Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Mitte für LU: Wie Stadtplaner das Quartier „City West“ an der Kohl-Allee entwickeln wollen

Stadtplanerin Tanja Jauernig und Architekt Leon Wittmaack am „City-West“-Modell im Infocenter an der Rheinallee.
Stadtplanerin Tanja Jauernig und Architekt Leon Wittmaack am »City-West«-Modell im Infocenter an der Rheinallee.

Das Büro Adept soll das neue Stadtquartier „City West“ gestalten. Wie geht das? Steffen Gierescher hat zwei aus dem Team gefragt: Tanja Jauernig und Leon Wittmaack.

Herr Wittmaack, beim Auftakt des sogenannten Werkstattverfahrens hat Ihr Kollege Guido Roth gesagt, die „City West“ könnte zur Blaupause für deutsche Innenstädte werden. Inwiefern?
Wittmaack: Die Aufgabe, Architektur im städtebaulichen Bestand voranzubringen, ist extrem wichtig vor dem Hintergrund nachhaltiger Entwicklung. Städte wachsen. Das wirft Fragen auf: Wie weit dehnt man sie aus? Und wie schafft man es, die Verkehrsinfrastruktur so umzuwandeln, dass lebenswerte Quartiere entstehen. Das betrifft nicht nur Ludwigshafen. Aber hier besteht jetzt die reelle Chance, das tatsächlich umzusetzen.

Auch weil es die Ausnahme ist, fast 40 Hektar Fläche in einem Zentrum völlig neu überplanen zu können. „Das ist beispiellos in Deutschland“, hat der Jury-Vorsitzende Markus Neppl, Professor, Architekt und Stadtplaner aus Karlsruhe, im Interview betont.
Wittmaack: Was hier mit Blick auf die historische Entwicklung Ludwigshafens ganz besonders und sehr speziell ist: Der Bereich zwischen südlicher und nördlicher Innenstadt war immer sehr von der Infrastruktur und der Hochstraße geprägt, also von einer eher trennenden Struktur. Mit der ebenerdigen Helmut-Kohl-Allee hat man nun die einzigartige Chance, diese Quartiere besser zu verbinden, enger zu verknüpfen und Schritt für Schritt aneinanderzuführen.

Mehr zum Thema

Das Logo zum Projekt
Zur Sache

39 Hektar vom Hauptbahnhof bis zum Rhein: Das Projekt „City West“

Jauernig: Mich beeindruckt der Mut, hier infolge des Abrisses der Hochstraße Nord etwas ganz Neues zu wagen. Dieses Projekt unterscheidet sich sehr stark von anderen, weil hier nicht nur ein großer Grünraum im Zentrum entstehen soll, sondern gleich mehrere Bezirke inmitten der Stadt in einem Konzept zusammengeführt, aber jeweils auch individuell weiterentwickelt werden können. Die Kernstadt als Ganzes, aber auch ihre Bestandteile profitieren davon. Das macht es so besonders.

Blick auf das erste grobe »City-West«- Modell.
Blick auf das erste grobe „City-West“- Modell.
»Beispiellos in Deutschland«: Jury-Vorsitzender des Fachgremiums, Markus Neppl.
„Beispiellos in Deutschland“: Jury-Vorsitzender des Fachgremiums, Markus Neppl.
»Verbundene Stadtlandschaft«, erste Ideen und Skizzen.
„Verbundene Stadtlandschaft“, erste Ideen und Skizzen.
Der 6,8 Hektar große Friedenspark spielt eine zentrale Rolle in den Adept-Überlegungen.
Der 6,8 Hektar große Friedenspark spielt eine zentrale Rolle in den Adept-Überlegungen.
Neugierige beim Bürgerforum vor den Adept-Plänen.
Neugierige beim Bürgerforum vor den Adept-Plänen.
Mitte September 2024: Auftaktveranstaltung des Werkstattverfahrens im Infocenter der GAG.
Mitte September 2024: Auftaktveranstaltung des Werkstattverfahrens im Infocenter der GAG.
Vor den ersten Plänen für die »City West«: Stadtplanerin Tanja Jauernig und Architekt Leon Wittmaack.
Vor den ersten Plänen für die „City West“: Stadtplanerin Tanja Jauernig und Architekt Leon Wittmaack.
Jury-Chef Markus Neppl und LCE-Geschäftsführerin Sonja Müller-Zaman vor dem »City-West«-Modell.
Jury-Chef Markus Neppl und LCE-Geschäftsführerin Sonja Müller-Zaman vor dem „City-West“-Modell.
Die sechs Baufelder auf dem 39-Hektar-Areal zwischen Hauptbahnhof und Rhein.
Die sechs Baufelder auf dem 39-Hektar-Areal zwischen Hauptbahnhof und Rhein.

