Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Von Stromstößen und Wendejahren: Interview mit Fritzi Haberlandt über „Wilma will mehr“

 Wilma an ihrem Sehnsuchtsort Wien mit ihren Mitbewohnern in der WG (v.l.n.r.): Wilma (Fritzi Haberlandt), Matilde (Meret Engelh
Wilma an ihrem Sehnsuchtsort Wien mit ihren Mitbewohnern in der WG (v.l.n.r.): Wilma (Fritzi Haberlandt), Matilde (Meret Engelhardt), Max (Simon Steinhorst).

Was passiert wenn der Lebensweg durch die Wende eine andere Richtung nimmt? Fritzi Haberlandt erzählt Katharina Dockhorn von dem Eigensinn ostdeutscher Frauen.

Könnten Sie wirklich eine Steckdose reparieren, wie Sie es im Film machen?
Nach dem Ende der Dreharbeiten hätte ich es gekonnt. Ich bin handwerklich nicht besonders begabt, finde es aber toll, wenn Frauen solche Fertigkeiten haben. Vor dem Dreh habe ich eine gute Schulung erhalten, die damit begann, dass ich den Schraubendreher völlig falsch gehalten habe. Mit meinem Lehrer bin ich dann alle Szenen des Films durchgegangen. Er hat mir genau gezeigt, was ich machen muss. Durch seine Geduld und Erklärungen habe ich meine Scheu vor der Technik verloren. Jetzt habe ich vieles wieder vergessen, weil ich es nicht anwende. Aber wenn ein Problem auftreten würde, werde ich es wahrscheinlich in den Griff kriegen, wenn ich mir noch mal ein Video ansehe.

Sie feierten die Premiere des Films in Schwerin. Welche Beziehungen haben Sie zur Stadt?
Ich mag die Stadt sehr. Als junge Frau war ich oft hier im Theater, später kam ich mit Lesungen zurück. Ich bin sehr froh, dass ich die Weltpremiere dort feiern konnte.

Was hat Sie an dieser wunderbaren Hauptrolle angesprochen?
Als ich das erste Mal das Buch las, war ich begeistert von der Figur sowie der dramaturgisch gut aufgebauten, sensibel beobachteten und auch humorvollen Geschichte um die Biografie einer Frau aus der DDR und die Umbrüche in ihren Leben nach der Wende. Ich habe sofort zugesagt.

Konzentrieren Sie sich bei der Vorbereitung auf das Buch oder lesen Sie auch kritische Auseinandersetzungen mit der Zeit und deren Nachwirkungen wir Dirk Oschmanns „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“?
Ich lese immer viel zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, um mich in deren Kosmos einzuleben. Ich habe mir nochmals die „Wittstock“-Filme von Volker Koepp angesehen, um mich in das Selbstverständnis von arbeitenden Frauen in der DDR einzufühlen, mit dem meine Figur aufgewachsen ist. Regisseurin und Autorin Maren-Kea Freese hatte im Zuge ihrer Recherchen auch viele Interviews mit Frauen aus dem Kraftwerk geführt. Ihr Material hat sie mir zur Verfügung gestellt.

Wie empfinden Sie heute, dass es für Frauen in der DDR normal war, typische Männerberufe zu ergreifen?
Mich fasziniert, wie emanzipiert, unabhängig und stark diese Frauen waren. Es waren ja körperlich eher anstrengende Berufe. Aber die Frauen, die ich getroffen habe, haben sie geliebt. Für sie war es beruflich meist die schönste Zeit ihres Lebens. Nebenbei haben sie noch Kinder und den Haushalt geschmissen. Mit der Wende kam der jähe Bruch. Das Kraftwerk lieferte in der DDR den Strom für die gesamte Region, und plötzlich hieß es, ihr werdet nicht mehr gebraucht. Das war ein großer Sinn- und Wertverlust.

Hat Ihre Familie die Wende auch so empfunden?
Ich habe diese Zeit positiv in Erinnerung. Ich war 14 als die Mauer fiel, und mitten in der Orientierungsphase, was ich aus meinem Leben machen will. Die Wende kam für mich genau rechtzeitig, denn ich hätte in der DDR Probleme kriegen können. Ich hätte mich nicht so anpassen können wie gefordert, das habe ich in meinem Elternhaus so nicht erlebt. Meine Eltern waren dem DDR-Regime gegenüber sehr kritisch. Insofern war der Fall der Mauer für sie eine Befreiung. Aber beide wurden auch schnell arbeitslos und mussten sich dann im Westen neu orientieren. Bei der Vorbereitung auf den Film ist mir erst richtig klar geworden, was es heißt, mitten im Leben vor dem Aus zu stehen und sich neu orientieren zu müssen. Wenn du so einen extremen Umbruch erlebt hast, wenn dir jede Sicherheit genommen wird, die dich geprägt hat, dann macht das was mit den Menschen. Es ist sehr verletzend. Das ist bis heute spürbar.

