Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Mit 33 Polizei-Führungskraft: Annika Wiese über Gerechtigkeit, Krimis und die Arbeitsbelastung

Seit Oktober Leiterin der Polizeiinspektion Oppau: Annika Wiese.
Seit Oktober Leiterin der Polizeiinspektion Oppau: Annika Wiese.

Direkt vom Hörsaal in den Chefsessel: Annika Wiese steht seit wenigen Wochen an der Spitze der Polizeiinspektion 2 in Oppau. Die Dienststelle ist für acht Stadtteile und 98.000 Menschen in Ludwigshafen zuständig. Was die 33-Jährige an der Aufgabe reizt, was sie sich vorgenommen hat und warum sie die Partnerschaft mit den Eulen fortsetzen will, darüber hat Steffen Gierescher mit ihr gesprochen.

Warum sind Sie Polizistin geworden, Frau Wiese?
Weil ich damals einen maximal abwechslungsreichen Beruf erlernen wollte. Das war er bisher immer, und er wird es, so hoffe ich, gerade jetzt auch weiterhin bleiben.

Also keine familiäre Vorbelastung, und keiner, der Sie ein bisschen in diese Richtung geschubst hat?
Nein. Das war nur ich selbst.

„Ich bringe vollen Einsatz. Weil Gerechtigkeit für mich mehr ist als ein Wort. Ich werde Kommissarin.“ Das steht auf einem großen Plakat, das am Hoftor der Polizeiinspektion hängt. Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?
Dass alle relevanten Belange fair berücksichtigt werden. Dass sich jeder gesehen und sich niemand übergangen fühlt.

Sie sind direkt nach dem Studium in eine Führungsrolle geschlüpft – dafür muss man ein gesundes Selbstbewusstsein mitbringen.
Das braucht man generell in diesem Beruf. Ich glaube auch, dass ich selbstbewusst genug bin für diese Aufgabe.

Worauf kommt’s an?
Man sollte wertstabil sein, auf ein gesundes Miteinander, Teamfähigkeit und gemeinsame Lösungsfindungen achten. Für mich als Führungskraft ist das wegweisend.

Wurden Sie für den Posten vorgeschlagen? Haben Sie sich beworben? Wie lief das ab?
Das war ein Zusammenspiel verschiedener Aspekte. Ich war schon immer ehrgeizig, auch auf dem Weg dahin, und wollte über den Tellerrand hinaus blicken. Dann hat sich diese Aufgabe hier angeboten.

Banner am Tor zur Inspektion.
Banner am Tor zur Inspektion.

Sie pendeln mit dem Auto von Mainz nach Ludwigshafen. Pkw-Pendler in Frankenthal und im Norden von Ludwigshafen trifft die aktuelle B9-Sperrung knüppeldick. Wie äußert sich das Ganze im Polizeialltag?
Wir bemerken das am erhöhten Verkehrsaufkommen auf den Ausweichstrecken. Aktuell registrieren wir aber keine steigenden Unfallzahlen. Dennoch nehmen wir alle Beschwerden ernst und kontrollieren mit den Frankenthaler Kollegen relevante Punkte. Mit unseren Fahrzeugen haben wir bisher trotz der Behinderungen jeden Einsatzort erreicht. Ich selbst fahre mit dem Auto, weil es mir als PI-Leitung wichtig ist, flexibel zu sein. Wenn ich Feierabend mache und es Gesprächsbedarf bei den Kollegen gibt, dann möchte ich mir die Zeit auch nehmen und nicht auf die Bahn angewiesen sein.

Ähnlich hat Ihr Vorgänger Johannes Freundorfer argumentiert, der in Kaiserslautern wohnt. Er war nur zwei Jahre PI-Chef. Seine Vorgängerin Katja Brill gerade mal drei Jahre. Es gab hier fünf Personalwechsel in zehn Jahren. Polizeipräsident Andreas Sarter sagte bei Ihrer Amtseinführung, er wünsche sich etwas mehr Kontinuität. Erfüllen Sie ihm diesen Wunsch?
In der Laufbahn des höheren Dienstes sind häufige Funktionswechsel nicht unüblich. Für mich war es immer ein Ziel, eine Dienststelle zu übernehmen. Ich freue mich sehr, dass das geklappt hat. In der bisher kurzen Zeit fühle ich mich auch sehr wohl. Ich hoffe daher, eine gewisse Zeit hier bleiben zu dürfen.

