Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Der stille Kampf zweier Frauen: Regisseurin Ina Weisse über „Zikaden“

Das Drehbuch für „Zikaden“ hat Ina Weisse auf die Schauspielerinnen – hier Nina Hoss – zugeschrieben. Es interessiert sie, wie s
Das Drehbuch für »Zikaden« hat Ina Weisse auf die Schauspielerinnen – hier Nina Hoss – zugeschrieben. Es interessiert sie, wie sich die Figuren annähern und zurückweichen.

Was passiert, wenn der Alltag zur Zerreißprobe wird? Der Film „Zikaden“ beobachtet zwei Frauen aus unterschiedlichen Schichten, erzählt Regisseurin Ina Weisse.

Millionen Menschen werden zu Hause gepflegt, die Angehörigen gehen oft über ihre Grenzen. Wie schwierig ist es sich einzugestehen, ich schaffe Job und Pflege nicht gleichzeitig?
Isabell (Nina Hoss) versucht die Not mit ihren Eltern, mit ihrem Beruf und auch mit ihrem Mann zu verdrängen. Sie ist so damit beschäftigt sich um andere zu kümmern, dass sie sich selbst vergessen hat. Sie fühlt sich verantwortlich für ihre betagten Eltern, ist dabei aber auch hilflos. Sie versucht die Kontrolle zu behalten, aber es gleitet ihr alles immer mehr aus den Händen.

Wobei es mir bei den Eltern vor allem um die psychischen Folgen des Alterns und den damit verbundenen Krankheiten ging. Mich hat die geistige Verfassung der Figuren interessiert, das Ankämpfen gegen die Krankheit und wie sie mit dem zunehmenden Verlust von Unabhängigkeit umgehen, wie sie um ihre Selbstbestimmung ringen. Sie wollen das Leben wie gewohnt fortsetzen.

Gab es einen Auslöser, der Sie für das Thema sensibilisiert hat?
Natürlich hat mich das Schicksal meiner Eltern beschäftigt. Zuerst aber ging es mir um das Kind, das ich länger mit der Kamera begleitet habe, um es an die Kamera zu gewöhnen. Dann kam die Mutter dazu, gespielt von Saskia Rosendahl, und schließlich Nina Hoss, mit der ich wieder zusammenarbeiten wollte. Die beiden Frauen wurden das Zentrum. Um sie herum habe ich die Geschichte entwickelt.

Sie haben das Buch auf die Schauspielerinnen zugeschrieben?
Ja. Es sollte um die Beziehung zwischen zwei Frauen aus unterschiedlichen Milieus gehen. Mich hat interessiert, ob und was für eine Art von Freundschaft zwischen ihnen möglich ist. Sie treffen in einer schwierigen Phase ihres Lebens aufeinander, ringen beide um Selbstbestimmung, sind einsam und stolz. Anja, die Figur von Saskia Rosendahl, muss sich alleinerziehend um ihre Tochter kümmern, hat immer wieder verschiedene Jobs, mit denen sie sich über Wasser zu halten versucht, kämpft also mit ganz anderen Lebensumständen als die Figur von Nina Hoss. Aber aus diesen Extremsituationen heraus, in denen sich beide befinden, entwickeln sie ein Interesse füreinander und geben sich Halt. Die Annäherung, wie sich gegenseitig beobachten, zurückweichen, verunsichert sind und wieder aufeinander zugehen, hat mich interessiert. Beide haben das großartig gespielt.

Sie hat interessiert, ob die soziale Trennung zu überwinden ist, die schon in der Schule beginnt?
Meine Eltern waren zwar keine Anthroposophen, aber sie haben mich auf eine Waldorfschule geschickt. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber die Kinder kamen damals aus ganz unterschiedlichen Milieus. Trotzdem war es selbstverständlich miteinander befreundet zu sein.

Warum verzichten Sie auf ein klassisches Ende?
Ich denke, das Ende wird den eigenen Erfahrungen entsprechend interpretiert werden, mit der jeweiligen Sicht der Zuschauenden auf die Figuren.

Was vor allem die Szene angeht, bei der nicht klar ist, ob sie sich in einen Grenzbereich zur Sterbehilfe begibt?
Im Gegensatz zur Literatur, die Bilder im Kopf des Lesers entstehen lässt, bekommt man im Kino die Bilder vorgefertigt vorgesetzt. Aber wie bekommt man, wenn man zuschaut, die Möglichkeit, trotzdem die eigene Phantasie einzubringen? Doch durch etwas, das man nicht sieht, sondern nur hört, wie in der Sterbeszene. Man bringt sich selbst ein, um Antworten zu bekommen.

