Ludwigshafen
Welche Ziele die Bürgerinitiative Erfurter Ring hat
„Es geht nicht darum, generell Bebauung zu verhindern!“, betont Marie-Luise Krämer, als wir uns an diesem Nachmittag mit gebührendem Abstand im Erfurter Ring treffen. Die Pläne sollten lediglich so verändert werden, „dass sie zu diesem Ort passen“. Die Pläne, von denen Krämer spricht, sind die der GAG. Die Wohnungsbaugesellschaft möchte im Erfurter Ring 146 Sozialwohnungen in dreigeschossigem Bau plus Staffelgeschoss errichten. Schon als das Vorhaben im November im Ortsbeirat präsentiert wurde, gab es heftigen Gegenwind. Das Hauptargument der Gremienmitglieder damals: Der ohnehin schon hohe Parkdruck in dem Gebiet werde durch großen Zuzug weiter verstärkt. Für Marie-Luise Krämer und die anderen Mitstreiter der Bürgerinitiative Erfurter Ring ist das aber nur ein Argument von vielen.
Zufällig Vermessungen beobachtet
Die Geschichte der BI beginnt ebenfalls im November. An einem Mittag beobachteten Anwohner „zufällig Vermessungen“ auf der fraglichen Fläche, berichtet Krämer und zeigt auf das freie Feld gegenüber der als „Bauruine“ bekannt gewordenen Baustelle. Es war das erste Anzeichen dafür, dass hier etwas passiert. Die Anwohner wurden hellhörig, zwei von ihnen beschlossen, zur Ortsbeiratssitzung zu gehen. Nach der Sitzung ging alles ganz schnell. Die Infos zu den Plänen der GAG verbreiteten sich rasant. „Das war wie eine Lawine“, sagt Krämer. „Wir haben innerhalb von 24 Stunden eine Anwohnergruppe gegründet.“ Inzwischen gehören rund 50 Leute aus dem direkten Anwohnerkreis zur BI, weitere Sympathisanten aus ganz Ruchheim kämen dazu. In zehn Tagen habe man 540 Unterschriften gegen das Vorhaben gesammelt.
Mit dabei ist auch Wolfgang Bohrke, ebenfalls Anwohner, ebenfalls in der BI. Es gehe ihnen neben der Parkplatz-Problematik auch um die Frage, ob es eine ausreichende Infrastruktur, etwa Nahversorgung, für das Gebiet gebe, sagt er. Bohrke nennt außerdem das Thema Kita-Plätze. Durch die Neubauten im Erfurter Ring gebe es „ein Bevölkerungswachstum von zehn Prozent in ganz Ruchheim“, schätzt er. Denn während der Wohnungsbau der GAG noch in der Planung steckt, seien weitere Neubauten schon kurz vor der Fertigstellung. „Wir haben zwei Kindergärten, die sind voll. Auch die Grundschule platzt aus allen Nähten“, betont Bohrke.
Zweite BI im Stadtteil
Die BI Erfurter Ring ist nicht die erste Bürgerinitiative im knapp 6000 Einwohner zählenden Stadtteil. Bereits seit einigen Jahren gibt es die BI Lebenswertes Ruchheim, die sich gegen Gewerbe auf der Fläche „Nördlich A 650“ einsetzt. Beide Gruppen haben etwas gemeinsam: Sie sprechen sich gegen Flächenversiegelung aus. Bohrke sieht diese bei dem GAG-Bauprojekt durch die großen Wohnblöcke gegeben und fragt nach Ausgleichsflächen. Er verweist auch auf das Biotop entlang der Bahnlinie. „Die Leute gehen hier spazieren, alte und junge.“ Viele Alternativen gebe es nicht.
Vor ein paar Jahren sei schon einmal eine Änderung des Bebauungsplans hin zu zweigeschossigen Einfamilienhäusern vorgesehen gewesen. Nun wolle man zu 30 Jahre alte Plänen zurückkehren. „Warum? Die Anwohner hätten gerne Erklärungen“, sagt Marie-Luise Krämer. Überhaupt ist das ein zentraler Kritikpunkt der Ruchheimer: Dass niemand mit ihnen gesprochen hat, sondern sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) habe auf einen Brief der Initiative bislang nicht reagiert. Von GAG-Vorstand Wolfgang van Vliet fühle man sich „abgekanzelt“.
Der Wunsch: Mehr Gehör finden
Warum überhaupt eine Bürgerinitiative? „Es hat den Anschein, dass man als Bürgerinitiative mehr Gehör erhält“, sagt Krämer. Alle Engagierten bewege dasselbe Anliegen, aber es liege nicht jedem, sich öffentlich zu Wort zu melden, etwa über Leserbriefe. Coronabedingt stimmt sich die Bürgerinitiative derzeit per WhatsApp-Gruppe ab. Eine Homepage sei im Aufbau und gehe in Kürze online. Jeder bringt das ein, was ihm besonders gut liegt. Der eine wühlt sich durch Bebauungspläne und recherchiert, ein anderer kann Internetseiten basteln, wieder jemand anderes ist juristisch bewandert.
„Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine Bebauung“, sagt Marie-Luise Krämer noch einmal. Als Kompromiss vorstellen könne man sich etwa eine Mischung aus Einfamilienhäusern und Sozialwohnungen.