Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bundestagswahlkreis 208: Mehr Spannung geht kaum

Der Sekt musste lange warten: Johannes Steiniger.
Der Sekt musste lange warten: Johannes Steiniger.

Johannes Steiniger (CDU) bleibt Bundestagsabgeordneter. Der 34-Jährige muss aber am Wahlabend lange zittern. Am Ende gewinnt er das Direktmandat mit einem Vorsprung von 3612 Stimmen vor Isabel Mackensen-Geis (SPD).

Was für ein Wahlabend. Viereinhalb Stunden lang liefern sich Isabel Mackensen-Geis (SPD) und Johannes Steiniger (CDU) ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Direktmandat im Wahlkreis Neustadt-Speyer. Dabei machen es beide spannender als die Parteien in den Hochrechnungen auf Bundesebene. Erst führt Mackensen-Geis. Dann kommt kurz nach 20 Uhr die Trendwende. Als 192 von 265 Wahlbezirken ausgezählt sind, schiebt sich Steiniger um 36 Stimmen vor, knapp eine Dreiviertelstunde später bei 226 Wahlbezirken sind es rund 1300 Stimmen. Am Ende sind es 3612 Kreuzchen mehr, die ihm nach acht Jahren im Bundestag ein weiteres Mandat für vier Jahre sichern.

Steiniger hatte es im Gefühl

„Das war aufregend. Man traut sich lange nicht, sich zu freuen“, sagt der Wahlgewinner, der den ganzen Abend gebannt mit Freunden auf die Internetseiten des Landeswahlleiters gestarrt hat. Dass es knapp werden würde, habe er aber im Gefühl gehabt: „Ich habe die politische Stimmung bei meinen rund 4000 Haustürgesprächen sehr genau mitbekommen.“ Da er aber sechs Prozentpunkte mehr Erststimmen habe einfahren können als die CDU im Wahlkreis an Zweitstimmen bekam, sei er sehr zufrieden. „Das war dann wohl mein eigener Effekt.“ Das Wahlergebnis der CDU bezeichnet Steiniger als „desaströs“. Lange feiern will er nicht mehr: „Ich bin kaputt.“ Am Dienstag geht es nach Berlin, nachmittags ist Fraktionssitzung. Ein Ticket hat er aber noch nicht gebucht. „Da muss ich mich jetzt drum kümmern.“

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Kommentar

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Viel Freude bei Mackensen

Als eine „gute Bestätigung“ für ihre vergangenen zwei Jahre im Bundestag wertet Isabel Mackensen-Geis ihr Ergebnis. Es sei eine „große Freude“ gewesen, dass sie so lange vorne gelegen habe. Während des Abends habe sie ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Jedoch habe es sich ausgezahlt, im Wahlkampf überall präsent gewesen zu sein. Außerdem habe die SPD in vielen ehemaligen CDU-Regionen kräftig zugelegt. Sehr gefreut habe sie sich über die Ergebnisse in Speyer, Schifferstadt, Leiningerland oder Esthal. „Vor vier Jahren waren einzelne Orte rot, jetzt sind es ganze Verbandsgemeinden“, so die 34-Jährige, die vor zwei Jahren als Nachrückerin in den Bundestag eingezogen war.

Den Abend verbringt Mackensen-Geis in ihrem Wahlkreisbüro in Neustadt mit vielen Wahlkampfhelfern. Allerdings will sie sich noch nicht darauf festlegen, den Sprung nach Berlin über die Landesliste geschafft zu haben: Das hänge auch von den Direktmandaten ab. „Es wird noch ein langer Abend.“

Grüne nicht über Liste

Hannah Heller (Grüne) ist enttäuscht: Auf Bundesebene sei das Ergebnis der Grünen wohl nicht ausreichend, „um konsequent Klimaschutz umsetzen zu können in der nächsten Regierung“. Auf Landesebene sei es zu schwach, um sie selbst über Listenplatz sieben ins Parlament einziehen zu lassen. Vor der Wahl hatte sie sich hoffnungsfroh gezeigt, dass es reichen könnte. Sie könne persönlich damit leben, weil sie genügend andere Projekte habe – vom Abschluss ihrer Promotion bis zur im November bevorstehenden Geburt ihres zweiten Kindes, so die 31-Jährige. „Gesellschaftlich gibt mir dieses Ergebnis aber sehr zu denken.“