Ist das von Isabells Vater erbaute offene Haus, dessen Nutzungsstruktur von den Bewohnern festgelegt werden muss, nicht auch eine Metapher auf die Gesellschaft?
Die Offenheit der Räume ermöglicht – oder zwingt – die Bewohnerinnen und Bewohner den Raum nach den eigenen Vorstellungen zu füllen. Isabell sagt an einer Stelle, der Architekt wollte nur einen Rahmen geben, man muss selbst sehen, was man damit macht. Es ging aber auch darum, den Kontrast zwischen den beiden Welten von Isabell und Anja aufzuzeigen. Anja wäre froh, wenn sie sich große Räume leisten könnte. Sie hat ja nicht mal eine eigene Wohnung. Das Zimmer, in dem sie mit ihrer Tochter lebt, ist klein und vollgestellt.

Anja hat nicht die Zeit, sich um ihre Tochter zu kümmern, die sehr frei aufwächst?
Ihre Tochter hat zwei Freunde, mit denen sie herumzieht und Unsinn macht. Früher war das selbstverständlich, als Kind alleine unterwegs zu sein. Heute fragt man sich sofort, wo die Eltern sind.

Ihr Vater ist Architekt, daher ist die Berufswahl im Film sicher kein Zufall. Wollten Sie auch immer, dass Ihre Eltern die Eltern von Nina Hoss spielen?
Für meinen Dokumentarfilm über die Neue Nationalgalerie, hatte ich mit meinem Vater mehrere Interviews geführt. Er arbeitete damals in den 60er Jahren im Büro von Mies van der Rohe in Chicago an den Ausführungszeichnungen der Neuen Nationalgalerie. Er hat auch mit einer alten Bolex-Kamera Mies van der Rohe gefilmt und mir dieses alte, sehr schöne körnige schwarz-weiß Material zur Verfügung gestellt. Mein Vater fühlte sich bei den Interviews vor der Kamera wohl. Es war für uns beide ein schönes Erlebnis. Deshalb war der Schritt ihn zu fragen, ob er mitspielen möchte, naheliegend.

Bei meiner Mutter wusste ich, dass sie vor der Kamera unbefangen sein kann, trotzdem hat sie erst gezögert, dann aber überwog ihre Neugier. Diese Mischung zwischen nicht professionellen Darstellern und Schauspielerinnen interessiert mich sehr. Ein freier, unverstellter und unkontrollierbarer Raum entsteht

Termine

„Zikaden“ von Ina Weisse beim Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel. Nina Hoss spielt die Berliner Architektin Isabell, deren Beziehung kriselt, während ihr Vater so schwer erkrankt, dass er pflegebedürftig wird. In dem Dorf, in dem der Vater sein Haus gebaut hat, trifft Isabell auf Anja (Saskia Rosendahl), die dringend Arbeit sucht und mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert ist. Tickets online über https://www.festival-des-deutschen-films.de/
Termine:
So, 31. Aug., 20 Uhr Zeltkino A
Mo, 1. Sept., 17 Uhr Zeltkino C
Di, 2. Sept., 18.15 Uhr Freiluftkino
Mi, 3. Sept., 15 Uhr Zeltkino A
Sa, 6. Sept., 15 Uhr Zeltkino C

Zur Person

Ina Weisse studierte zunächst Schauspiel in München und spielt oft kontrollierte, intellektuelle Frauen, deren Leben erschüttert wird. Für ihren Mann Matti Geschonneck stand sie vier Fernsehfilmen vor der Kamera , für „Das Ende einer Nacht“ und „Ein großer Aufbruch“ wurde sie mit dem Deutschen Fernsehpreis und für letzteren mit dem Grimme Preis ausgezeichnet. In den 1990-er Jahren studierte sie Philosophie, dann folgte ein Regiestudium bei Hark Bohm in Hamburg. Für ihren Abschlussfilm „Alles anders“ wurde sie mit dem First Step Award ausgezeichnet. Ihr Regiedebut gab sie 2008 mit „Der Architekt“, 2017 folgte der Dokumentarfilm „Die neue Nationalgalerie“. Mit Nina Hoss drehte sie 2019 „Das Vorspiel“ und knüpft mit „Zikaden“ an. kado

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