Neustadt Digitale Nachbarschaft: Wie sich Dörfer auf Whatsapp vernetzen

Zwischen 50 und 60 Millionen Deutsche nutzen Whatsapp. Damit ist der Messengerdienst, der zum Meta-Konzern von Mark Zuckerberg g
Zwischen 50 und 60 Millionen Deutsche nutzen Whatsapp. Damit ist der Messengerdienst, der zum Meta-Konzern von Mark Zuckerberg gehört, der beliebteste hierzulande.

Helferaufrufe, vermisste Haustiere oder Konzert-Tipp: In vier Neustadter Weindörfern vernetzen sich Bürger über Whatsapp. Was das für Dorfleben und Miteinander bedeutet.

Einfach und schnell mit dem Smartphone Nachrichten, Fotos und Videos austauschen: Dafür nutzen zwei Milliarden Menschen weltweit den Messengerdienst Whatsapp. Über die Handynummer wird ein Account erstellt, sodass zwei ganz privat oder in Gruppen miteinander kommunizieren können.

Neben privaten Gruppen, wie sie heute wohl viele Familien nutzen, um in Kontakt zu bleiben, gibt es zwei Informationsmöglichkeiten: Zum einen Kanäle, in denen nur die Betreiber Beiträge veröffentlichen und unbegrenzt viele Nutzer mitlesen können, ohne dass ihre Profilinformationen und Reaktionen per Emoji für andere Abonnenten sichtbar sind. Nachrichten werden nach 30 Tagen gelöscht. Zum anderen gibt es „Communities“, also themenbasierte Plattformen, die mehrere Whatsapp-Gruppen unter einem Dach bündeln, um Informationen, Meinungen und Inhalte auszutauschen – alle können hier posten. Es gibt auch die Möglichkeit zum privaten Austausch per Nachricht zwischen Gruppenmitgliedern. Es dient also mehr zur Verwaltung und Organisation von Gruppen mit maximal 5000 Personen, die ein gemeinsames Interesse haben.

In vier von neun der Neustadter Weindörfer ist man schon über Whatsapp verbunden. Indem man den nebenstehenden QR-Code scannt, kann man direkt mitmachen. Die RHEINPFALZ hat diejenigen gefragt, die sich ums vernetzte Dorf kümmern: Wie kam man auf Whatsapp? Um was geht’s inhaltlich? Und was ändert der digitale Kontakt zwischen Nachbarn in der Gemeinschaft?

Dorffunk Lachen-Speyerdorf

725 Menschen folgen dem im März 2025 gegründeten Kanal „Dorffunk Lachen-Speyerdorf“, in dem Ortsvorsteherin Fabienne Gerau-Frisch Interessantes aus dem 5500-Einwohner-Ort veröffentlicht. Dazu gehören Informationen von Vereinen, zu Veranstaltungen, aus dem Ortsbeirat oder aktuelle Hinweise, etwa zu amtlichen Warnungen, Bauarbeiten und Sperrungen. „Whatsapp ermöglicht einen einfachen Informationsfluss, den fast jeden erreicht, der ein Handy hat. Wenn die Leute schnell wissen, was los ist, sind sie beruhigter, und es verbreiten sich weniger Falschnachrichten über soziale Medien.“ Ihr Vorbild sei der Haßlocher Bürgermeister Tobias Meyer, der bei Bränden auch schon Videos veröffentlicht hat, um zu informieren.

Gerau-Frisch erklärt im Kanal außerdem Hintergründe zu Projekten im Dorf oder postet Bilder vom Musikverein auf der Duttweilerer Kerwe. „Ich will zeigen, wo wir überall aktiv sind und was Positives bei uns passiert – oft unterhalb des Radars der Bürger.“ Da bei ihr als Ortsvorsteherin eh schon viele Informationen zusammenlaufen, sei der Mehraufwand nicht groß – die Effekte aber schon. Es seien zum Beispiel nun öfter mehrere Besucher bei den Ortsbeiratssitzungen, um sich selbst ein Bild zu machen. Wer Informationen teilen will, kann ihr über eine private Whatsapp-Nachricht schreiben. Das Angebot komme gut an.

#unserlebenammittelpunkt

Auf die Idee, einen Whatsapp-Kanal für Diedesfeld zu erstellen, kam Christina Valnion im März 2025. Als der Wochenmarkt „Diddesfelder Dunnerschtach“ Geburtstag feierte, teilte sie die frohe Kunde in ihrem privaten Whatsapp-Status. „Das wurde direkt von zwölf anderen geteilt“, erzählt Valnion. „Da wurde mir klar: Die Leute wünschen sich digitale Information, und sie lässt sich über den Messengerdienst schnell verbreiten.“ Der Name erschließe sich aus der Lage am Mittelpunkt der Deutschen Weinstraße, aber steht laut der Gründerin auch für das Dorf als Lebensmittelpunkt der Einwohner. 303 der knapp 2300 Diedesfelder haben den Kanal bereits abonniert – wobei sich ebenso zwei, drei Auswärtige für die Hinweise interessieren. „Viele Junge sind dabei, aber auch die Älteren nutzen mittlerweile Whatsapp, um in Kontakt zu bleiben“, weiß Valnion.