Heller spricht sich für eine Regierungsbeteiligung der Grünen vorrangig an der Seite der SPD aus: „Lieber soziale Gerechtigkeit als Steuersenkungen für Reiche.“ Spitzenkandidatin Annalena Baerbock mache sie keinen Vorwurf, betont Heller. Sie habe kleinere Fehler gemacht, sei aber letztlich wie die gesamte Partei Opfer einer „platten Stimmungsmache“ unter anderem in den sozialen Medien geworden. „Die Gegenseite hat leider stark gegen uns mobilisiert.“

AfD-Mann freut sich

Ziemlich zufrieden hat AfD-Bewerber Thomas Stephan den Wahlabend im Haßlocher Rathaus verfolgt. Mit seinem zweistelligen Erststimmenergebnis im Wahlkreis sei er „sehr zufrieden“. Vor allem habe er sich über die 15,7 Prozent in seinem Heimatort Haßloch gefreut: „Das zeigt, dass es sich bezahlt macht, wenn man vor Ort vernünftige Politik macht.“ Auch mit dem AfD-Zweitstimmenergebnis könne er gut leben, so Stephan. „13 Prozent wären super gewesen, einstellig wäre schlimm gewesen, und jetzt liegen wir genau mittendrin.“ Seiner Meinung nach ist das zweistellige AfD-Ergebnis „eine Bestätigung für das, was wir machen“. Als bemerkenswert stuft Stephan das enge Rennen ums Direktmandat zwischen Steiniger und Mackensen-Geis ein. Sein Fazit: „Ich kann gut schlafen.“

FDP-Kandidatin lange wach

Dass es für Bianca Hofmann (FDP) im Wahlkreis Neustadt-Speyer am Sonntagabend mit dem Direktmandat für den Bundestag nicht geklappt hat, „war keine große Überraschung“, sagt die 54-Jährige am Rande einer Wahlparty der Liberalen im Tennisclub Speyer. Schon im Vorfeld war die Betriebswirtschaftlerin mit realistischen Erwartungen in den Wahlabend gegangen und hatte sich angesichts der starken Konkurrenten von CDU und SPD eher Chancen über ihren guten Listenplatz sechs ausgerechnet. Ob sie darüber das Ticket nach Berlin lösen kann, ist am Sonntagabend aber noch in der Schwebe: „Ich bleibe heute länger wach, es kommt noch darauf an, wie viel Prozentpunkte wir erreichen.“

Entmutigt fühlt sich Hofmann nach eigener Aussage nicht. „Mit meinem Ergebnis im Wahlkreis bin ich zufrieden, der Wahlkampf und der Wahlabend waren spannend. Ob es letztlich für ein Mandat reicht, ist egal.“ Eins steht für Hofmann jedenfalls schon fest: „Ich höre morgen nicht auf mit Politik.“ Mit Blick auf Koalitionen im Bundestag, bei denen ihre Partei möglicherweise das Zünglein an der Waage sein wird, will sich Hofmann noch nicht festlegen. „Jamaika oder Ampel – da kann ich keine Aussage zu treffen.“

Link-Bewerber hadert

Zerknirscht ist am Sonntagabend Linken-Direktkandidat Stefan Huber-Aydemir. Das Neustadter Stadtratsmitglied hadert mit der Verschlechterung der Wahlergebnisse im Vergleich zum Urnengang vor vier Jahren. Er habe speziell in seiner Heimatstadt auf einen Stimmenanteil von 3,3 Prozent gehofft, das mit 2,8 Prozent aber knapp verpasst. „Kein gutes Ergebnis, kein schöner Abend“, so sein Kommentar. Dass seine Partei außerdem bundesweit an der „Fünf-Prozent-Hürde knabberte“ und nach Verlusten sogar um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen musste, „ist brutal“. Dass eine rot-rot-grüne Regierung nicht möglich ist, bedauert der Neustadter: „Für Deutschland wäre das gut gewesen.“ Die Linkspartei habe letztlich darunter gelitten, dass im Wahlkampfendspurt „fast ausschließlich die Kanzlerfrage zählte, da war es schwierig für kleine Parteien“.

Freut sich über ihr Ergebnis: Isabel Mackensen-Geis (SPD).
Freut sich über ihr Ergebnis: Isabel Mackensen-Geis (SPD).
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