Konnten Sie sich während des Drehs schnell in dieses Lebensgefühl einfühlen?
Geholfen hat mir, dass wir in Plessa vor Ort gedreht haben und uns eine Frau, die früher im Werk gearbeitet hat, zur Seite stand. Die Vergangenheit war noch deutlich spürbar, obwohl sich viel verändert hat. Die Gegend ist landschaftlich sehr schön. Aber du spürst, dass das ein bisschen ein vergessener, übersehener Teil Deutschlands ist.

Stand immer fest, dass Wilma nach Wien geht, oder haben Sie nach ihrem Engagement am Burgtheater-Erfahrung dafür plädiert?
Wien war immer Wilmas Sehnsuchtsort. Mit gefiel ihre Wahl, da ich die Stadt sehr liebe, und gerne dort leben würde. Es ist auch eine andere Ebene als zum Beispiel Stuttgart. Nochmals fremder, mit ein bisschen Flair des Ostblocks. Wahrscheinlich ist mir die Stadt deshalb nicht ganz fremd.

Spüren Sie mittlerweile einen differenzierteren und Blick auf ostdeutsche Biografien und Geschichten?
Als Schauspielerin habe ich nicht gemerkt, dass es mehr Stoffe in diese Richtung gibt. Mir bleibt aber natürlich nicht verborgen, dass über Bücher, Filme, Zeitungsartikel und Diskussionen eine andere Sensibilität für diese Zeit entsteht. Ich finde es wichtig, dass mit dem zeitlichen Abstand ein anderer Blick auf das Geschehen gerichtet wird. Ich weiß nicht, ob das Menschen aus dem Westen wahrnehmen. Ich kann nur hoffen, dass auch sie begreifen, was damals schiefgelaufen ist. Um ein wenig zu verstehen, dass die Menschen im Osten das Gefühl haben, es wird nicht anerkannt, wie sie gelebt haben, dass sie überhaupt gelebt haben. Und es gab ja ein paar Dinge wie die Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit von Frauen, die in der DDR besser liefen. Stattdessen wurde nach der Wende alles mies gemacht. Dieses Gefühl scheint sich heute leider auch in den Wahlergebnissen widerzuspiegeln.

Deshalb engagieren Sie sich auch dafür, dass mehr Menschen aus dem Osten Führungspositionen übernehmen?
Solange es keine wirkliche Teilhabe gibt, ist das Zusammenwachsen sehr schwierig. Wenn über das Schicksal der Menschen in den neuen Bundesländern entschieden wird, sollten sie auch adäquat mitreden dürfen. Ich fühle mich sonst nicht ernst genommen, obwohl ich mich persönlich nicht beklagen kann. Auch viele Kollegen und Kolleginnen aus dem Osten sind heute in ganz Deutschland populär. Das widerspricht sich aber nicht mit der allgemeinen Feststellung, dass zu wenig Ostdeutsche in Führungspositionen sind. Selbst in der AfD sind ja beinahe alle Führungspositionen von Westlern besetzt. Die unsichtbare Grenze gibt es laut Statistiken immer noch. Zu viele erfolgreiche Karrieren sind mit der Wende einfach abgebrochen, die Verletzungen bleiben. Es sind einfach zu viele Fehler gemacht worden.

Wie weit kann man mit diesem Thema überhaupt kommen?
Na ja, zunächst ist wichtig, überhaupt darüber zu reden. Ich kann nicht mehr tun, als die Initiative zu unterstützen, die dieses Phänomen in Kunst und Kultur untersucht und das Gefühl der Benachteiligung mit Fakten unterlegt. Sowie meinen Namen unter entsprechende Petitionen zu setzen, und das Problem zu verbalisieren.

Sie haben Theater im Osten und im Westen gespielt. Kriegen Sie Bühne und Film noch unter einen Hut?
Am Anfang meiner Karriere wollte ich nur Theater spielen. Dann hat sich Film ein bisschen mehr durchgesetzt. Jetzt habe ich gerade eine Phase, wo ich das Theater nach einer Pause wieder sehr liebe. Ich konnte ja immer tolle Stücke spielen, das empfinde ich als ein großes Geschenk. Beim Theater kann ich auch mehr steuern, was ich spiele, mit wem ich arbeite, beim Film bin ich mehr davon abhängig, ob ich besetzt werde. Oft bin ich bei Absagen enttäuscht, und das will ich nicht sein.

Termine

„Wilma will mehr“von Maren-Kea Freese beim Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel. Karten über tickets.fflu.de.

Mo, 1. Sept., 17.30 Uhr, Zeltkino A
Di, 2. Sept., 16 Uhr, Freiluftkino
Fr, 5. Sept., 15 Uhr, Zeltkino C
Sa, 6. Sept., 21 Uhr, Zeltkino C

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