Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Zwangsarbeit in Ludwigshafen: Ein 102-jähriger Zeitzeuge aus Marseille erinnert sich

Der ehemalige Zwangsarbeiter der IG Farben auf der Feier seines 102. Geburtstags in Marseille. Die aus Hamburg stammende Autorin
Der ehemalige Zwangsarbeiter der IG Farben auf der Feier seines 102. Geburtstags in Marseille. Die aus Hamburg stammende Autorin und Historikerin Raluca Pora hat ihn dort kennengelernt.

Jahrzehntelang hat Albert Corrieri nicht über seine Zeit als Zwangsarbeiter in Ludwigshafen gesprochen. Dass der damals junge Franzose sein 25-monatiges Zwangsexil als Arbeiter im Dienst des Deutschen Reichs überhaupt überlebt hat, war reines Glück. Warum er heute dennoch glücklich ist und gerne noch einmal in die Stadt zurückkehren möchte.

Wünsche zu erfüllen, gehört nicht zu den Aufgaben von unabhängig berichtenden Journalisten – und doch gibt es Momente, in denen auch wir sofort sagen: Na klar, das machen wir möglich. Zum Beispiel, wenn in der Redaktion eine E-Mail eingeht, in der steht: „Ich glaube, dass Albert Corrieri sich unglaublich über eine Karte oder einen Gruß aus Ludwigshafen freuen würde.“ Erhalten haben wir diese Nachricht von der aus Hamburg stammenden und jetzt in Marseille lebenden Autorin und Historikerin Raluca Pora. Die Frage „Wer ist Albert Corrieri?“ ließ sie natürlich nicht unbeantwortet: „Er ist 102 Jahre alt und war Zwangsarbeiter bei der IG Farben in Ludwigshafen. Seitdem ich ihn in Marseille kennengelernt habe, besuche ich ihn regelmäßig. Er ist unglaublich fit und würde am liebsten noch einmal nach Ludwigshafen kommen – eine wichtige Stadt für ihn, die er trotz der vielen Bombenhagel und des Elends doch tief in sein Herz geschlossen hat.“

Wenn ein Zeitungsbericht also als Gruß zählt, dann möchten wir an dieser Stelle gerne die Geschichte von Albert Corrieri erzählen – so, wie sie Raluca Pora übersetzt und berichtet hat.

Deportiert aus Marseille

Als Sohn der Hosenmacherin Olga Catani und des Maurers Enzio Corrieri erlebte Albert Corrieri in Marseille eine friedliche Kindheit. Doch Anfang der 1940er-Jahre verschlechterten sich die Lebensbedingungen aufgrund der zahlreichen deutschen Repressalien – und viele Familien begannen Hunger zu leiden. Albert Corrieri arbeitete damals als Gehilfe in einem Restaurant, um für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen. Weitere Monate später seien deutsche Truppen in der Südzone eingetroffen, und Heinrich Himmler ordnete die Zerstörung des alten Marseiller Arbeiterviertels, dem heutigen „Le Panier“, an.

„Albert Corrieri wurde so Zeuge der Razzia am 23. Januar 1943, bei der zahlreiche Juden und Roma rund um den Vieux Port auf Befehl der französischen Polizei verhaftet und an die deutsche Besatzung übergeben wurden“, berichtet Raluca Pora. Die meisten von ihnen seien damals deportiert worden. „Albert Corrieri sah die Menschen mit ihren Bündeln durch die Straßen ziehen und ahnte damals noch nicht, dass er ein paar Wochen später ebenso von deutschen Soldaten aufgefordert werden würde, in einen Zug nach Deutschland zu steigen“, übersetzt die 47-jährige Historikerin.

Albert Corrieri mit dem Personal des Restaurants „La Daurade“ in Marseille kurz vor der Deportation 1943.
Albert Corrieri mit dem Personal des Restaurants »La Daurade« in Marseille kurz vor der Deportation 1943.

Es sei der 13. März 1943 gewesen – „Albert schälte gerade in dem Restaurant ,La Daurade’ am Vieux Port das Gemüse“ – als ihm der französische Personalausweis abgenommen wurde. Corrieri erhielt den Befehl, seine Sachen zu packen und sich zum Bahnhof St. Charles zu begeben – um dann dem Deutschen Reich als Arbeiter zu dienen. „Es war kurz vor seinem 21. Geburtstag, als Corrieri von Marseille nach Ludwigshafen deportiert wurde“, erzählt Raluca Pora. Transportiert in einem Viehwaggon sowie flankiert von SS-Männern sei er von deutschen Kindern und Jugendlichen mit Steinen beworfen worden, als er in Ludwigshafen ankam.