Wie Kollege Freundorfer wollen Sie an der Kooperation mit den Eulen-Handballern unbedingt festhalten. Inwiefern profitiert die Polizei davon?
Die Kampagne heißt ja „Wir gemeinsam für LU“. Das bedeutet: Wir teilen mit den Eulen Werte, wie Teamgeist, Verantwortung, Vertrauen, Respekt. Dafür stehe ich auch persönlich. In einer Kooperation sind diese Werte für beide Partner sichtbarer, greifbarer, fühlbarer. Davon profitiert auch die Bevölkerung. Ihr Sicherheitsgefühl ist wesentlich für die Polizeiarbeit. Ich möchte auf die Leute zugehen und erkennbar sein. Mein Fokus liegt ganz klar im Miteinander mit den Ortsvorstehern und den Verantwortlichen der Stadt, um nah dran zu sein an den zentralen Themen und den Bürgern. Auch, um auf deren Belange reagieren zu können.

Sie leben in Mainz, der größten Stadt in Rheinland-Pfalz, und arbeiten jetzt in der zweitgrößten. Wie gut kennen Sie Ludwigshafen?
Noch nicht so gut. Ich habe schon einiges gehört, will mir aber selbst ein Bild machen. Rausfahren, schauen, Eindrücke sammeln. Die BASF direkt vor der Haustür ist für uns natürlich ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Dienstgebäude in Oppau.
Das Dienstgebäude in Oppau.

In einer der letzten Ausgaben hat das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ auf seinem Titel bezogen auf das gesamte Bundesgebiet etwas reißerisch gefragt: „Sind wir noch sicher?“ Sind wir es in Rheinland-Pfalz?
Ich würde sagen: ja. Die Anzahl der Straftaten in Rheinland-Pfalz ist – bereinigt um die Corona-Jahre – auf dem niedrigsten Stand seit 1996. Wir haben derzeit in Rheinland-Pfalz mit über 10.000 Polizeibeamten so viele wie noch nie. Wir sind gut ausgestattet, wir sind gut ausgebildet. Aber klar ist auch: Gesellschaftliche Veränderungen bedeuten auch für die Polizei, dass man sich anpassen und sich im Zweifel auch neu sortieren muss.

Ganz so rosig ist die Situation aber nicht, glaubt man Kollegen, die – wenn auch häufig anonym – über zu hohe Belastungen, zu viele Schichtdienste und zu wenig Freizeit klagen. Selbiges moniert auch die Gewerkschaft.
Ehrlicherweise muss man sagen: Es ist nie ganz rosig. Das Aufgabenfeld der Polizei hat sich durch die Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder neue Kriminalitätsfelder massiv verändert. Dieser Wandel ist nicht für jeden zufriedenstellend. Auch das muss man führungstaktisch begleiten.

Das heißt, es ist immer ein bisschen Druck auf dem Kessel?
Immer.

Ob der Ukraine-Krieg, der Gaza-Konflikt oder die aktuellen Ereignisse in Syrien: Das hat Folgen bis in die lokale Ebene, seien es Demos oder Jubelfeiern. Wie reagiert die Polizei darauf?
Solche globalen Entwicklungen können sich immer mittel- oder unmittelbar auf die Polizeiarbeit auswirken. Dessen sind wir uns bewusst. Wir werten regelmäßig die Lagen aus und fragen uns: Wie können wir agieren und reagieren? In diesem Kontext sehe ich in Ludwigshafen zumindest aktuell keine besonderen Herausforderungen. Und selbst wenn, wären wir dafür flexibel und gut aufgestellt.

