Interview
Neue Integrationsbeauftragte in Ludwigshafen schwört auf Digitalisierung
Frau Taidre, Sie sind als junge Frau als Au-pair zunächst für ein Jahr aus ihrem Heimatland Estland nach Deutschland gekommen – und dann geblieben. Fühlen Sie sich in Ludwigshafen gut integriert?
Ja, ich fühle mich in Ludwigshafen gut integriert. Ich bin von 1997 bis 2006 als Au-pair und für ein Studium nach Deutschland gekommen, war zwischenzeitlich wieder in Estland und lebe seit Oktober 2018 im Rhein-Neckar-Kreis. Deutschland habe ich schon immer positiv wahrgenommen. Die deutsche Kultur, Sprache und Lebensweise gefallen mir, obwohl die deutsche Bürokratie und die vielen Artikel in der Sprache manchmal eine Herausforderung darstellen. Als jemand, der aus Estland stammt, habe ich in meinen ersten Jahren in Deutschland die Unterschiede zwischen beiden Ländern noch sehr deutlich wahrgenommen, beispielsweise in Bereichen wie der Kindererziehung oder der Mülltrennung. Früher fand ich vieles in Deutschland ungewöhnlich. Zum Beispiel, dass Kinder nicht alleine draußen spielen oder überall hingefahren werden. Mittlerweile ist das in Estland aber genauso geworden.
Was funktioniert in Estland besser als in Deutschland?
Estland hat in der Digitalisierung einen klaren Vorsprung. Wir sind ein sogenannter „E-Staat“, in dem die Kommunikation mit staatlichen Institutionen größtenteils digital abläuft. Der Staat hat Zugriff auf die relevanten Informationen, und man muss nicht ständig Formulare ausfüllen oder Unterlagen einreichen, wie es in Deutschland oft der Fall ist. Das macht Abläufe schneller und effizienter. Natürlich ist nicht alles perfekt, aber in diesem Bereich könnte Deutschland sich wirklich etwas abschauen. Die deutsche Bürokratie ist eine richtig gute Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Und umgekehrt? Was läuft in Deutschland besser als in Estland?
Was ich in Deutschland besonders schätze, ist der soziale Gedanke. Der deutsche Sozialstaat bietet Unterstützung, wenn Menschen in schwierige Lebenssituationen geraten, sei es durch finanzielle Hilfen oder Institutionen, die Unterstützung leisten. In Estland existieren zwar ähnliche Strukturen, aber sie sind weniger ausgebaut, und die Summen, die zur Verfügung stehen, reichen oft nicht aus. Ein weiterer Punkt ist das ehrenamtliche Engagement, das in Deutschland beeindruckend ist. In Ludwigshafen gibt es viele Ehrenamtliche, die sich beispielsweise in Sprachkursen oder sozialen Projekten engagieren. Dieses Engagement ist in Estland weniger verbreitet, was sicherlich auch an den wirtschaftlichen Umständen liegt.
In Ludwigshafen hat etwa die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Reicht da eine einzige Integrationsbeauftragte noch aus, oder müsste es nicht ein eigenes Dezernat für Integration geben?
Integration ist eine Querschnittsaufgabe, die alle Bereiche betrifft. Meine Vorgängerin, Hannele Jalonen, hat vor 20 Jahren alleine angefangen. Heute haben wir ein kleines Team mit fünf Mitarbeitenden, und wir wachsen weiter. Aber es ist wichtig zu betonen, dass Integration nicht nur die Aufgabe einer Abteilung ist. Es betrifft alle städtischen Institutionen und erfordert Kooperation und Vernetzung. Meine Aufgabe sehe ich darin, dieses Zusammenspiel zu stärken und die Perspektiven von Zugewanderten einzubringen.
Welche Projekte liegen Ihnen als neue Integrationsbeauftragte der Stadt besonders am Herzen?