Schläge und Erniedrigung

Der erste Auftrag des Franzosen im Dienste Nazi-Deutschlands habe darin bestanden, mit der Schaufel Kohle in Waggons zu füllen. Dann sei er offiziell den IG Farben-Fabriken zugeteilt worden. „Gearbeitet wurde immer“, habe Corrieri berichtet, sagt Raluca Pora. „Nur Personen, deren Körpertemperatur 40 Grad überstieg, hatten damals Zutritt zur Krankenstation. Die ausländischen Arbeiter wurden nach Lust und Laune der deutschen Wärter oder Soldaten, die nie zögerten, ihre Überlegenheit zu beweisen, geschlagen oder erniedrigt“, so die Aussage des heute 102-Jährigen.

Dass der damals junge Franzose die mehrfachen Bombenangriffe auf Ludwigshafen überlebte – etwa den britischen Großangriff am 5./6. September 1943, bei dem es sich um den verheerendsten Angriff des gesamten Kriegs in Ludwigshafen handelte – war reines Glück. Viele seiner Freunde habe er verloren. „Beinahe wäre Albert Corrieri damals der Arm amputiert worden“, erzählt Raluca Pora. „Und dennoch hat er bis heute sein strahlend freundliches Gesicht behalten“, sagt die Autorin, die den offenbar noch sehr rüstigen Senior in Marseille auf der Party zu seinem 102. Geburtstag kennenlernte. „Ja, Party“, betont die Hamburgerin, die selbst seit fünf Jahren in Marseille lebt. „Es gab nicht nur Vorträge und musikalische Einlagen, sondern anschließend auch Pastis, Wein und Chips. Und nach drei Stunden war Albert immer noch topfit und redselig.“

Flucht vor den Bomben

Albert Corrieri habe die schlimmen Bilder der toten Körper seiner Freunde, das Trauma, auf der Flucht vor den Bomben zu sein und zu wissen, dass die sicheren Bunker nicht für Zwangsarbeiter zugänglich sind, in ständiger Erinnerung behalten, sagt Pora, die sich von dem Franzosen seine noch vorhandenen Fotos von damals hat zeigen lassen. Erst vor ein paar Jahren und auf Drängen seiner Kinder, habe er überhaupt angefangen, über seine Geschichte zu sprechen – und die Bilder und Dokumente, die er noch hatte, zu einem Album zusammengestellt. „Albert hat aus Deutschland nie eine Entschädigung, eine Einladung, eine Karte oder ein freundliches Wort für sein 25-monatiges Zwangsexil erhalten“, erzählt Raluca Pora. „Vom französischen Staat, der sich zur Kollaboration mit den Deutschen, also als Mittäter, bekannt hat, erhielt er einmalig 350 Euro und die Anerkennung seines zerbombten Arms als Kriegsverletzung, ein Invaliditätszuschuss für seine Rente.“

Albert Corrieri (Zweiter von links, vordere Reihe) nach seiner schweren Verletzung vor der Krankenstation bei IG Farben mit Koll
Albert Corrieri (Zweiter von links, vordere Reihe) nach seiner schweren Verletzung vor der Krankenstation bei IG Farben mit Kollegen, Ärzten, Krankenschwestern und einem Pfarrer im Oktober 1943.

Und dennoch sei er unendlich glücklich darüber, dass sein Leben als Zwangsarbeiter bei der IG Farben nicht 1943 in den Bombenhageln in Ludwigshafen beendet wurde. „Er ist glücklich über seine Urenkel, über seine kleine Wohnung, die er sich in Marseille leisten kann und glücklich darüber, dass er sich stark machen kann, gegen das Vergessen und für eine bessere Welt.“

Zur Sache

Ungefähr 50.000 Zwangsarbeiter waren in Ludwigshafen während des Zweiten Weltkriegs im Einsatz. Sie ersetzten die deutschen Männer, die zum Militär eingezogen worden waren. Im damaligen IG Farben-Werk bestand die Belegschaft zeitweise zu einem Drittel aus Zwangsarbeitern. Viele dieser ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen, nach Berechnungen des Historikers Eginhard Scharf waren es über 1100, kamen bei den Bombardements Ludwigshafens ums Leben – weil sie keinen Zutritt zu Schutzbunkern hatten und den Angriffen der Alliierten schutzlos ausgeliefert waren. Nach dem Krieg stand 1947/48 im IG-Farben-Prozess auch der Ludwigshafener Werkleiter Carl Wurster vor Gericht – unter anderem wegen der Zwangsarbeiter. Er wurde freigesprochen. Ein Urteil das Folgen hatte: Der Ausländereinsatz wurde für rechtmäßig gehalten, das Unrecht wurde unter den Teppich gekehrt. Mit Entschädigungen für erlittenes Unrecht ließen sich der deutsche Staat und die Industrie bis zur Jahrtausendwende Zeit. Auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof erinnert ein 1950 angelegtes Feld an die Zwangsarbeiter. 596 Menschen sind dort bestattet. Die IG Farben, deren Geschichte geprägt ist von der engen Kooperation mit dem NS-Regime, entstand 1925 durch Fusion der damals acht führenden deutschen Chemieunternehmen, darunter auch die BASF.

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