Mannheim
Kabarett Dusche in der Klapsmühl’: Parteien und Kartoffelsorten
So ein Kreuzchen ist nun einmal schnell gemacht. Doch wenn man Pech hat, hat man sein Kreuz damit und möglicherweise Kreuzschmerzen obendrein. Eine nagend peinigende Plage, die nicht nur Wolfgang Schmitter, mit 77 Jahren der Älteste im Ensemble, beklagt. Auch seine Co-Kabarettisten und Bühnenpartner Josefin Lössl und Hans Georg Sütsch haben sich kommunal, im Land- oder Bundestag bereits mehrfach verwählt, wie sie zerknirscht im Stuhlkreis gestehen.
Die Wahl der probaten Partei und ihrer Vertreter sei freilich auch anspruchsvoller geworden, weiß Lössl, die sich auf dem Wochenmarkt ähnlich überfragt sieht, wenn sie zwischen 540 in Deutschland zugelassenen Kartoffelsorten die für ihr Mittagessen geeignetste zu wählen versucht. In der Vergangenheit, als es lediglich mehlig- oder festkochende gab und sonst nichts, war das noch einfacher, so wie damals, als im Grunde nur drei Parteien, die SPD, die CDU und die FDP, auf dem Wahlzettel standen.
Kein Rücktrittsrecht
Beim Wählen gilt noch nicht einmal das allgemeine Rücktrittsrecht wie im Handel. Da „Sorry, verwählt!“ zu sagen, bringt die einmal abgegebene Stimme nicht wieder zurück. Selbst in dem Fall nicht, dass die gewählte Partei beschädigt oder fehlerhaft ist oder der Kandidat sich als Mängelexemplar erweist.
Schmitter, der dienstälteste Aktive nicht nur in der Dusche, sondern im deutschen Ensemblekabarett überhaupt, sei somit hoch zu ehren als „Wahlveteran, der schon bei Ludwig Erhard eingestiegen ist und immer noch wählt“, verneigen sich die Kollegen. „Mit der Präzision eines badisch-kurpfälzischen Uhrwerks“ sei ihm jede Wahlbenachrichtigung gleichermaßen Auftrag und Verpflichtung gewesen, der er mit großer Selbstverständlichkeit nachgegangen sei.
Veteran im Flecktarn
Schmitter, der seinen Posten als Geschäftsführer der Mannheimer Kleinkunstbühne 2026 an Frederic Hormuth abgeben wird, kann in „Sorry, verwählt!“ auch ganz anders, aber immer als Veteran. Im grünen Flecktarn als reaktionärer Ex-Soldat Adolf Schmittke, seiner Paraderolle, der sich im Alter noch einmal zur Musterung wie zum Dienst an der Waffe bereit zeigt, die Jugend als „ungediente Grünschnäbel“ über einen Kamm schert und tönt: „Auf mich kann sich Boris Pistorius uneingeschränkt verlassen!“ Oder als scheidender baden-württembergischer Landesvater Winfried Kretschmann, der sich mit grünem Einstecktuch am Revers fragt, weshalb sein Ziehkind Boris Palmer in Tübingen Oberbürgermeister sein kann, wenn in Ludwigshafen der AfD-Kandidat noch nicht einmal antreten darf. „An der unterschiedlichen Gesinnung kann es ja nicht liegen“, findet der Ministerpräsident.
Vor dem Urnengang seien die Beipackzettel, will heißen: die Parteiprogramme, stets sorgfältig zu studieren, empfiehlt die Dusche, damit unerwünschte Nebenwirkungen möglichst ausgeschlossen werden. „Besonders, wenn so manches Kreuzchen auch noch einen Haken hat ...“ Der Ludwigshafener Hans Georg Sütsch nimmt sich den bayerischen Ministerpräsidenten und Querulanten Markus Söder vor, den er mit einer fränkischen Rostbratwurst in der Semmel den Blues „Bös’ bis ins Mark“ singen und reimen lässt: „Heut’ bin ich in Bayern der Bösewicht, der immer noch gerne Grüne verdrischt.“ Die Mannheimerin Josefin Lössl, seit 1998 ein Teil des kabarettistischen Trios, schießt sich dagegen besonders auf die amtierende Bundestagspräsidentin ein, wenn sie Leonard Cohens großen Klassiker „Hallelujah“ in „Hallo, Julia!“ umdichtet und sie wohltönend als „Klöcknerin vom Deutschen Eck, fröhlich, skrupellos und schick“ besingt. „Selbst AfDler lieben sie, am liebsten würden sie die Klöckner klonen. Hallelujah!“
Gedenken an Ozzy Osbourne
Überhaupt zählen die recht zahlreichen Songs, arrangiert von Willi Haselbek, zu den Höhepunkten der vom Kaiserslauterer „Untier“ Wolfgang Marschall verfassten und mit fließenden Übergängen inszenierten Show. „I will survive“ von Gloria Gaynor beziehungsweise nun Lössl ist darunter, die daraus eine Warnung vor dem Rechtsruck werden lässt, „In Zaire“, der Hit vom „Rumble in the Jungle“, der in Mannheim nun „Hinterher“ heißt, oder, in Gedenken an den vor nur einem Vierteljahr verstorbenen Ozzy Osbourne, „Paranoid“ in der Zugabe, der die drei Bühnenkünstler, wer hätte das gedacht, noch zum Headbangen bringt.
Unter einer Kapuze bringt Sütsch altbewährt den „Verschwörer“ zurück auf die Bühne, der wie gewohnt krude Zahlenmystik betreibt, hinter allem und jedem den Geheimbund der „Illuminaten“ vermutet und den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn als Androiden im Bundestag („Geheimoperation Spahnferkel“) enttarnt. Mit Lössl bildet er, ebenfalls seit Jahren erprobt, das einheimische Paar „Liesl und Mompfred“, das diesmal „Unkel Pirmin aus Lumpehofe“ beerben will, um aus ihm dank des gelockerten Bestattungsgesetzes in Rheinland-Pfalz wertvolle Diamanten zu pressen. Daneben hält „Sorry, verwählt!“, das, sage und schreibe, 53. Programm des 1976 ins Leben gerufenen Kabarett Dusche, aber auch ein paar schwächere Nummern bereithält, die man noch streichen könnte.
Info
Bis 26. und am 29. Oktober spielt das Kabarett wieder in der Mannheimer Klapsmühl’ und noch an zahlreichen weiteren Terminen bis in den März kommenden Jahres.