Serie: Zehn Jahre Rhein-Galerie (1)
Die Hoffnung ruht auf 550 Pfählen
Die Rhein-Galerie steht auf historischem Grund: Hier war die „Keimzelle“ der Stadt Ludwigshafen. Unter dem Areal befand sich früher der Winterhafen – ein natürlicher Hafen, der durch einen Dammbruch im 19. Jahrhundert entstanden war und den Rheinschiffen Schutz vor Treibeis und Schwemmholz auf dem Fluss bot.
Hier war schon vor der Stadtgründung ein Handelsplatz. Als der Winterhafen nach dem Zweiten Weltkrieg zu klein war, wurde er bis 1956 mit Trümmern zugeschüttet. Entlang des Stroms entstand der Zollhofhafen. Massive Werft- und Lagerhallen sowie Kräne wurden auf dem Gelände gebaut. Ab den 1990er-Jahren türmten sich Container auf dem Areal. Verladebrücken hievten die Blechkisten auf die Schiffe oder luden sie ab. Die Ludwigshafener konnten zu dieser Zeit hier kaum einen Blick auf den Rhein werfen.
Neues Terminal schafft Platz im Zollhof
2004 verlagerten die Hafenbetriebe Ludwigshafen die Anlagen in das neue Containerterminal am Kaiserwörthhafen (Mundenheim). Das Zollhof-Areal wurde frei für eine neue Nutzung. Das Land als Haupteigentümer drängte auf den Verkauf, um das Terminal in Mundenheim zu refinanzieren. Der Stadtrat beschloss im Dezember 2004, das ehemalige Zollhofgelände für eine Cityerweiterung zu nutzen und die Innenstadt wieder an den Rhein zu bringen.
Mehrere Projekte wurden anfangs diskutiert – unter anderem ein Fitness-Unternehmen wollte sich dort ansiedeln, auch ein Freizeitgelände war im Gespräch. Klar war auch, die hochverschuldete Stadt konnte nicht als Investor auftreten, weil ihr dafür das Geld fehlte. Letztlich boten nur drei Einkaufscenterbetreiber genug für das riesige Areal am Rhein. Der Marktführer ECE aus Hamburg bekam im Sommer 2006 den Zuschlag. Mit im Rennen waren außerdem HBB (Lübeck) und MFI (Essen). Die Stadt handelte bei dem Bieterwettbewerb heraus, dass ECE zusätzlich zum Center noch einen Stadtplatz am Rhein baute und das umliegende Quartier mitentwickelte.
Gigantische Baustelle
Der Bau der Rhein-Galerie beginnt schließlich im Mai 2008. Es ist eine gigantische Baustelle, die für zwei Jahre am Fluss entsteht. Dabei ruft sich der Winterhafen in Erinnerung – 550 Pfähle müssen 25 Meter tief in den instabilen Grund des ehemaligen Hafenbeckens eingelassen werden, um für die Galerie ein sicheres Fundament legen zu können. Bei den Bauarbeiten tauchen auch die alten Kaimauern wieder auf. 800 Arbeiter sind auf der Baustelle beschäftigt, um das 400 Meter lange und 80 Meter breite Einkaufszentrum hochzuziehen. Das Bauprojekt verläuft weitgehend pannenfrei. Im Oktober 2009 kann Richtfest gefeiert werden.
Der Bau ist eine Materialschlacht: 30.000 Kubikmeter Beton werden verbaut, 6200 Tonnen Stahl – davon 1700 für die Dachkonstruktion. Zwischen 50 und 100 Baufirmen sind auf dem Areal beschäftigt. Auf zwei Etagen entstehen 120 Läden mit einer Verkaufsfläche von 30.000 Quadratmetern. Wer alle Geschäfte abläuft, ist 1,2 Kilometer lang unterwegs. Zwei Parkdecks darüber bieten knapp 1400 Autos Platz. Überwölbt wird das Gebäude von einem Membrandach – ein Glasfasergemisch, das mit Teflon beschichtet und selbstreinigend ist. Die Kaimauer am Fluss wird abgesenkt, damit eine Treppenanlage von einem neuen Stadtplatz zum Rhein hinunterführen kann. Insgesamt 220 Millionen Euro werden investiert.
Möwenproblem
Den Innenausbau der Läden übernehmen ab Mai 2010 die jeweiligen Mieter. Schon vor der Eröffnung ist das Center vollvermietet. Ein tierisches Problem taucht auf: Möwen nutzen die Dachkonstruktion für ein Päuschen und erleichtern sich über den Parkdecks. Doch dafür findet sich eine Lösung: Stromdrähte sorgen dafür, dass sich die Vögel hier nicht mehr niederlassen.
Parallel zum Baufortschritt beim Einkaufszentrum baut die Stadt den östlichen Teil der Bahnhofstraße um, eine Straßenbahnhaltestelle in der Ludwigsstraße wird näher zum künftigen Laufweg zur Galerie verlegt. Fußgängerzugänge mit Ampeln werden an der Zollhofstraße geschaffen.
Festakt zur Eröffnung
Am 29. September 2010 eröffnet dann die Rhein-Galerie. 1000 Ehrengäste sind am Vorabend der Eröffnung zu einem Festakt gekommen, darunter auch der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) und Alexander Otto, ECE-Chef und Spross der Versandhandelsfamilie. Die Rhein-Galerie ist zu diesem Zeitpunkt das 131. ECE-Haus. Auch das Rathaus-Center in Ludwigshafen, das Rhein-Neckar-Zentrum in Viernheim und das Zentrum Ettlinger Tor in Karlsruhe laufen unter Regie der Hamburger Projektentwicklungsgesellschaft. Eigentümer der Rhein-Galerie ist ein Immobilienfonds.
In Ludwigshafen ist lange über Lage und Größe des Zentrums sowie dessen Auswirkungen auf den Einzelhandel diskutiert worden. Im Ergebnis kehrt die Stadt dem bisherigen Handelskonzept mit einem Südpol (Berliner Platz) und einem Nordpol (Rathaus) den Rücken und erklärt ein weit kleineres Areal zum Kern-Einkaufsgebiet. Auf der Rhein-Galerie ruhen mehrere Hoffnungen: neue Kaufkraft in die Stadt zu holen, die zunehmende Ansiedlung von Geschäften im Niedrigpreissegment zu stoppen und den Branchenmix zu verbessern. Der Einzelhandelsverband unterstützt den Bau der Galerie, denn die Fachgeschäfte erhoffen sich mehr Frequenz für die schon vor dem Bau des Centers darbende Innenstadt. Kritiker erinnern an den Flop mit dem Walzmühl-Center und hinterfragen, ob neben dem Rathaus-Center noch eine weitere Mall in der Innenstadt sinnvoll sei.
Stadtratsmehrheit für Projekt
Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) spricht von einer „historischen Entscheidung“, als der Stadtrat den Zuschlag an ECE vergibt und unterstreicht, dass nicht nur ein neues Einkaufszentrum gebaut werde, sondern ein öffentlicher Raum für alle Bürger direkt am Rhein entstehe. Lohse zeigt sich überzeugt davon, dass von dem neuen Stadtquartier und dem Center am Rhein die ganze Innenstadt profitieren werde. Zudem würden über 1000 neue Jobs entstehen.
Vier Jahre später ist die Rhein-Galerie fertig – am Morgen des Eröffnungstags warten rund 600 Menschen ungeduldig darauf, dass die Türen aufgehen. Die Befürworter des Centers fühlen sich bestätigt.
Die Serie