Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Gräfenauschule: Keine „Akut-Hilfe“ aus Mainz

98 Prozent der Kinder in der Gräfenauschule im Hemshof haben einen Migrationshintergrund.
98 Prozent der Kinder in der Gräfenauschule im Hemshof haben einen Migrationshintergrund.

Dass der derzeitige Zustand an der Gräfenauschule im Hemshof höchst problematisch ist, hat Schulleiterin Barbara Mächtle gegenüber der RHEINPFALZ schonungslos offengelegt. Die Belastungsgrenze des Lehrpersonals ist weit überschritten, 40 Kinder, die teils ohne jegliche Deutschkenntnisse an die Schule kamen, müssen in diesem Jahr wohl die erste Klasse wiederholen. Was das Bildungsministerium dazu sagt.

Was wird konkret getan, um dem Kollegium an der Gräfenauschule mehr Hilfe zuteilwerden zu lassen? Das wollten wir vom Landesbildungsministerium wissen und die Antwort darauf fällt ambivalent aus. Konkret heißt es aus Mainz, dass die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) der Gräfenauschule dieses Jahr bereits 137 zusätzliche Lehrerwochenstunden für Sprachförderung genehmigt habe – was rund 5,5 vollen Lehrerstellen entspreche. Das ist nicht wenig. Fragt man allerdings bei Schulleiterin Barbara Mächtle nach, dann wird klar, dass diese Stunden nicht auf ausgebildete Grundschulpädagogen, sondern im Wesentlichen auf Fachkräfte für herkunftssprachlichen Unterricht entfallen.

„Natürlich habe ich diese Stunden zusätzlich und sie helfen auch, weil Kinder ohne bisherige Deutschkenntnisse davon profitieren. Aber sie bringen mir eben für den Klassenunterricht nicht viel.“ In der ersten Jahrgangsstufe würden auf Aufforderungen wie „Holt jetzt bitte euren roten Schnellhefter mal raus“ teils nur zwei Kinder reagieren. „Das ist unsere Situation vor Ort“, sagt Mächtle, und dass auch über das Programm „Aufholen nach Corona“ noch einmal zusätzlich 29 Lehrerwochenstunden zur Verfügung gestellt würden, wie das Bildungsministerium betont, decke noch immer nicht den tatsächlichen Bedarf. Das Ministerium hingegen stellt klar, dass die Erhöhung der Lehrerwochenstunden an der Gräfenauschule insgesamt sieben vollen Stellen entspreche. „Diese Zahlen zeigen, dass die Herausforderungen der Schule bei der ADD bekannt und bereits Schritte eingeleitet worden sind.“

Mehr zum Thema

Eine Lehrerin schreibt in einer Schule Worte an eine Tafel.
Kommentar

Selbstzufriedenes Ministerium

Keine kleineren Klassen

Und wie sieht es aus, was die Möglichkeit eines kleineren Klassenteilers angeht? Könnte an Grundschulen mit solch hohem Förderbedarf, wie es an der Gräfenauschule der Fall ist, etwa eine maximale Klassengröße von 18 Kindern festgesetzt werden?

„Die Gräfenauschule hat im Durchschnitt 21 Schülerinnen und Schüler in den Klassen der 1. Jahrgangsstufe. Damit liegt die Klassengröße unter der in Rheinland-Pfalz gültigen Klassenmesszahl von 24 Kindern“, lautet hierauf die Antwort aus Mainz. Was übersetzt nichts anderes bedeutet, als dass man an der Stellschraube Klassengröße in der im Hemshof liegenden Grundschule, an der insgesamt rund 450 Kinder unterrichtet werden, nicht drehen will. Schulleiterin Barbara Mächtle berichtet indes davon, dass in jeder ersten Klasse der Gräfenauschule derzeit 22 Kinder unterrichtet werden.

Das Bildungsministerium zählt zusammenfassend also zwar durchaus auf, was bisher an zusätzlichen Ressourcen für die Gräfenauschule zur Verfügung gestellt wurde. Was jedoch nicht passiert, ist, dass aus Mainz das Signal kommt, dass weitere personelle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, damit sich die hohe Anzahl von Schülern, die die erste Klasse wiederholen müssen, künftig reduziert.

„Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen“

Geprüft wird nach Angaben des Bildungsministeriums, ob die Gräfenauschule in das gerade startende Programm der Familiengrundschulzentren (FamOS) aufgenommen werden kann. „Diese haben eine engere Zusammenarbeit von Grundschulen mit den Beteiligten an Kinder-, Jugend- und Familienarbeit im Sozialraum vor Ort zum Ziel“, heißt es. Große pädagogische Herausforderungen könnten niemals von einer Schule allein bewältigt werden, argumentiert das Bildungsministerium. „Hier bedarf es gemeinsamer Anstrengungen der Schule, von Ministerium und Schulaufsicht, der Kommune als Schulträger und nicht zuletzt muss auch die Elternschaft einbezogen werden.“

Die Frage, wann Vertreter des Bildungsministeriums denn mal nach Ludwigshafen kommen, um vor Ort ernsthaft zuzuhören und in eine Debatte darüber zu gehen, vor welchen Problemen man hier bildungspolitisch und am Ende auch gesamtgesellschaftlich steht, haben die Mainzer übrigens nicht konkret beantwortet. „Das Bildungsministerium steht auf allen Ebenen mit der Stadt Ludwigshafen in regelmäßigem Austausch, weil uns selbstverständlich die Bildungslandschaft in Ludwigshafen wichtig ist und wir gerade für die Kinder und Jugendlichen Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit schaffen wollen. Dabei sind wir uns mit der Stadtspitze einig“, heißt es aus Mainz.

Ziel: Mehr Ganztagsschulen

Nur mäßigen Effekt hat diese Phalanx kommunal- und landespolitischer Einigkeit allerdings in Sachen Erweiterungsbau an der Gräfenauschule, der bereits seit mehreren Jahren im Gespräch ist. Kleinere Klassen würden zum Beispiel schon ganz profan daran scheitern, dass Räume fehlen – sollten also wirklich 40 Schüler die erste Klasse wiederholen müssen, wird sich diese Situation perspektivisch verschärfen. „Ein Erweiterungsbau der Gräfenauschule kann bei Einhaltung der Fördervoraussetzungen im Landesschulbauprogramm berücksichtigt werden“, betont das Ministerium. Klar ist aber natürlich auch: Als Schulträger ist die chronisch klamme Stadt Ludwigshafen für die Bereitstellung der Schulgebäude verantwortlich.

Man wäre entsprechend wirklich gerne Mäuschen, wenn die gemeinsame und seit Ende 2022 existierende Projektgruppe tagt, von der das Bildungsministerium berichtet. Darin vertreten seien das Ministerium, die ADD sowie die Stadtverwaltung; inhaltlich gehe es um das erklärte Ziel, im Stadtgebiet weitere Ganztagsschulen zu errichten.

Pflichtelemente im Gespräch

Gefragt hat die RHEINPFALZ das Bildungsministerium auch danach, ob es in der besten aller Welten, in der ausreichend Geld für alles Mögliche zur Verfügung steht, dafür plädieren würde, ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr einzuführen – damit insbesondere Kinder aus bildungsfernen Familien bessere Chancen haben, in der Grundschule gut mitzukommen und ihr Potenzial zu entfalten.

„Grundsätzlich wollen wir, dass alle Kinder in die Kita gehen, weshalb wir auch die Gebührenfreiheit ab dem vollendeten zweiten Lebensjahr eingeführt haben“, heißt es hierzu aus Mainz. Von hoher Relevanz sei, dass spätestens im letzten Kitajahr alle Kinder, die Sprachdefizite haben (also nicht nur zwingend jene mit Migrationshintergrund), noch einmal gezielt gefördert werden. „Zusätzliche verpflichtende Leistungselemente werden aktuell im Bildungsministerium diskutiert“, wobei diese im Zusammenhang des Übergangs von der Kita zur Grundschule zu sehen seien, wie es aus Mainz heißt.

x