Foto 1 von 9

In Ihrem Entwurf ist von „blauen Adern“ die Rede, begrünte Innenhöfe mit Wasserspielen, die eine Verbindung zum Rhein herstellen sollen, von einem „Mosaik der Landschaften“. Der Wunsch ist das eine, die Wirklichkeit eine andere: nämlich viel Beton. Kann das alles an einer bis zu achtspurigen Stadtstraße funktionieren, die Kritiker für überdimensioniert halten?
Wittmaack: Entscheidend ist, sich im weiteren Prozess die Ausgestaltung der Übergänge und Schnittstellen zwischen den Quartieren genauer anzuschauen. So ein Straßenraum kann sich mit einem neuen Verständnis von Mobilität in 20 bis 30 Jahren wandeln. Diese Chance steckt in der Umgestaltung der Kohl-Allee – sie führt in die Stadt und nicht über sie hinweg.

Warum spielt der Friedenspark und dessen Ausdehnung in Ihren Überlegungen eine zentrale Rolle?
Wittmaack: Wir hatten schon beim ersten Besuch in Ludwigshafen das Gefühl, dass diese Anlage in ihrem Bestand bereits eine gewisse Qualität mitbringt. Das wollen wir aufgreifen und darauf aufbauend die unterschiedlichen Quartiere zusammenbringen. Der Friedenspark ist einerseits das grüne Herz des Projekts, soll andererseits aber auch ein grüner Vernetzer sein: mit neuen Fuß- oder Radverbindungen, auf denen man etwa schnell vom Hauptbahnhof in den Hemshof gelangt – und umgekehrt.

Noch sind die Pläne sehr abstrakt. Wann wird’s konkreter?
Jauernig: Wir stehen erst am Anfang einer Planung. Was in zwei oder drei Jahrzehnten sein wird, ist heute kaum vorauszusehen. Wichtig ist, Ambitionen zu haben. Unsere Ambition legt den Fokus auf den Menschen. Wir wollen Korridore schaffen, die nicht von der Infrastruktur oder Autos dominiert werden. Es soll angenehm sein, sich dort aufzuhalten und sich dort – wie auch immer – fortzubewegen. Man braucht Wohnorte und Innenhöfe mit hoher Aufenthaltsqualität. Unser Ziel ist es, wenn alles idealtypisch läuft, entlang der Kohl-Allee einen verbindenden Charakter zur Innenstadt, zum Rhein auf der einen und zum Hauptbahnhof auf der anderen Seite zu schaffen. Die Quartiere zusammennähen, von Gebäuden geprägte Räume attraktiv gestalten – darum geht’s letztlich.

Herumspinnen sei erlaubt, sagte Professor Neppl beim letzten Bürgerforum. Am Ende diktiert häufig die Vermarktung, wo die Reise hingeht, beziehungsweise: was möglich ist und was nicht. Wer das Geld bringt, will schließlich mitbestimmen, oder?
Jauernig: Die Erfahrung zeigt, dass viel davon abhängt, wie der kommende Prozess im Detail aufgesetzt wird. Was bringen die Bürger ein? Was plant die Stadt? Wohin will die Politik? Wie bindet man potenzielle Investoren oder Bauträger frühzeitig ein? Wie hoch sind die Kosten? Das sind die relevanten Fragen. Es funktioniert nur über den Dialog und die Bereitschaft aller, sich auf etwas einzulassen. Das gelingt in der Regel, wenn man die Akteure transparent informiert, einbindet und für seine Ideen wirbt. Das ist der richtige Weg.

