Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel BASF-Katastrophe 1948: Explosion tötet 207 Menschen

Teile des Werks liegen in Trümmern: Die Aufräumarbeiten dauerten ein Jahr.
Teile des Werks liegen in Trümmern: Die Aufräumarbeiten dauerten ein Jahr.

Im Juli 1948 ereignet sich eine Explosionskatastrophe im Ludwigshafener BASF-Werk. Ein mit Gas beladener Kesselwagen explodiert. Bei dem bisher schwersten Industrieunglück der Nachkriegszeit sterben 207 Menschen, über 3800 werden verletzt. Die Erinnerungen an die Katastrophe sind auch Jahrzehnte später lebendig.

Es herrscht Gluthitze am 28. Juli 1948 in Ludwigshafen. Das Thermometer zeigt an jenem Mittwoch fast 40 Grad Celsius an. Im Willersinnweiher suchen Schüler Abkühlung im Wasser. Einer der Badenden ist Roland Koch, damals 14 Jahre alt. Um 15.43 Uhr erschüttern gewaltige Explosionen die Stadt. „Wir sind sofort nach Hause gerannt“, erinnerte sich Koch am 70. Jahrestag der Katastrophe. Er wohnte mit seiner Familie in der Anilinstraße im Hemshof gegenüber vom Werk. „Die Anilin, das war unsere Fabrik“, sagte er. Sein Großvater, Vater und Bruder arbeiteten dort.

Der Knall der ersten Explosion ist kilometerweit zu hören. Ein riesiger Rauchpilz steigt über der BASF in den Himmel. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Im Chemiewerk hat sich die schwerste Katastrophe der Nachkriegszeit ereignet. Ein Kesselwagen mit rund 30 Tonnen Dimethylether ist explodiert.

Defekter Kesselwagen steht Stunden in Gluthitze

Der Wagen stand seit 5.45 Uhr auf einem Gleis im Werksteil Süd nicht weit vom Hauptverwaltungsgebäude entfernt. Eine internationale Untersuchungskommission kommt später zu dem Schluss, dass mehrere Umstände zur Katastrophe geführt haben: Das Volumen des Kesselwagens war geringer, als auf dem amtlichen Schild angegeben. Deshalb wurde der Kesselwagen vermutlich über seine Kapazität gefüllt. Eine Schweißnaht war nicht ganz dicht. Nach zehn Stunden in der Sommerhitze verflüchtigte sich das hochentzündliche Gas durch einen Riss, mischte sich mit der Luft und explodierte. Der Kesselwagen stürzte um, weiteres Gas wurde freigesetzt, das sich entzündete und ebenfalls explodierte.

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Schutt und Asche nach der Explosion.
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Das Ausmaß der Zerstörung von Tor eins aus betrachtet.
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Explosionswolke von oben.
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Angehörige vor Vermisstenlisten.
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Die Aufräumarbeiten dauerten ein Jahr.
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Ein Sarg wird vom Unfallort getragen.
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207 Tote wurden betrauert.
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Über 3800 Menschen wurden bei der Explosion verletzt.
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In Sekundenschnelle liegen weite Teile des Werks in Schutt und Asche. In den angrenzenden Stadtteilen Friesenheim und Hemshof brechen Häuser durch die Druckwellen zusammen. Im restlichen Stadtgebiet und auch in Mannheim zerbersten Scheiben, werden Türen aus ihren Rahmen gerissen. Helfern und Rettungsmannschaften, die von überall her an den Unglücksort eilen, bietet sich ein Bild des Grauens: Rauchwolken, lodernde Feuer, Trümmer – dazwischen Tote und Verletzte, die schreien oder blutüberströmt umherwanken.

