Festival des deutschen Films
Der Weg zu einem Wunder: Für „Ein Tag im September“ erhält Kai Wessel den Regiepreis
Ausgerechnet dieses Mal verfahren sie sich. Und so steht der schwarze Mercedes samt Eskorte in diesem kleinen lothringischen Dorf, sofort umringt von Einheimischen, die mit Geschrei, Flüchen und Eierwürfen ihren Unmut über die verhassten „boches“ zum Ausdruck bringen. Statt in Colombey-les-Deux-Églises, wo Charles de Gaulle schon in der „Boisserie“ auf sie wartet, sind Konrad Adenauer und seine Begleiter in Colombey-les-Belles gelandet.
Was wie ein Regie-Gag wirkt, hat sich tatsächlich so zugetragen an jenem 14. September 1958. Auf der Rückreise vom Urlaub in Italien folgte der deutsche Bundeskanzler einer Einladung des damaligen französischen Ministerpräsidenten und späteren Staatspräsidenten de Gaulle in dessen Privathaus – eine Ehre, die vor und nach ihm keinem ausländischen Staatsgast zuteil wurde.
Der Zweite Weltkrieg lag erst 13 Jahre zurück
Die beiden Männer, deren Länder im zurückliegenden Jahrhundert drei Kriege gegeneinander geführt hatten und als „Erbfeinde“ galten, von denen der eine, de Gaulle, als Befreier Frankreichs von Nazi-Deutschland längst eine legendäre Figur war, wollten sich an diesem Herbsttag erstmals treffen. Da war der unfreiwillige Umweg wahrlich nicht das einzige Hindernis, das es zu bewältigen galt. Schließlich lag der Zweite Weltkrieg, in dem Hitler-Deutschland Frankreich überfallen und besetzt hatte, erst 13 Jahre zurück. „Wer ist schuld, wenn es schief geht?“ – dieser allererste, von Adenauer alias Burghart Klaußner geäußerte Satz des Films „Ein Tag im September“ verdeutlicht die geradezu schicksalhafte Herausforderung, vor der die beiden Regierungschefs standen.
Aus heutiger Sicht gilt das Treffen von Colombey als initialer Moment für die Aussöhnung zwischen beiden Ländern, was fünf Jahre später in den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag mündete. Dafür, dass dieser Weg weder einfach noch vorgezeichnet oder gar selbstverständlich war, stehen die vier Handlungsstränge, die Regisseur Kai Wessel und der in Mannheim geborene Autor Fred Breinersdorfer in ihrem Film miteinander verknüpfen.
Köchin weigert sich, für die Deutschen zu kochen
Die in großen Teilen kammerspielartige Darstellung der Begegnung zwischen Adenauer und de Gaulle (Jean-Yves Berteloot) wechselt ab mit Szenen aus der Küche der „Boisserie“, wo sich die Köchin weigert, für die deutschen Gäste zu kochen. Sie kann ihren Hass auf die „boches“, die sie im Krieg als Mitglied der Résistance eingesperrt und gefoltert haben, bis zum Schluss nicht überwinden.
Ähnlich geht es anfangs auch de Gaulles Referent, ebenfalls Résistance-Kämpfer, der aber im Laufe des Films und durch den zunächst alles andere als herzlichen Austausch mit seinem deutschen Gegenüber erkennt, dass die leidvolle Vergangenheit nicht die gemeinsame Zukunft blockieren darf. Für diese Zukunft wiederum stehen zwei – fiktive – junge Journalistinnen, die genug haben vom Sterben in den Schützengräben und für sich und ihre Generation ein „pralles“ Leben fordern.
Zwei alte Männer, die neu denken lernen
„Ein Tag im September“ ist keine Dokumentation, auch wenn der Film sehr eng den damaligen Geschehnissen folgt. Dabei gelingt es Regisseur Kai Wessel und Autor Fred Breinersdorfer, herauszuarbeiten, dass das „Wunder von Colombey“ nicht zuletzt das Ergebnis harten Ringens und letztlich der Bereitschaft zweier alter Männer war, neu zu denken und zu handeln. Zwei Männer, die bei allen Unterschieden bezüglich Herkunft, Biografie und Charakter doch einige Gemeinsamkeiten hatten, ohne die dieses „Wunder“ wohl nicht möglich gewesen wäre. Adenauer und de Gaulle verband nicht nur die Gegnerschaft und der Kampf gegen den Nationalsozialismus, sondern auch ihr katholischer Glaube sowie der alle Zweifel überwindende Wille, es anders, besser machen zu wollen als ihre Vorgänger. Dabei waren beide alles andere als Idealisten, sondern sture, knochentrockene, mitunter skrupellose Pragmatiker, die stets die Interessen ihres Landes im Auge hatten – und genau daraus zur gemeinsamen Überzeugung fanden, dass diesen Interessen durch die Zusammenarbeit beider Länder am besten gedient sei.
An diesem Punkt gewinnt der Film eine angesichts des historischen Stoffes ungeahnte Aktualität. Wenn sich der Kanzler und der General leidenschaftlich und kontrovers über das Verhältnis zu den beiden Supermächten USA und Sowjetunion austauschen und die Notwendigkeit betonen, Europa unabhängig(er) zu machen, wenn Adenauer über die Möglichkeit einer atomaren Bewaffnung Deutschlands räsoniert und de Gaulle ihm brüsk zu verstehen gibt, dass das für ihn keinesfalls in Frage kommt, dann stecken die beiden im Grunde in der gleichen außen- und sicherheitspolitischen Debatte, die in Deutschland und Europa heute vor dem Hintergrund eines sich imperialistisch gebärdenden Russlands und einer unter Donald Trump unberechenbar gewordenen USA geführt wird. Das ist spannend – und ein Stück weit erschreckend, weil es zeigt, dass Europa zumindest auf diesen Gebieten in den vergangenen Jahrzehnten kaum vorangekommen ist.
Unterhaltsamer Geschichtsunterricht
Allein schon deshalb lohnt dieser durchaus unterhaltsame Geschichtsunterricht, der beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen Premiere feiern und im September auf Arte und im ZDF zu sehen sein wird. Beim Filmfestival am Rheinufer wird Regisseur Kai Wessel am 26. August mit dem Regiepreis ausgezeichnet.
Getragen wird „Ein Tag im September“ auch von den Schauspielern, allen voran Burghart Klaußner als Adenauer und Hélène Alexandridis, die de Gaulles Ehefrau Yvonne darstellt. Sie, die in der historischen Realität für den Gast aus Deutschland lediglich das Alltagsgeschirr eindeckte, besticht im Film durch eine Mischung aus Lebensklugheit, Empathie und Zurückhaltung. Sie ist es, die, als das Gespräch der beiden Staatsmänner einen toten Punkt erreicht, es schafft, die Unterhaltung wieder in konstruktive Bahnen zu lenken und so zugleich für einen sehr berührenden Moment in diesem Film sorgt.
Termine
„An einem Tag im September“ läuft zwischen 26. August und 31. August fünf Mal auf der Parkinsel in Ludwigshafen, am 26. August im Anschluss an die Ehrung von Kai Wessel mit dem Regiepreis des Festivals des deutschen Films (18 Uhr). Danach ist der Film in Fernsehen zu sehen: am Freitag, 12. September, auf Arte und am Montag, 15. September, im ZDF. Das ZDF zeigt im Anschluss eine Dokumentation zum Thema.