Es ist nicht ein klassisches Projekt, aber eine Maßnahme, die wir gerade fertigstellen: Sie heißt „Blauer Anker“. Sie besteht aus zwei Teilen: einer Infomappe für neu Zugewanderte, die wichtige Informationen über die Stadt und die notwendigen Schritte für die Integration enthält, und dazu gehörige Kurse, die in der deutschen Sprache oder in der Herkunftssprache diese Informationen erläutern. Ziel ist es, den neu zugewanderten Menschen von Anfang an Orientierung zu bieten und ihnen so schnell wie möglich das deutsche System verständlich zu machen. Oft scheitert Integration an fehlendem Verständnis für die Strukturen, und hier wollen wir ansetzen.
Was macht Ludwigshafen für Sie trotz der vielen großen Baustellen im Umfeld Ihres Büros in der Innenstadt liebens- und lebenswert?
Ludwigshafen ist vielleicht architektonisch keine Schönheit, aber die Stadt hat charmante Ecken. Mein Lieblingsort ist der Hack-Museumsgarten. Das ist ein kreativer Gemeinschaftsgarten mitten in der Stadt, der immer wieder für Veranstaltungen genutzt wird. Es ist ein Ort, der zeigt, wie vielfältig und lebendig Ludwigshafen sein kann.
Gibt es eine Veranstaltung in Ludwigshafen, die Sie besonders mögen?
Ich bin ein großer Fan des Filmfestivals auf der Parkinsel. Das Ambiente dort ist einfach fantastisch – unter den großen Bäumen, am Wasser, mit einer Weinschorle in der Hand einen Film schauen. Das ist wirklich etwas Besonderes. Filme liegen mir generell am Herzen, auch weil ich in meiner Zeit beim Goethe-Institut in Estland erfolgreich ein deutsches Filmfestival organisiert habe.
Wie entspannen Sie nach einem langen Arbeitstag?
Ich liebe es, zu Fuß zu gehen. Oft laufe ich zur Arbeit und zurück, das hilft mir, den Kopf frei zu bekommen und neue Ideen zu entwickeln. Außerdem lese ich sehr gerne, am liebsten ganz altmodisch gedruckte Bücher. Im Heinrich-Pesch-Haus leite ich ehrenamtlich einen Leseclub, bei dem wir monatlich ein Buch lesen und anschließend darüber diskutieren.
Zur Person
Kerttu Taidre (47) ist die neue Integrationsbeauftragte der Stadt Ludwigshafen. Sie folgt auf Hannele Jalonen, die nach 20 Jahren in dieser Aufgabe in den Ruhestand wechselt. Taidre ist in Estland geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur kam sie nach Deutschland, um ein Jahr lang als Au-pair zu arbeiten. Im Anschluss absolvierte sie ein Studium der Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung an der Freien Universität Berlin. Nach ihrem Abschluss als Diplom-Pädagogin 2006 kehrte sie zunächst in ihre Heimat zurück und sammelte dort Berufserfahrung in den Bereichen Erwachsenenbildung, Kultur und Wirtschaft. In den vergangenen fünf Jahren war Taidre im Bereich der Integrationsarbeit beim Malteser Hilfsdienst in Ludwigshafen tätig. Ihr letztes Projekt waren Aufbau und Koordinierung von „Lu can help“, einer Kooperation zwischen dem Heinrich-Pesch-Haus und dem Malteser Hilfsdienst mit dem Ziel, konkrete Unterstützungsangebote für Geflüchtete zu schaffen in drei zentralen Bereichen: Deutsch lernen, Orientierung im Leben in Ludwigshafen und Einstieg in den Arbeitsmarkt. So war Kerttu Taidre auch zweimal mit der Organisation einer Jobmesse für Geflüchtete und Zugezogene betraut. Die Estin engagiert sich darüber hinaus selbst ehrenamtlich. Sie unterstützt Zugezogene beispielsweise beim Deutschlernen und Ausfüllen von Unterlagen und leitet den „Lu can help-Leseclub“ für Deutschlernende.