„Es herrschte Chaos“, erinnerte sich Zeitzeuge Gerd Hasslinger, damals 20-jähriger Polizist in Ludwigshafen, am 65. Jahrestag der Katastrophe. „Es war schwer zu helfen, da anfangs immer noch kleinere Explosionen erfolgten. Viele Opfer waren verschüttet oder eingeklemmt“, berichtete der Zeitzeuge. Der Kesselwagen sei aufgerissen gewesen, die Stahlwände geborsten. Viele Gebäude waren einfach verschwunden. Leichen wurden in eine Fabrikhalle in den Hemshof gebracht, notdürftig abgedeckt, die meisten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, berichtete der Polizist.

„Ich habe die Frauen gesehen, die in den Büros arbeiteten und von den Glassplittern der Fenster getroffen wurden. Sie bluteten und schrien“, erinnerte sich Roland Koch. „Sagt meinen Eltern, dass ich lebe“, habe eine Frau gerufen, die mit anderen auf einem Lastwagen abtransportiert wurde. Kochs Vater war auch verletzt. Der Junge sah die amerikanische Pioniereinheit, die mit schwerem Gerät von Mannheim über die Behelfsbrücke anrückte, um zu helfen. „Die Franzosen wollten sie anhalten, aber die sind einfach durchgefahren“, erzählte er. Der Einsatz der Amerikaner hat ihn beeindruckt. „Es war unglaublich, was die dort gearbeitet haben.“

1000 Feuerwehrleute sind im Einsatz

Am Unglückstag sind rund 1000 Feuerwehrleute aus der Region im Einsatz. Französische und amerikanische Besatzungstruppen helfen mit. Historische Aufnahmen zeigen Bürger, die mit Schaufeln zum Werksgelände gelaufen sind. Ein Amerikaner verhinderte womöglich noch Schlimmeres: Sergeant William McKee setzt sich kurzentschlossen in einen Raupenschlepper und zieht weitere Waggons aus der Gefahrenzone. Auf dem Werksgelände werden provisorische Verbandsplätze eingerichtet. Die Krankenhäuser sind schnell überfüllt. Angehörige von Anilinern kommen zum Werk, suchen nach ihren Verwandten.

Erst im Laufe der nächsten Tage offenbart sich das ganze Ausmaß der Katastrophe: 207 Menschen sind umgekommen – darunter auch Anwohner und Passanten. Von einigen Opfern findet man nur noch Leichenteile oder gar nichts mehr. 3818 Verletzte werden registriert, darunter 500 Schwerverletzte. Etwa ein Fünftel der Verwundeten hat sich außerhalb des Werks befunden. Der Sachschaden wird später auf etwa 80 Millionen Mark beziffert (heute etwa 200 Millionen Euro). Über 7000 Gebäude außerhalb des Werks sind beschädigt. Das Unglück hat die vom Krieg ohnehin schwer gezeichnete Stadt hart getroffen. In der ganzen Welt wird über die Katastrophe berichtet – sogar in Australien.

Zeitzeuge wird in der BASF Personal- und Aufsichtsrat

Mehrere Zehntausend Ludwigshafener verabschieden sich am 2. August 1948 bei einem Staatsakt auf dem Marktplatz (heute Klüberplatz) und einer Trauerfeier auf dem Hauptfriedhof von den Opfern. Die Gebeine der meisten Toten finden dort auf einem Ehrenfeld ihre letzte Ruhestätte. Dort erinnern an den Jahrestagen des Unglücks Stadtspitze und BASF-Vorstand an die Opfer und legen Kränze nieder. Auch Zeitzeugen sind dabei – doch es werden immer weniger.

Roland Koch ist der Familientradition folgend Aniliner geworden. Drei Monate nach der Katastrophe trat er als Jugendlicher ins Unternehmen ein. Er setzte sich für Rechte und Sicherheit der Arbeitnehmer ein, wurde Personal- und Aufsichtsrat. 45 Jahre hat er in „seiner Anilin“ gearbeitet.

Die Kesselwagen-Explosion von 1948 ist das zweitgrößte BASF-Unglück nach der Explosion eines Düngemittelsilos im Oppauer Werk im September 1921, das bis heute als schlimmste Katastrophe der deutschen Industriegeschichte gilt. Damals starben 561 Menschen.

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