Wie wichtig sind Anregungen und Rückmeldungen aus der Bevölkerung?
Wittmaack: Für uns ist das unfassbar wichtig. Wir kennen die Stadt natürlich nicht so gut, wie die Leute, die hier leben. Sie wissen, was hier fehlt, woran es mangelt. Wenn es etwa um die konkrete Ausgestaltung des Friedensparks geht, brauchen wir Hinweise, was gewünscht ist und warum es wo welchen Bedarf gibt.

Wie hilfreich war das Format des Werkstattverfahrens zum Auftakt?
Wittmaack: Sehr hilfreich. Alle drei Büros sind mit einer vagen Vision gestartet und haben ihre Konzepte aufgrund der Rückmeldungen der Jury, der Behörden und der Bürger nach und nach geschärft. Unser Ansatz ist: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wir wollen Freiräume schaffen und die Stadt weiterbauen, die doch stark von der Infrastruktur geprägt ist.

Jauernig: Wir wollen einen Mehrwert für Ludwigshafen und die Nachbarschaft generieren, die Stadt sinnvoll ergänzen, aufwerten, aber sicher nicht ihrer Identität berauben.

Wie geht’s nun weiter?
Jauernig: Wir sind gespannt auf das Feedback zu unserem Entwurf. Noch ist nicht alles optimal gelöst. Und irgendwann brauchen wir das politische „Go“ für die Rahmenplanung.

Wittmaack: Pläne schärfen, weiterentwickeln und neuralgische Punkte wie den Hauptbahnhof oder den Nahverkehr unter die Lupe nehmen – das sind die nächsten Schritte.

Zur Person

Stadtplanerin Tanja Jauernig, 38, geboren in Cuxhaven an der Nordseeküste, arbeitet in der Adept-Niederlassung in Hamburg.
Architekt Leon Wittmaack, 31, geboren in Hamburg, ist Teil des Adept-Teams in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen.
Das Büro Adept beschäftigt 50 Mitarbeiter: Architekten, Stadtplaner, Ingenieure und Landschaftsarchitekten.

Zur Sache: Die sechs Baufelder

Das 39 Hektar große Areal (das entspricht rund 55 Fußballplätzen), das entlang der künftigen Helmut-Kohl-Allee entstehen soll, wurde in sechs Baufelder (Flächen 1 bis 6) aufgeteilt.

F1 (sechs Hektar), südöstlich der künftigen Allee, ist mit Rathaus/Rathaus-Center belegt, die abgerissen werden. Dort liegen auch der Parkplatz Jaegerstraße, die Sumgaitallee und ein Teil des Messplatzes.

F2 (5,5 Hektar), nördlich von F1, umfasst die Flächen zwischen der künftigen Allee, der Dessauer Straße, der östlichen Von-der-Tann-, der südlichen Prinzregentenstraße, dem Carl-Wurster-Platz, der Haveringallee und der Gräfenaustraße.

F3 (zwölf Hektar) wird begrenzt durch die künftige Kohl-, die Lorientallee und die Frankenthaler Straße. Im Nordwesten endet F3 an der Straßenbahntrasse parallel zur Rohrlachstraße, im Norden vor der Wohn- und Gewerbebebauung entlang der Bürgermeister-Grünzweig-Straße. F3 wird noch von der Hochstraße Nord durchschnitten.

F4 (2,6 Hektar), ein schmaler Streifen im Westen des Gebiets, ist aktuell noch vollständig belegt von einer langgestreckten Halle. F4 wird im Westen von der Deutschen Straße, im Norden von Lorientallee/Frankenthaler Straße begrenzt.

F5 (sieben Hektar) liegt südlich der künftigen Kohl-Allee und wird umschlossen von Benckiser-, Heinigstraße, Pasadena-, Lorientallee, Westend- und Bahnhofstraße.

F6 (sechs Hektar) liegt nördlich und südlich der künftigen Kohl-Allee, im Westen ist das Bearbeitungsgebiet begrenzt durch Bahngleise, im Osten durch die Lorientallee. Im Süden bilden die Hochstraße Süd und die darunterliegenden Eingangsgebäude des Hauptbahnhofs den Abschluss.

x