Ein Kanal sei auf Whatsapp übersichtlicher als eine Gruppe, weil nicht jeder Beiträge veröffentlichen kann. „Keiner will von zu vielen Informationen zugespammt werden.“ Infos kann jeder über die E-Mail-Adresse ov-diedesfeld@neustadt.eu einreichen, „oder jemand erzählt mir Neuigkeiten, wenn wir uns im Dorf treffen“, sagt Valnion, „die Gruppe lebt vom Mitmachen.“ Veröffentlicht werden unter anderem Hinweise zu Veranstaltungen, zu unregelmäßiger Müllabholung oder aktuellem Dorfgeschehen, wenn beispielsweise ein Marktstand ausfällt.

Der Kanal könne ein echtes Gespräch mit dem Nachbarn nicht ersetzen, aber sei eine Ergänzung, „die in die Zeit passt“: „Schaukästen und Zettel im Briefkasten sprechen die junge Generation nicht mehr an. Die meisten haben wenig Zeit im Alltag, aufs Handy schaut aber jeder.“ Der Datenschutz sei in einem Kanal, in dem Telefonnummern nicht sichtbar sind, sofern man den Kontakt nicht selbst eingespeichert hat, besser als in Gruppen.

Duttweiler Er/Leben

Seit Dezember 2024 informiert die Community „Duttweiler Er/Leben“ über Whatsapp. 155 „bunt gemischte Mitglieder“ aus dem 1000-Seelen-Dorf lesen laut Sylvia Ey, die mit Rainer Bossert die Inhalte einpflegt, mit. Es geht in den Untergruppen um Veranstaltungen, Ankündigungen, Gebote/Gesuche und das Milchhaisel, aber auch um Dorfinternes wie Müllabholung, Sperrungen und entlaufene Hunde. „Das läuft über Whatsapp schneller und mobil und funktioniert nicht nur bei den Jungen gut, die viel arbeiten, sondern auch bei den Älteren, die es praktisch finden“, erklärt Ey, die auch im Vorstand von Duttweiler Cuvée sitzt und mit Vereinen und Bürgern nach eigenen Aussagen sehr gut vernetzt ist.

Am Rheinland-Pfalz-Tag waren die Duttweilerer kurzzeitig verunsichert wegen der Sirenen der Ortsrufanlage, erzählt Ey beispielhaft. „Die Ursache lies sich über die Community schnell auflösen. Sowas verbreitet sich dann per Mundpropaganda überall. Auch für die Kerwe haben wir darüber schnell fehlende Helfer gefunden, eine tolle Sache. Wir haben positive Rückmeldung bekommen.“

Nicht nur Einheimische, sondern auch alle anderen Interessierten seien willkommen. „Man kann die Benachrichtigungen auch stumm schalten, wenn man nicht genervt werden will“, weist Ey auf individuelle Einstellungen hin. Der Name der Gruppe spielt übrigens auf das Projekt Duttweiler erleben vom Verein Duttweiler Cuvée an, bei dem man über QR-Codes Videos zur Geschichte des Weindorfs abrufen kann.

Goisemer Nachbarschaft

In Geinsheim hatten verschiedene Aktive und Vereine einzelne Gruppen, in denen sich Informationen aber oft doppelt und dreifach verbreitet haben, zum Beispiel, wenn es um Veranstaltungen geht. Viele wünschten sich eine Plattform für alle, die sich für Geinsheim interessieren und einsetzen. Der zugezogene Sascha Dal Pra gründete im August 2024 schließlich die Whatsapp-Community „Goisemer Nachbarschaft“. „Ich hatte einen Hasen bei mir im Garten und wollte den Besitzer ausfindig machen. Das war damals dann auch der erste Beitrag“, erzählt er.

204 Mitglieder in sieben Untergruppen gibt es mittlerweile, die über Chat oder auch Sprachanrufe in Konferenz in den Austausch gehen. Jeder kann Dinge veröffentlichen: „Die Community ist so flexibler und arbeitet quasi von allein, um Menschen zusammenzubringen“, nennt Monika Kucera, die neben Dal Pra als Admin auftritt, als Vorteil. „Die Gruppen bleiben trotzdem autark“, betont Dal Pra. Es gehe vorrangig um Information und Absprachen, Veranstaltungen, eine Tauschbörse, den geplanten Bewegungspark, Hunde in Geinsheim und vermisste oder gesuchte Dinge. Zudem gibt es eine geschlossene Gruppe der Vereinsvorstände, sodass „sichtbar wird, dass man im Austausch ist und Infos selbst bei Wechseln schnell weitergeben kann“, erklärt Kucera.

Diskussionen uferten fast nie aus. Klar rege sich auch mal jemand über einen Hundehaufen auf, „aber wir haben bisher nur einmal wegen eines öffentlichen Konflikts eingreifen müssen“, sagt die Admin. Das habe sich dann schnell im Hintergrund klären lassen. „Man kennt sich ja eigentlich.“ Damit das so bleibt, veröffentlicht man keine große Werbung für die Gruppe – wer Interesse hat, kann sich für den Zugang an die Ortsverwaltung wenden. „Wenn wir dabei bleiben, den Zugang nur von Mensch zu Mensch weiterzugeben, kommen wir nicht in Zustände, wie wir sie in Facebook-Gruppen sehen, wo es schnell aus dem Ruder läuft“, begründet Kucera das Vorgehen.

x