Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Rockiges Flirren: Grandioser Auftritt als Live-Album

Der Schlagzeuger Mani Neumeier und der japanische Gitarrist Kazuhisa Uchihashi bei ihrem Auftritt in der Alten Feuerwache.
Der Schlagzeuger Mani Neumeier und der japanische Gitarrist Kazuhisa Uchihashi bei ihrem Auftritt in der Alten Feuerwache.

Im Oktober vergangenen Jahres hatten die deutsche Krautrock-Legende Mani Neumeier und der japanische Avantgarde-Gitarrist Kazuhisa Uchihashi in der Alten Feuerwache eine mitreißende Begegnung. Den grandiosen Auftritt beim Festival Enjoy Jazz gibt es nun als Live-Album.

Den 80-jährigen Mani Neumeier kennt man vor allem als Schlagzeuger von Guru Guru. Aus München stammend, gelangte er über die Schweiz in den Odenwald, wo Bandmitglieder und Freunde in einer Art Landkommune lebten. 1977 gründeten sie zusammen mit der ortsansässigen Feuerwehr in Finkenbach ein Rockfestival, das wie die Band Kultstatus erlangte und bis zu 10.000 Fans in das abgelegene Dörfchen lockte. Aber Neumeier ist nicht bloß der Rockdrummer und Frontman mit dem Faible für spacige Performances, der regelmäßig als Elektrolurch mit blinkendem Echsenkopf für Begeisterung sorgte.

Den anderen Mani Neumeier gibt es schon länger als die 1968 gegründete Band. Dieser andere Mani Neumeier interessierte sich für frei improvisierten Jazz, spielte mit der Schweizer Pianistin Irene Schweizer und gehörte zeitweise zum Globe Unity Orchestra, der damals radikalsten Big Band der europäischen Free-Jazz-Szene. Auch später war er immer wieder Partner von bekannten Musikern wie Peter Brötzmann, John McLaughlin oder Yusef Lateef. Eine Japan-Tournee mit Guru Guru machte ihn dann auch zu einem der prominentesten deutschen Musiker in dem fernöstlichen Land und bescherte ihm einen Platz im Wachsfigurenkabinett in Tokio gleich neben Jimi Hendrix, Frank Zappa und Mick Jagger.

Zwischen Rock, Jazz und Experiment

Seit 20 Jahren gehört ein Japan-Besuch fest zu Neumeiers Terminkalender, inzwischen ist er auch mit einer Japanerin verheiratet. In Japan findet er immer wieder neue musikalische Partner, gestandene Jazzgrößen wie den Saxophonisten Akira Sakata, aber auch jede Menge junger Avantgardemusiker, die es offenbar lieben, gemeinsam mit diesem kreativen und stilistisch so offenen Drummer aus Deutschland auf Konzertbühnen zu gehen.

So hat er irgendwann auch den Gitarristen Kazuhisa Uchihashi kennengelernt, 20 Jahre jünger als Neumeier, aber mit ähnlichen zwischen Rock, Jazz und Experiment angesiedelten Interessen. Früh hatte Uchihashi Kontakt zur europäischen Jazzszene, war stark vom deutschen Free-Jazz-Gitarristen Hans Reichel beeinflusst, spielte mit Elliott Sharp, Derek Bailey, Fred Frith, wirkte bei Projekten des umtriebigen Alfred Harth mit und war Partner des schon erwähnten Saxophon-Berserkers Peter Brötzmann. Die meiste Zeit verbringt er inzwischen in Berlin, mit Mani Neumeier spielt er seit mehr als zehn Jahren immer mal wieder zusammen.

Ein intensiver Dialog

Diesen beiden Musikern einen Festivalauftritt mit weitgehend improvisierter Musik anzuvertrauen war also kein allzu großes Wagnis. „Mit Uchihashi kann ich nach Monaten ohne Absprache auf die Bühne gehen, und wir verstehen uns sofort“, sagt Mani Neumeier über seinen Partner. Sie legten bei diesen exklusiv für Enjoy Jazz zustande gekommenen Konzerten auch gleich los, als wären sie schon längere Zeit gemeinsam auf Tour, stiegen in einen intensiven Dialog ein, der lange vor diesen Konzerten begonnen hatte und nach deren Ende sicher noch lange weitergeht.

Kazuhisa Uchihashi bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen Jimi Hendrix und John McLaughlin, versteigt sich in Rocksoli mit viel Hall und Verzerrung, zaubert plötzlich eine Basslinie dazu, legt Splitterklänge darüber, variiert den Sound, lässt seine Improvisationen luftig flirren. Zeitweise schichtet er zwei, drei, vier Stimmen übereinander, tritt pausenlos auf die Pedale seiner Effektgeräte und fummelt an seinem sonstigen, auf einem Tischchen aufgebauten elektronischen Equipment. Und Mani Neumeier liefert dazu die Beats, mal spröde suchend, mal rockig geradeaus, bremst ab, beschleunigt, trommelt auf seinen zahlreichen am Drumset und sogar auf dem Boden verteilten Klangerzeugern, bringt alles erdnah zum Flirren und Fliegen.

Eine Reise in unbekannte Welten

Wer das Album hört, das nun auf einem bei Fixcel Records in Neckarsteinach erschienen Live-Album dokumentiert ist, kann die beiden zwar nicht in Aktion sehen, sich dafür aber auf die Musik konzentrieren, die sich in einem steten Fluss fortentwickelt, immer wieder überrascht, Assoziationen weckt mit dem Rockpathos der 70er-Jahre, Zitate einstreut, dabei stets etwas ganz Eigenes produziert und den Zuhörer einfach mitnimmt, auch wenn dieser vielleicht gar nicht mitreisen wollte. „The Long Journey“ heißt das erste gut 20 Minuten währende Stück auf dem Album, „Between the Planets“ das zweite, noch ein wenig längere. Weit hinaus in manchmal unbekannte musikalische Welten führt diese Reise, und am Ende bringen die beiden als kurze Zugabe „Stones from Mars“ mit nach Hause.

CD-Infos

Mani Neumeier und Kazuhisa Uchihashi, Live at Enjoy Jazz Festival 2020, Fixcel Records 22. Erhältlich im Internet auf den Homepages der Musiker und bei Fixcelrecords. Beim Plattenlabel gibt es außerdem eine Sonderedition von 30 CDs mit einem Konzertfoto von Frank Schindelbeck.

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