In Mannheim endete Ende Mai ein Messerangriff eines Afghanen auf Ihren Kollegen Rouven Laur tödlich. Er war nur vier Jahre jünger als Sie es heute sind. Wie sehr beschäftigt Sie diese Tat heute noch? Oder können Sie das komplett ausblenden?
Das muss man in Verbindung zu dem Attentat Ende Januar 2022 auf unsere beiden jungen rheinland-pfälzischen Kollegen in Kusel betrachten. Das hat uns alle sehr, sehr betroffen gemacht. Dann noch Mannheim und das schreckliche Video. Als Führungskraft spüre ich dadurch eine noch größere Verantwortung, für die Kollegen ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen. Das prägt meine Aufgabe. Der Alltag ist einerseits fordernd, aber man merkt andererseits, dass solche Taten die Kollegen immer wieder beschäftigen. Das ist auch gut so, der Umgang damit sollte immer wieder hinterfragt werden. Es muss den Raum dafür geben, persönliche Empfindungen zu schildern. Und es muss Formate geben, diese auffangen zu können. Austausch oder Dialog können immer eine viel breitere Perspektive beleuchten. Damit kann man viel mehr bewegen als mit Alleingängen.

Wie ist Ihre Erfahrung: Nimmt der Respekt gegenüber Polizisten ab?
Als ich noch im Wechselschichtdienst auf Streife war, war mein Eindruck, dass sich der Respekt gegenüber allen Einsatzkräften generell verändert hat. Das hat mit vielen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Wir als Polizei müssen uns fragen, wie wir damit umgehen und die Kollegen besser schützen können. Es ist mein persönlicher Anspruch als Führungskraft, dass die Mitarbeiter auf der Dienstelle zufrieden sind. Nur dann können sie gute Leistungen abrufen.

Von den Anforderungen des Alltags zum Angebot in den Medien: Polizeipräsident Sarter hat fast schon eine Aversion gegen Krimis wie den „Tatort“. Wie ist das bei Ihnen?
Tatsächlich ist das auch nicht mein Ding. Das mag grundsätzlich gute Unterhaltung sein, aber eben nicht für mich. In den meisten TV-Formaten wird der Polizeialltag schlichtweg nicht abgebildet. Das nervt.

Zur Sache: Annika Wiese und die Polizeiinspektion

Zum 1. Oktober hat Polizeirätin Annika Wiese (33) die Leitung der Polizeiinspektion (PI) Ludwigshafen 2 in Oppau übertragen bekommen. Sie wechselte vom Präsidium Mainz in die Vorderpfalz. Der bisherige PI-Leiter, Polizeioberrat Johannes Freundorfer (41), übernahm bereits im Juli die Leitung der Kriminalinspektion Landau. Die PI 2 ist in Ludwigshafen für 98.000 Bürger und acht Stadtteile zuständig: Nord/Hemshof, West, Oppau, Edigheim, Pfingstweide, Friesenheim, Oggersheim und Ruchheim. Die Wache in Oggersheim ist ihr organisatorisch angegliedert. 95 Beamte sind in der PI 2 stationiert, darunter 60 im Schichtbetrieb. Im Vorjahr wurden hier rund 3000 Straftaten und 2000 Verkehrsunfälle registriert. Hinzu kommen die Einsätze, die keinen Eingang in die Kriminalstatistik finden.

Das Polizeipräsidium Rheinpfalz mit Sitz in der Wittelsbacher Straße in Süd, wo auch die Polizeiinspektion 1 ihren Sitz hat, beschäftigt rund 2200 Mitarbeiter und ist zuständig für die Sicherheit von über 900.000 Menschen in Vorder- und Südpfalz.

Annika Wiese, ledig, ist in Kirchheimbolanden geboren, lebt in Mainz und pendelt mit dem Auto nach Ludwigshafen. In ihrer Freizeit ist die sportlich ambitionierte Frau gerne mit dem Camper unterwegs und surft – am liebsten im Atlantik. Offiziell in ihr neues Amt eingeführt wurde Wiese am 4. November.

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