Ludwigshafen: Rückblick 2023
Nach den Messerattacken in Oggersheim: Täter kommt in Psychiatrie
Am Ende kommt das Urteil nicht überraschend. Der Somalier, der im Oktober 2022 zwei Handwerker aus Ruchheim und Grünstadt verstümmelt, erstochen und danach einen Oggersheimer lebensgefährlich verletzt hat, ist nicht schuldfähig. Grund: Der nach eigenen Angaben 27-Jährige leidet an paranoider Schizophrenie mit Wahnvorstellungen. Er muss deshalb nicht ins Gefängnis, sondern dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden.
Die Aussichten auf komplette Heilung werden als gering eingestuft. Das Frankenthaler Landgericht schließt sich im Mai dem Gutachten eines Psychiaters an, der am Ende der 14 Verhandlungstage seine ursprüngliche Einschätzung der Zurechnungsfähigkeit des Mannes korrigiert.
Revision am Bundesgerichtshof
Noch im Gerichtssaal kündigt der Somalier an, der am Ende nicht mehr als Angeklagter, sondern als Beschuldigter geführt wird, in Revision gehen zu wollen. Diese ist beim Bundesgerichtshof anhängig. Einen Verhandlungstermin kann ein Sprecher noch nicht nennen. Das Urteil der Frankenthaler Strafkammer wird dann nur auf formale Fehler überprüft, neu aufgerollt wird das Verfahren nicht.
Die Befürchtung des von Prozessbeginn an geständigen Täters: Nach einem Therapieabschluss könnte er nach Somalia abgeschoben werden, während eine von ihm bevorzugte lebenslange Haftstrafe ein Bleiberecht in Deutschland bedeuten würde.
Fataler Irrglaube
Offenbar aus Eifersucht und im irrigen Glauben, seine Ex-Frau und deren beiden Töchter vor Nachstellungen durch junge weiße Männer schützen zu müssen, attackiert der Täter am 18. Oktober 2022 von zahlreichen Zeugen beobachtet zur Mittagszeit auf offener Straße zunächst einen 35-jährigen Maler. Er erliegt im Krankenhaus seinen schweren Stichverletzungen. Sein jüngerer Kollege ist laut Obduktionsbericht sofort tot.
Der 20-Jährige dürfte demnach nicht mehr gespürt haben, wie ihm ein Unterarm abgetrennt wurde, den der Täter seiner Ex-Frau auf den Balkon der nahegelegenen Wohnung wirft. Danach läuft der Mann ruhig zu einem Drogeriemarkt in der Comeniusstraße, wo er in der Warteschlange an der Kasse auf einen 27-Jährigen einsticht.
Wunden reißen auf
Die Hinterbliebenen des älteren Opfers stehen jeden der langen Verhandlungstage und die teils erschütternden Zeugenaussagen im Gerichtssaal durch. Das überlebende Opfer hat nach der Neubewertung des Geisteszustands des Täters letztlich nicht mehr die Kraft dazu. Die Eltern des jüngeren Getöteten, Maja und Kurt Sprengart, suchen – auch als Aufarbeitung – die Öffentlichkeit, berichten vom Schmerz und der Leere, die der Verlust ihres Sohnes und ihres engen Freundes hinterlässt.
Ihre Wunden reißen immer wieder auf. Im März sickert durch, dass ohne Rücksprache mit den Hinterbliebenen ein Teil der Bürgerspenden auf einem städtischen Treuhandkonto an die traumatisierte Ex-Frau des Täters geht. Bei aller Empathie, die es für die Frau gibt, sehen viele Spender die eigenmächtige Entscheidung von Stadtvorstand und Stadtrat nicht im Einklang mit dem Spendenzweck. Die Verwaltung reagiert schließlich. Spender, die ausdrücklich den Hinterbliebenen sowie dem schwer verletzten Opfer und nicht der Ex-Partnerin des Täters spenden möchten, können dies der Verwaltung per E-Mail oder Brief mitteilen.
Nervenkrieg um Gedenkplaketten
Im September der nächste Nervenkrieg: Wochenlang werden die Opferfamilien im Unklaren darüber gelassen, ob sie am Tatort in der Philipp-Scheidemann-Straße auf eigene Kosten zwei etwa 25 mal 25 Zentimeter große Gedenkplaketten für die beiden getöteten Männer einlassen dürfen. Die Bedenken der Kritiker: Er könnte zu einer Wallfahrtsstätte für Rechte werden, Anwohner könnten sich über ein zumutbares Maß hinaus gestört fühlen. In nichtöffentlicher Sitzung folgt der Stadtrat letztlich dem Wunsch der Familien.
Im November wird Kurt Sprengart, der seinen Sohn wie seinen designierten Nachfolger im Ruchheimer Raumausstattungsbetrieb blutüberströmt auf der Straße hatte liegen sehen, bei der Pflege der Gedenkstätte von einem Radfahrer zunächst angepöbelt, ehe dieser auf den Blumenschmuck spuckt und den Vater mit Pfefferspray attackiert. Die Polizei ermittelt rasch einen Verdächtigen, dem nun gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird.
Die Folgen der Messerattacken vom Oktober 2022 holen die Hinterbliebenen 2023 immer wieder ein.
Einen Podcast zur Bluttat in Oggersheim und dem Prozess finden Sie hier.