Die Stadtkolumne QUintessenz
Mein Ausflug zum BASF-Steamcracker
Hallo LU, mittlerweile läuft er wieder: der BASF-Steamcracker – unersetzliches Herzstück der Produktion des Chemiekonzerns am Standort Ludwigshafen. Mein Besuch auf der Baustelle, während die Sicherheitsüberprüfung lief, war ein echtes Erlebnis. Schon der Anruf der Unternehmenssprecherin im Vorfeld war amüsant: „Denken Sie daran, Strümpfe mitzubringen“, lautete die Bitte. Aus Sicherheitsgründen sei vor Ort das Tragen von Arbeitsschuhen mit Stahlkappen Pflicht. Meine Schuhgröße, nämlich 39, war genauso schnell durchgegeben wie die bisher problemlos passende Konfektionsgröße 40: Das wird ja wohl bei einem BASF-Schutzanzug nicht anders sein – dachte ich.
Wie Schlangenmenschen
Die Kollegin des Mannheimer Morgen hatte zum Glück die exakt gleichen Größenangaben gemacht. Sonst hätte ich vermutlich arg an mir gezweifelt, als es ans Umziehen ging. So aber begann das Gelächter schon in dem Moment, als unsere bestellten Anzüge kaum über die Oberschenkel passten und sich zwei Journalistinnen wie Schlangenmenschen bemühten, adäquat auszusehen. Daran, am Ende noch die Knöpfe des Anzugs zuzubekommen, war aber ehrlich gesagt zu keinem Zeitpunkt zu denken.
Weiser war da schon die BASF-Pressesprecherin gewesen: Trotz ähnlicher Statur hatte sie sich den Schutzanzug nämlich in einer größeren Nummer bestellt – und vermachte ihn dann mir. Natürlich wurden aber in Windeseile noch diverse Anzüge (bis Größe 54) herbeigeschafft, so dass am Ende alle drei Damen bei bester Laune und ausstaffiert wie Bob die Baumeisterinnen vor dem Betriebsleiter des Steamcrackers standen.
Übersetzungen für Geisteswissenschaftler
Was dann folgte, war für mich tatsächlich ein kleines Stück weit Heimat. Als Politologin, die an der Technischen Hochschule in Aachen studiert hat, habe ich unzählige Stunden meines Studentenlebens in Gesellschaft von Maschinenbauern verbracht – meine besten Freunde haben mir damals über Jahre den Inhalt ihrer Vorlesungen und Prüfungen in für Geisteswissenschaftler verständliche Sprache übersetzt. Den Erklärungen eines BASF-Betriebsleiters zu Wärmetauschern und Verdichtern zu lauschen, war dementsprechend ein echtes Vergnügen für mich.
Trotzdem bin heute Journalistin, und es gehört zu meinem Job, auch kritische Fragen zu stellen. Und zum Thema Großabstellung bei der BASF gab es da aus meiner Sicht einen Punkt, der durchaus interessant war. Dabei ging es gar nicht mal so sehr um den Steamcracker selbst, sondern um das, was uns nicht gezeigt wurde: die nämlich ebenfalls zwecks Sicherheitsprüfung abgeschaltete Ethylenoxid-Anlage. Ob das diejenige Anlage am Standort Ludwigshafen sei, von der das größte Gefahrenpotenzial ausgehe, wollte ich vom Betriebsleiter des Steamcrackers wissen. Auf sein kurzes Innehalten folgte ein: „Das kann man so nicht sagen.“ Und ein bisschen sah er dabei so aus, als wollte er mich darum bitten, dieses Fass jetzt bitte nicht aufzumachen.
Verletzte nach einer Explosion
De facto gibt es zum Gefahrenpotenzial von Ethylenoxid allerdings eine Abhandlung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Und die hatte ich zur Vorbereitung auf meinen Termin gelesen. Zum einen steht darin, dass Ethylenoxid als giftig und krebserregend einzustufen ist. Und zum anderen wird eine Einschätzung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit angeführt. Das Gefahrenpotenzial, das von Anlagen ausgeht, in denen Ethylenoxid vorhanden ist, ist demzufolge aufgrund der Eigenschaften des Stoffs und in Abhängigkeit der Größe der Anlage als hoch einzuschätzen.
1989 war die BASF am Standort Antwerpen mit einer Ethylenoxid-Explosion konfrontiert – damals wurden fünf Personen leicht verletzt. Ursache der Explosion war durch einen Riss austretendes Ethylenoxid. Das, was die BASFler also bei der Überprüfung ihrer Anlagen leisten, ist nicht nur ein absolutes Präzisionsspektaktel, wie ich letztlich in meinem Text schrieb – sondern auch Verantwortung pur. Das wollte ich einfach mal gesagt haben.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.
