Ludwigshafen
Zwei BASF-Unglücke innerhalb kurzer Zeit
Der 28. Juli 1948 ist ein Mittwoch. Es ist ein heißer Sommertag. Das Thermometer zeigt in Ludwigshafen fast 40 Grad an. Um 15.43 Uhr erschüttern gewaltige Explosionen die Stadt und versetzen ihre Einwohner in Angst und Schrecken. Kilometerweit ist ein Knall zu hören. Ein riesiger Rauchpilz steigt über der BASF in den Himmel. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Im Chemiewerk hat sich die schwerste Katastrophe der Nachkriegszeit ereignet. Ein Kesselwagen mit rund 30 Tonnen Dimethylether ist explodiert. Der Wagen stand seit 5.45 Uhr auf einem Gleis im Werksteil Süd in der Sonne, nicht weit vom Hauptverwaltungsgebäude entfernt. Das Unglück fordert 207 Tote und über 3800 Verletzte.
In Sekundenschnelle liegen weite Teile des Werks in Schutt und Asche. In den angrenzenden Stadtteilen Friesenheim und Hemshof brechen Häuser durch die Druckwellen zusammen. Im restlichen Stadtgebiet und auch in Mannheim zerbersten Scheiben, werden Türen aus ihren Rahmen gerissen. Helfern und Rettungsmannschaften, die von überall her an den Unglücksort eilen, bietet sich ein Bild des Grauens: Rauchwolken, lodernde Feuer, Trümmer – dazwischen Tote und Verletzte.
7000 Häuser beschädigt
Eine internationale Untersuchungskommission kommt später zu dem Schluss, dass mehrere Umstände zur Katastrophe geführt haben: Das Volumen des Kesselwagens war geringer, als auf dem amtlichen Schild angegeben. Deshalb wurde der Kesselwagen vermutlich über seine Kapazität gefüllt. Eine Schweißnaht war nicht ganz dicht. Nach zehn Stunden in der Hitze verflüchtigte sich das hochentzündliche Gas durch einen Riss, mischte sich mit der Luft und explodierte. Der Kesselwagen stürzte um, noch mehr Gas wurde freigesetzt, das sich entzündete und mit großer Wucht explodierte.
Der Sachschaden wird später auf etwa 80 Millionen Mark beziffert (heute etwa 200 Millionen Euro). Über 7000 Gebäude außerhalb des Werks sind beschädigt. Das Unglück hat die vom Krieg ohnehin schwer gezeichnete Stadt hart getroffen. In der ganzen Welt wird über die Katastrophe berichtet – sogar in Australien. Mehrere Zehntausend Ludwigshafener verabschieden sich am 2. August 1948 bei einem Staatsakt auf dem Marktplatz (heute Klüberplatz) und einer Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof von den Opfern. Die Gebeine der meisten Toten finden dort auf einem Ehrenfeld ihre letzte Ruhestätte. Dort erinnern an den Jahrestagen des Unglücks Stadtspitze und BASF-Vorstand an die Opfer und legen Kränze nieder. Wie jetzt zum 75. Jahrestag auch.
Strenge Zensur
Nahezu in Vergessenheit geraten ist hingegen die Katastrophe vom 29. Juli 1943, die ein ähnliches Ausmaß an Zerstörung hinterließ. Allerdings war die Opferzahl geringer: Nach Angaben der BASF starben 64 Menschen und rund 500 wurden verletzt. Auch hier waren die Sachschäden enorm. Die Behörden dachten zunächst an einen Sabotageakt – schließlich ereignete sich das Unglück mitten im Zweiten Weltkrieg.
Die BASF – damals Teil der IG Farben – produzierte kriegswichtige Güter. Der undichte Kesselwagen war mit Butadien gefüllt, einem Ausgangsstoff für die Buna-Synthese, eines künstlich hergestellten Kautschuks, der unter anderem für die Reifen von Wehrmacht-Fahrzeugen benötigt wurde. Das NS-Regime verhängte eine strenge Geheimhaltung. Über das Unglück im Chemiewerk durften Medien nicht berichten. „Die Folge war, dass sehr wenig über das Unglück bekannt wurde. Kurz darauf begannen die schweren Luftangriffe auf Ludwigshafen, die das Leid durch die Explosion in den Hintergrund treten ließen“, sagt BASF-Unternehmenshistorikerin Susan Becker, die sich intensiv mit den beiden Unglücken 1943 und 1948 beschäftigt hat.
Viele Parallelen
„Es gibt viele Parallelen bei den beiden Unglücken“, sagt Becker. Beide Katastrophen ereigneten sich an ungewöhnlich heißen Sommertagen. In beiden Fälle platzen die Behälter der Kesselwagen auf, das Gas im Innern entwich, vermischte sich mit der Luft und entzündete sich dann. Beide Unglücksorte lagen nicht weit voneinander im Süden des Werks.
Eine Namenliste der Todesopfer von 1943 zu erstellen, war für die BASF-Historikerin nicht einfach: „In den Archiven findet sich wenig zur Explosion. Der Rekonstruktion der Opferliste war absolute Detektivarbeit.“ Warum sich die BASF jetzt nach 80 Jahren noch die Mühe gemacht hat? „Wir wollen den Opfern Respekt zollen – es waren auch Zwangsarbeiter darunter“, sagt Becker. Bei 14 der insgesamt 17 toten Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen habe die Identität geklärt werden können: Es handelte sich um Russen, Franzosen, Ukrainer, Belgier und Holländer. Für die regulären Aniliner gab es eine Trauerfeier und ein Ehrenfeld auf einem Friedhof. Warum die Explosion weniger Todesopfer forderte als das Unglück fünf Jahre später, dafür gebe es keine Erklärung. „Die totale Zerstörung in einem Radius von etwa 200 Metern war gleich“, sagt Becker.