Ludwigshafen / Frankenthal
Mordfall Torun: Um was es im Zweitprozess gegen Lockvogel-Frau geht
Dankbar, so berichtete es später ein Polizist, zeigte sich die damals 42-Jährige, als er sie Anfang 2017 aus ihrer Stuttgarter Wohnung führte. Denn er machte das diskret. Weshalb die kleine Tochter der Verdächtigen wohl nicht mitbekam, was da passierte. Doch irgendwann muss jemand dem Grundschulkind trotzdem erklärt haben, dass seine Mutter in ein schlimmes Verbrechen verstrickt ist. Denn die Frau sitzt seither im Gefängnis. Und einem Urteil Frankenthaler Richter zufolge hätte sie da auch noch für viele Jahre bleiben müssen.
Schließlich haben die Pfälzer Juristen sie als Mörderin des Ludwigshafener Geschäftsmanns Ismail Torun zu lebenslanger Haft verurteilt, und zwar in der besonders harten Variante: Sie haben ihr eine „besondere Schwere der Schuld“ bescheinigt. Und dieser Zusatz hätte der inzwischen 46-Jährigen die Chance genommen, bereits nach 15 Jahren auf Bewährung wieder freizukommen. Doch der Bundesgerichtshof hat das Verdikt aufgehoben, ab Mittwoch wird der Stuttgarterin daher in Frankenthal ein zweiter Prozess gemacht.
Was schon bewiesen ist
Nicht mehr geprüft werden muss dabei allerdings, ob die als Tochter türkischer Eltern im unterfränkischen Ochsenfurt geborene Frau eine kriminelle Entführerin ist. Schließlich ist rechtskräftig bewiesen: Sie rief Ende 2016 reiche Unternehmer in der Rhein-Neckar-Region an, um ihnen lukrative Geschäfte in Aussicht zu stellen. In Wirklichkeit allerdings sollte sie diese Männer – zumeist Türken – in eine Mannheimer Lagerhalle locken. Denn dort wollten ihre zwei Komplizen die Opfer überwältigen und ihnen Lösegeld abpressen.
Doch schon für den ersten in diese Falle getappten Geschäftsmann endete die Erpressung tödlich. Nachdem der Spielautomaten-Betreiber aus dem badischen Brühl nicht zahlen wollte, wurde er erdrosselt. Allerdings geht die Justiz davon aus, dass ihn die beiden männlichen Entführer auch umgebracht hätten, wenn er ihnen Geld hätte bringen lassen. Der Lockvogel-Frau hingegen gestanden die Frankenthaler Richter bereits im ersten Urteil zu: Sie dachte zunächst, dass ihre Komplizen diesen Unternehmer wieder freilassen würden.
Kritik der Bundesrichter
Danach allerdings, sagten die Pfälzer Juristen, muss der Stuttgarterin klar gewesen sein, was künftigen Opfern blühen würde. Aber weil sie scharf auf Beute war, habe sie trotzdem weitergemacht. Und deshalb sei sie doch noch zur Mit-Mörderin geworden, als sie Anfang 2017 den Ludwigshafener Bauunternehmer Torun in die tödliche Falle lockte. Doch der Bundesgerichtshof kritisiert: Da waren die Frankenthaler Kollegen zu oberflächlich. Weshalb eine neue Richter-Truppe die Rolle der 46-Jährigen jetzt noch einmal untersuchen muss.
Fragen werden sich die Juristen nun also vor allem: War der Angeklagten klar, was mit Torun passieren würde? Und hat sie seinen Tod auch gewollt? Einblicke könnten wohl am ehesten ihre beiden Komplizen geben, die im ersten Prozess gemeinsam mit ihr verurteilt worden sind – ebenfalls zu „lebenslänglich“ in verschärfter Form. Und weil der Bundesgerichtshof dagegen keine Einwände erhoben und ihr Schicksal damit ohnehin besiegelt hat, könnten die zwei Türken nun als Zeugen offen über die Verbrechen sprechen – eigentlich.
Drohung mit Atombomben
Allerdings haben die Richter einen der beiden Männer auch noch als gemeingefährlich eingestuft und über ihn eine Sicherungsverwahrung verhängt. Das bedeutet: Falls seine Strafe eines Tages doch als verbüßt gelten sollte, müsste der frühere Betreiber einer Frankenthaler Wellness-Oase trotzdem hinter Gittern bleiben. Und nachdem der Bundesgerichtshof in diesem Punkt ebenfalls eine Nachkontrolle angeordnet hat, steht auch ihm ein Zweitprozess ins Haus – weshalb er weiterhin ein Interesse daran hat, seine Rolle zu beschönigen.
Dabei hat er im ersten Durchgang seine Glaubwürdigkeit schon außergewöhnlich gründlich ruiniert: Er präsentierte sich als Opfer finsterer Verschwörungen, in die neben einer ominösen Verbrecherbande auch die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Medien, seine Verteidigerin, seine Prozess-Dolmetscherin sowie eine Gefängnispfarrerin verstrickt seien. Und einmal drohte der mittlerweile 52-Jährige gar mit Tausenden Atombomben, die er auf der ganzen Welt versteckt habe und per Fernbedienung zünden könne.
Neue Erkenntnisse zur Beute
Gut möglich also, dass die Richter von ihm auch weiterhin nur wenig Brauchbares über die Lockvogel-Komplizin hören. Aber immerhin können sie neue Ermittlungsergebnisse zu dem Fall heranziehen, und in denen geht es ums Geld: Ehe sie ihn ermordeten, hatte Unternehmer Torun seinen Entführern fast eine Million Euro Lösegeld bringen lassen, die bis heute zum Großteil verschwunden sind. Im ersten Urteil allerdings stand: Die Stuttgarterin hat wohl nur einen Mini-Anteil bekommen, von etwa 10.000 Euro war dort die Rede.
So ein vergleichsweise kleiner Betrag ließe sich als Indiz dafür deuten, dass seine Empfängerin tatsächlich nur eine naive Handlangerin war, die sich von Komplizen übertölpeln ließ. Doch Ende 2019 bekam die Polizei einen neuen Tipp. Demnach hatte die 46-Jährige inzwischen ihren Angehörigen verraten, wo sie eine Plastiktüte voller Scheine versteckt hat. Woraufhin ihr Mann und ihre zwei schon erwachsenen Kinder eine deutlich größere Summe entdeckt haben sollen: beachtliche 40.000 Euro, die sie unter anderem für eine Verschönerung der Stuttgarter Wohnung ausgaben.
