Ludwigshafen
Warum man als Journalistin manchmal BASF-Interessen vertreten muss
Es war vor kurz vor meinem Urlaub. In der Kolumne Quintessenz hatte ich über meinen Besuch beim Steamcracker geschrieben und dabei auch eine andere Anlage der BASF erwähnt – die Ethylenoxid-Anlage. Ebenso wie den Steamcracker, das „Herzstück“ des Ludwigshafener Werks, hatte die BASF sie für eine gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsüberprüfung stillgelegt. Und weil ich zu meinem Vor-Ort-Termin natürlich nicht gänzlich blauäugig bei den Anilinern erscheinen wollte, hatte ich mich zum Thema Ethylenoxid informiert. Ich fand auch eine richtig spannende Dokumentation, die der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags im September 2020 veröffentlicht hatte: „Zum Gefahrenpotenzial von Ethylenoxid“.
Falsche Zahlen
Dass es auf dem BASF-Gelände in Antwerpen bei einer Ethylenoxid-Explosion elf Verletzte und 32 Tote gegeben haben sollte, war eine der für mich interessantesten Informationen, die darin erwähnt wurden. Verwiesen hatte die Bundestagsdokumentation bezüglich dieser Zahlen auf einen wissenschaftlichen Text aus dem Jahr 2012: „The 319 Major Industrial Accidents since 1917“. Auf die Idee, dass es ein Problem sein könnte, diese Zahlen zu verwenden, wäre ich ehrlich gesagt nicht gekommen. Schließlich handelte es sich um die Angabe aus einem Bundestagsdokument – und niemals hätte ein Unternehmen wie die BASF diese seit fast zehn Jahren in Umlauf befindlichen Zahlen so stehenlassen, wenn sie nicht stimmen würden. Davon war ich schlichtweg überzeugt.
„Du, die BASF hat sich gemeldet“
Trotzdem war eine der ersten Mitteilungen, die ich nach meinem Urlaub im Büro zu hören bekam, der bei mir sämtliche Alarmglocken in Gang setzende Satz: „Du, die BASF hat sich gemeldet.“ Und tatsächlich waren die angeblichen Toten von damals dem Konzern nicht unbekannt, wie eine Sprecherin mitgeteilt hatte. Das, was im Text aus dem Jahr 2012 stehe, auf den der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags verwiesen hatte, sei allerdings nicht korrekt: Keine Toten, sondern fünf Leichtverletzte habe es 1989 bei der Ethylenoxid-Explosion in Antwerpen gegeben. Über all die Jahre ist es der BASF offenbar nicht gelungen, das Ausmaß des damaligen Unglücks in der wissenschaftlichen Studie korrigieren zu lassen, beziehungsweise die nach Unternehmensangaben falschen Verletzten- und Todeszahlen aus dem Umlauf zu bekommen.
Korrigierte Dokumentation
Die Geschwindigkeit, mit der ich eine E-Mail aus Berlin erhielt, nachdem ich beim Wissenschaftlichen Dienst kundtat, dass ich von 32 Toten berichtet hatte, die die BASF bestreitet, die aber in einem Bundestagsdokument genannt werden, war beeindruckend. Innerhalb kürzester Zeit war das entsprechende Dokument offline – und ich zur BASF-Speerspitze in Berlin geworden. Denn mit der Originalmeldung von 1989 „Fünf Leichtverletzte, erheblicher Sachschaden“, hatten mich die Aniliner für meine Nachfrage in Berlin natürlich umgehend ausgestattet.
Erst offline, dann wieder online
Und jetzt? Hat der Wissenschaftliche Dienst seine Dokumentation wieder online gestellt und die ursprüngliche Angabe von elf Verletzten und 32 Toten beim Unglück in Antwerpen entfernt. „Bei der Rückverfolgung der Zitierkette hat sich ergeben, dass die Angaben erstmals in einer Quelle aus dem Jahr 1999 aufgeführt werden, die diese jedoch nicht im Einzelnen belegt“, lautet die offizielle Begründung. Dass sich die BASF-Aussage „fünf Verletzte“ annähernd mit dem decke, was der Wissenschaftliche Dienst in Berlin in mehr als eineinhalb Wochen nachrecherchiert hat, berichtete mir dessen Leiter während eines Telefonats.
Bleibt also festzuhalten: Es gab 1989 bei BASF Antwerpen keine Toten, der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat sich korrigiert. Ob für die RHEINPFALZ im Gegenzug vielleicht ein Interview zum Gefahrenpotenzial von Ethylenoxid mit dem Betriebsleiter der Ludwigshafener Anlage rausspringt? Aus Journalistensicht wäre das jedenfalls ein guter Deal.