anfälliger. Umso schockierender, so die Mahnung der Experten, was nicht nur Feuerwehrleuten, sondern auch jedem Wanderer begegnen könne: Mitmenschen, die entgegen strikter Verbote im Wald rauchen oder Lagerfeuerchen machen.

Timo Arnheiter von der Feuerwehr Gimmeldigen trainiert bei der Großübung im Pfälzerwald einen Löschangriff.
Timo Arnheiter von der Feuerwehr Gimmeldigen trainiert bei der Großübung im Pfälzerwald einen Löschangriff.
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